Druckschrift 
Gedaechtnisrede auf Leopold von Ranke
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

Gedächtnifsrede auf Leopold von Ranke. 5

nigin Boadicea plötzlich die Wahrnehmung, dafs jetzt die Deutschen sichgegenüber den Franzosen in derselben Lage befänden, wie damals die Britengegenüber den Römern. Man begreift, sagte er uns am letzten 21. De-cember, dafs die Geister den allgemeinen Gegenstand des Kampfes zuahnen anfingen. Immer sieht man auch hier, wie verschieden die in Portaherrschende Stimmung von jener der Berliner und Breslauer Gymnasienwar, wo die höhern Classen sich auflösten, und die Schüler die Musketeergriffen.

Der Lehrcursus der Porta war damals auf sechs Jahre berechnet.Als Ranke aber 1814 das fünfte vollendet hatte, bat er den Vater ihmden Abgang zur Universität zu verstatten, weil die Unterrichtsstundenihm zu viel Zeit für^ seine eigenen Arbeiten entzögen. Der Vater liefsihn gewähren, und Leopold ging nach Leipzig, wo er sich vornehmlichan den damaligen Meister der Philologie, Gottfried Hermann, anschlofs.Es heifst, dafs in dieser Zeit besonders Thucy dides, Niebuhr undFichte auf ihn eingewirkt hätten. Was den letzten betrifft, so wird essich, wenn die Nachricht überhaupt richtig ist, nach Äufserungen Hein-rich Ranke's, lediglich um Fichte's Anweisung zum seligen Leben han-deln, welches Buch den beiden Brüdern in ihren christlichen Überzeu-gungen mehrfache Anknüpfungspunkte darbot. Dafs Thucy dides undNiebuhr auf den künftigen Historiker Eindruck machten, bedarf keinerErläuterung; noch wichtiger aber vielleicht für seinen künftigen Lebens-gang war die durch sein theologisches Studium veranlafste fortdauerndeBeschäftigung mit den Schriften Luther's. Denn durch dessen gewaltigenGeist im tiefsten Innern erregt, empfand er das Bedürfnifs, alle Verhält-nisse zu kennen, auf deren Boden sich die grofse Reformation vollzogenhat, und fand sich so zu immer weiter ausgedehnten Forschungen veran-lafst, welche ihn schliefslich zu dem classischen Geschichtschreiber aufdem Gebiete des 16. und 17. Jahrhunderts erhoben haben.

Im Jahre 1818 trat Ranke activ in den preufsischen Staatsverbandein, dem Wiehe und Porta seit 1815 angeschlossen waren, und dem erdann bis an sein Lebensende mit innerlich überzeugtem Patriotismus an-gehört hat. Er erhielt damals die Berufung zu einer Oberlehrer-Stellean dem Gymnasium zu Frankfurt an der Oder, dessen Director Poppo,selbst ein Schüler Herrn an n's, ihn in Leipzig schätzen gelernt hatte.