§ 61. Privatrecht. 5. Erbrecht. 827
Neben den Anfängen des Erbeinsetzungsvertrages begegnet im Mittel-alter auch schon der Erbverzicht, obschon dieser ebenfalls sich noch vor-zugsweise auf sachenrechtlichem Gebiet und in den Formen der Auflassung
bewegte 242 .
Im Gegensatz zu den vertragsmäßigen Geschäften wurden Verfügungenzum Heil der Seele (Seelgeräte) unter dem Einfluß der Kirche auch alseinseitige und, soweit sie sich in billigen Grenzen hielten, von der Genehmi-gung der Erben freie Akte zugelassen 243 . Gerichtlichkeit war dabei nichterforderlich, es genügte die Bekundung vor Zeugen. Eigentliche Testa-mente, wenn auch regelmäßig ohne Erbeneinsetzung, begegnen währenddes ganzen Mittelalters unter der Geistlichkeit, welche die Befugnis dazudem römischen Kecht entlehnte, in der Form sich aber an die deutschenGewohnheiten anschloß 244 . Die Abfassung geschah bald mündlich vorZeugen, bald zu Protokoll vor dem Offizial, bald durch Privaturkunde, häufigwie bei den 'Geschäften' durch Vermittelung eines Treuhänders, der an dieStelle des alten Salmannes getreten war, und aus dem sich im Lauf desMittelalters das Institut des Testamentsvollstreckers entwickelte 245 . AlsSeelgeräte wurden derartige Verfügungen durch die kirchliche Autoritätauch dann aufrechterhalten, wenn sie von Laien herrührten. Mit den Laien-testamenten fand sich das weltliche Eecht im allgemeinen nur unter derVoraussetzung ab, daß die für das „Geschäft" gebräuchlichen Formenbeobachtet wurden. Auf diesem Wege entstanden seit dem 13. Jh. neben
der EM. Güterr. 2, 2 S. 266ff. 3 S. 388. Ficker Erbenf. 3, 150ff. Über spätereZeit vgl. Stadelmeyer, Einkindschaftaverträge nach. Bamberger Landrecht,Zeitachr. f. Rechtspflege i. Bai. 1910 S. 359ff.
m Vgl. Stobbe 5, 97ff. 302ff. Heusler 2, 570ff. Beseler Erbverträge2,2 S. 215ff. Loersch- Schröder-Perels Nr. 123. 164. 190. 213. Hasse Schlesw.-holst. Urk. 3, 349 Nr. 618 (1327).
243 Über ihre Ableitung aus dem germanischen Totenteil vgl. S. 77. 366.Klatt (n. 203). Brunner Portleben des Toten 29. Gal Totenteil u. Seelteil,ZRG. 42, 223. Kogler Seelenrecht u. Pönfall (Festschr. Brunner 1910, 175ff.,vgl. v. Grienberger, AllgLitBl. 1911 Nr. 12). Bartsch Seelgerätstiftungen imW. Jh. 1908 (Festschr. Amira). Henrici Schenkungen an d. Kirche 1916 (vgl.Fehr ZRG. Kan. 6, 431). A. Schultze Stadtgemeinde u. Kirche (S. 655 79a ) lllff.Rchreuer Recht d. Toten 1, 341. 2, 182. 188. Hübner 3 652ff. A. SchultzeSeelgerät u. Besthaupt, ZRG. 51, 301 ff. G. Schreiber, ZRG. Kan. 5, 439
244 Vgl. Heusler 2, 645ff. MG. Const. 1, 321 (1165). 335 (1173). MoserOsnabr. G. 2, Docum. Nr. 76 (1184). A. Schultze (§ 35 n. 301). Über Erbschleicherei:Mack (S. 666) 219ff. 232. Schairer Relig. Volksleben 1914 S. 24. ProchnowDas Spolienrecht u. d. Testierfähigkeit d. Geistl. im Abendlande bis z. 13. Jh.,Berlin phil. Diss. 1916.
245 Vgl. S. 368. 776. Heusler 2, 648. 652ff. Stobbe 5, 260ff.; ZRG. 7,421 ff. K. Beyerle (n. 7) 1, 11-22. Caillemer Etudes (n. 203), 1. Origineset developpement de l'execution testamentaire (vgl. Stutz, ZRG. 37, 426ff.).A. Schultze Die langob. Treuhand u. ihre Umbildung zur Testamentsvollstreckung1895 (v. Gierke U. 49). Loening (n. 203). Glanwell Letztw. Verfügungen n.gem. kirchl.R. 1900 S. 192ff. Brunner Portlebend. Toten 32. Loersch-Schröder-£erei s Nr< 220. 256. 272. 301. MG. Const. 1, 335 (1173). 0. Schreiber (n. 219)wtff. Roberti Le origini delT esecutore testamentario 1913. Hübner 3 663.