8 H. von Sybel:
ist ein Ziel gesetzt, und das Eine geschah. Alexander starb.-------Nun
war er zum Entsetzen der folgenden Jahrhunderte geworden". Aber nursehr selten sind die Fälle, wo er ein solches ausdrückliches Urtheil fällt.Seine Grundstimmung ist wie bei Jacob Grimm die ästhetische Freudean jeder Erscheinung eines besondern Daseins, eines eigenthümlichenLebens. Er schwelgt in der Fülle der individuellen und nationalen Kräftejener Epoche. Mit gleich lebhafter Anschaulichkeit schildert er den fröh-lichen Hof Carl's VIII. von Frankreich, den fanatischen Glaubensmuthder spanischen Krieger und Entdecker, das ernste Auftreten und die im-posante Pracht der venetianischen Nobili. Dafs der spanische Ferdinandein Staatsmann von bodenloser Hinterhältigkeit, dafs die Liga von Cam-bray ein Meisterstück betrügerischer Diplomatie gewesen, wird kaum an-gedeutet. Aber als die Sforza in Mailand und die aragonesischen Königein Neapel, Fürsten, als deren vornehmste Eigenschaften er Kunstsinn,Wollust und Grausamkeit berichtet hat, von den Franzosen und Spaniernüberwältigt werden, und Italien damit der Fremdherrschaft verfällt, dabricht er in die Klage aus: „uns aber wird nicht wohl zu Muth. Wirbeklagens, wenn das eigenthümliche Leben, wenn die Creatur Gottes zuGrunde geht. Es giebt hier nur Einen Trost" — (dafs nämlich ohnedas Emporkommen der fremden Mächte Italien wahrscheinlich eine Beuteder Türken geworden wäre). Indessen sei dem wie ihm wolle, die Unter-worfenen sind nun einmal dahin, und Ranke folgt fortan mit gleichemInteresse und gleicher Liebe der Thätigkeit der französischen und spani-schen Eroberer. Ein Geschlecht, ein Volk löst das andere ab, und derLebende hat Recht. „Die Hauptsache ist immer, sagt er am Schlüsse derVorrede, wovon wir handeln, Menschheit wie sie ist, erklärlich oder un-erklärlich: das Leben des Einzelnen, der Geschlechter, der Völker, zu-weilen die Hand Gottes über ihnen".
So geht sein Streben in der Abformung der concreten Gegenständeund Begebenheiten auf. Was dadurch unerklärlich bleibt, läfst er aufsich beruhen, nur zuweilen glaubt er die Hand Gottes über den Men-schen wahrzunehmen. Die gleichmäfsige Sympathie, welche er den Thatenund Schicksalen der verschiedensten Völker zuwendet, läfst in ihm dieFähigkeit zum Universalhistoriker erkennen; dafs er aber bisher dieseRichtung noch nicht genommen, ist ebenfalls deutlich: von grofsen Com-