§ 37. Gerichtsverfahren. 2. Ordentliches Verfahren. 399
Der Beweisführer mußte, bevor er zum Gottesurteil schritt, dieWahrheit seiner Behauptung beschwören, das Gottesurteil war daher imallgemeinen kein selbständiges Beweismittel, sondern nur eine Bestärkungdes Eides 52 . Demgemäß kam es vor allem bei der Eides- oder Zeugen-schelte zur Anwendung, nachdem der Gegner der zum Schwur bereit-stehenden Partei oder dem Zeugen oder einem Gegenzeugen die Schwur-hand zurückgezogen hatte 53 , ferner bei der peinlichen Urkundenschelte 54 ,oder wenn eine Partei die erforderliche Zahl der Eideshelfer nicht bei-zubringen vermochte 55 , oder wegen Unfreiheit oder Bßchtlosigkeit nichtohne Gottesurteil zum Keinigungseid zugelassen werden konnte 66 . InMeineidsprozessen wurde die Eidesschelte schon mit der Klage erhoben,hier kam es daher regelmäßig zum Gottesurteil." Das Verfahren inMeineidssachen hat dann wohl den Anlaß gegeben, auch in anderen ge-setzlich mehr oder weniger ausgezeichneten Fällen dem Kläger unmittel-bar die Herausforderung zum Gottesurteil, namentlich die kampflicheAnsprache, zu gestatten 58 .
Der Gebrauch der Folter 59 war den Germanen unbekannt. NurGoten, Burgunden, Franken und Baiern haben sich ihrer, zweifellos nachrömischem Vorbild, gegen Unfreie bedient. Einzig die Westgoten ver-
Liebermann ZRG. 32, 140. Über das Gottesurteil des heißen Eisens im alt-russischen Recht vgl. Götz Das russische Recht (Bonner Univ.-Programm 1909 S.5).
52 v. Amira, Germ. 20, 63f., macht darauf aufmerksam, daß erst Ludwigd. Fr. den Eid aus dem Gottesurteil entfernt hat.
53 Vgl. L. Burg. 8, 2. 45. 80, 2f. L. Rib. 67, 5. L. Sah extrav. B. c. 2(Behrend 2 166). Roth. 9. 202. 213. 365. Grim. 7. Liutpr. 11. L. Fris. 11, 3. 14, 5.L. Angl. et Wer. 2. 39. 42f. 56. L. Sax. 63. Pact. AI. 2, 33. L. Alam. 54, 2. 86, 4.L. Baiuw. 2, 1. 13, 8f. 17, 2—6. Cap. 1, 117, 4. 180, 3. 217, 8. 268, 1. 282, 10.Brunner 2, 373f. 434. 436; Zeug.- u. Inqu.-Bew. 16. 27f.; Schwurger. 52. 57.
64 Vgl. S. 392. L. Rib. 59, 4f. L. Sal. extrav. B. c. 4 (Behrend 2 167).Brunner Gerichtszeugnis 144f.; Carta u. Notitia 16f.; Schwurger. 64f.
55 L. Sal. (Behrend) 14, 2, Zusatz; 16, 4, Zusatz. Ed. Chilper. 7 (wo nachBrunner Mithio und sperantes 24f., ad inium statt aut initium oder ut mitium zulesen ist). L. Rib. 31, 5. L. Alam. 91. Synod. Francof. v. 794 c. 9 (Cap. 1, 75).
56 Vgl. L. Rib. 30, 1. Pact. pro ten. pac. 5f. 8. 11. Ed. Chilp. 7. L. Fris.3, 6. Cap. 1, 58 c. 64. 148 c. 1. 281 c. 1. In solchen Fällen trat das Gottesurteilnicht selten vor den Eid. Vgl. v. Amira a. a. 0. 80ff.
67 Vgl. 6. sal. Kap. c. 16 (Behrend 2 159). Brunner Zeug.- u. Inqu.-Bew. 16.28; Schwurgerichte 58. Die Meineidsklage war stets zugleich Ersatzklage hinsicht-lich des durch den Meineid Verlorenen früheren Prozesses.
58 Vgl. Brunner 2, 374. L. Sal. 88 (53). L. Rib. 57, 2. L. Cham. 46. 48.L. Alam. 43. 81. L. Baiuw. 12, 8. app. 4 (MG. Leg. 3, 337). L. Fris. 3, 8. L. Angl.et Wer. 55. Roth. 198. 381. Liutpr. 71. 118. Adelchis 6. Cap. 1, 5 c. 4. 6 c. 1049 c. lOf. 113 c. 5. 284 c. 15.
59 Vgl. Brunner 2, 401. 403. 409. 413f. v. Bethmann-Hollweg 1, 170.239ff. 285f. 5091 512f. Dahn Studien 282ff. Nissl Gerichtst. d. Klerus llOf.L- Wis. 6, 1 e. 2—5. L. Burg. 7. 39, 1. L. Sal. 67 (40). L. Baiuw. 9, 19. Daßdie Franken die Prügelbank, die ihnen statt der Folter diente, unter Umständenauoh für Juden in Anwendung brachten, ergibt sich aus der Befreiung der könig-lichen Schutzjuden, Form. imp. 30 (Zeumer 309).