Gedächtnifsrede auf Leopold von Bänke. 7
lieferung der Quellen festzuhalten. Das Buch selbst zeigt aufserclem nocheine gewifse Einwirkung anderer bedeutender Vorgänger. Es sind Nie-buhr's kritische Grundsätze, welche hier zum ersten Male auf die Er-forschung moderner Ereignisse durchgreifend angewandt werden, und in derstilistischen Form der Darstellung zeigt sich ein bestimmender Einflufs derpointirten Manier Johannes von Müller's. Aber nichts ist sicherer, alsdafs weder Müller noch Niebuhr ein solches Buch hätte schreiben können,und Ranke selbst lehnt es in seiner Vorrede ausdrücklich ab, dafs erirgend einem hohen Muster nachgestrebt habe. „Man hat, sagt er, derHistorie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzenzukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen: so hoher Ämter unterwindetsich gegenwärtiger Versuch nicht; er will blos sagen, wie es eigentlichgewesen". Es klingt so bescheiden, und enthält so viel. Müller's sitt-liches Pathos, hinter dem sich eine unkritische Forschung und eine halt-lose Moralität verbirgt, ist damit beseitigt. Nun stellt zwar auch Nie-buhr an die Spitze seiner Darstellung das Streben, zu sagen, wie eseigentlich gewesen; er fordert, dafs ein Geschichtswerk sich nicht wieeine Landkarte ausnehme, sondern das Bild der Gegenstände selbst vordie Seele rufe, und gerade aus diesem Begehren ist ihm die kritischeMethode, das Mittel zur richtigen Erkenntnifs der Vergangenheit, erwachsen.Dennoch aber ist der Gegensatz zwischen ihm und Ranke höchst bedeu-tend. Niebuhr war leidenschaftlich bei jedem Handeln, Ranke, wenig-stens als Historiker, leidenschaftslos. Der innerste Grund ihrer Auffas-sungen war bei Niebuhr ein ethischer, bei Ranke ein ästhetischer.Niebuhr sah die Vergangenheit stets mit dem Auge des Staatsmanns,Ranke damals mit dem des Künstlers. „Der Geschichtsschreiber, sagtNiebuhr einmal, fühlt über Recht und Ungerechtigkeit, Weisheit undThorheit, die Erscheinung und den Untergang des Herrlichen wie einMitlebender, und so bewegt reden seine Lippen darüber, obwohl Hekubadem Schauspieler Nichts ist". Von dem Odem dieser sittlichen Begeiste-rung zeigt sich jede Zeile seiner geschichtlichen Werke durchweht. Seiner-seits erscheint Ranke ganz gewifs nicht gleichgültig gegen den Unter-schied von Gut und Böse, von Recht und Unrecht; er sagt z. B. vonden letzten Entwürfen Papst Alexander's VI.: „zu diesen Unternehmungenwar Alles bedacht, nur Eines nicht. Aber den menschlichen Verbrechen