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Gedaechtnisrede auf Leopold von Ranke
Entstehung
Seite
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6 H. von Sybel:

Er warf sich in den neuen Beruf mit dem lebhaften Eifer, den er zujeder Beschäftigung mitbrachte, widmete aber den besten Theil seinerEnergie der ersten gröfseren historischen Arbeit, deren Erscheinen sofortdie Blicke weiter Kreise auf ihn lenken sollte. Seine Arbeitslust warebenso unermüdlich, wie seine Arbeitskraft; binnen wenigen Jahren er-rang er sich die Beherrschung aller europäischen Litteraturen, so weit sieauf das 15. und 16. Jahrhundert Bezug haben. Seine einzige Erfrischungwährend dieser Ungeheuern Anstrengungen war starke Bewegung in frischerLuft: trotz seiner kleinen Statur war er damals ein gewaltiger Reiter;während der Ferien tummelte er, in ledernen Reithosen und hohen Stulp-stiefeln, Stunden lang mit strahlender Freude sein Rofs auf den weitenWiesen seines Geburtsorts, wie er schon als Student die Reise von Leip-zig nach Halle und zurück im Sattel zu machen geliebt hatte. Späterhat man ihn, so viel ich weifs, hier in Berlin nicht mehr zu Pferde ge-sehn; dafür verging kein Tag, an dem er nicht zwei Stunden lang denThiergarten oder die sonstige Umgebung der Stadt als rüstiger Wandererdurchstreifte. Sein äufseres Leben war überhaupt in Frankfurt wie inspäterer Zeit überaus regelmäfsig und einfach; so wurde es ihm möglich,seiner kräftigen und zähen Natur bei ununterbrochenem immer bis tief indie Nachtstunden fortgesetztem Fleifse die beinahe ein Jahrhundert errei-chende Ausdauer zu sichern.

Sein Buch: Geschichte der romanischen und germanischen Nationenerschien im Jahre 1824, also unmittelbar vor dem Beginn seines dreifsig-sten Lebensjahres. Es war das Ergebnifs und zugleich der Abschlufsseiner Jugendzeit. Es verlohnt sich um so mehr, es kurz zu charakteri-siren, da es die Natur und die damalige Entwicklungsstufe seines Verfas-sers in grofser Anschaulichkeit wiederspiegelt.

Der erste, und wie ich denke auch der letzte, Eindruck, den esbei dem Lesen hinterläfst, ist der einer originalen, naiven, in vollerSelbständigkeit aus eignem Kerne entfalteten Schöpferkraft. Er selbsthat uns gesagt, er sei durch Augustin Thierry's glänzende Darstel-lungen angeregt worden; dann habe ihn die Wahrnehmung, dafs mancheAngaben in den historischen Romanen Walter Scott's mit den gleich-zeitigen Quellen im Widerspruch standen,mit Erstaunen" erfüllt, und ihnzu dem Entschlüsse gebracht, auf das Gewissenhafteste an der Über-