§ 37. Gerichtsverfahren. 2. Ordentliches Verfahren. 395
besonderes Beweisvorrecht; beide Urkunden wurden im Gericht verlesen,worauf das Urteil entschied, wer das bessere Recht für sich habe 30 .
Der Eid 31 wurde nur ausnahmsweise als Eineid, in der Regel mitEideshelfern geleistet, deren Zahl sich nach dem Gegenstand richtete.Der höchste Eid („Volleid") war im allgemeinen der Zwölfereid (mit oderohne Einrechnung des Hauptmannes), doch wurde unter Umständen auchdas Doppelte, Drei-, Vier- oder gar Sechsfache verlangt 32 . Geringere Eidewurden selbsiebent oder selbsechst, selbviert oder selbdritt, vereinzelt auchwohl mit nur einem Helfer geleistet. Der Eid wurde der schwörendenPartei von ihrem Gegner, später vom Richter „gestabt", wobei der Ab-nehmer des Eides, einen Stab in der Hand, den im Urteil formuliertenEid Wort für Wort vorsprach, der Schwörende unter Anrufung Gottesebenso nachsprach 33 . Nach der Partei schwuren die Eideshelfer, ur-sprünglich mit gesamtem Munde, später jeder für sich. Jeder Form-verstoß bei dem Eide machte den Beweisführer sachfällig. So lange der
probattis negare non polest. 9, 7: In Ms vero causis sacramenta praestentur, inquibus nullam pröbalionem discussio iudicantis invenerit. L. Sal. (Behrend) 39. 2:Si — — probatio certa non fuit, sicut pro occiso iuratore donet. Der Gegensatzzwischen probatio und iusiwrandum begegnet noch bei Obertus de Orto, IL F. 2§ 1: si per guoslibet idoneos festes aut per publicum instrumentum probari poterit,aut inopia probationvm res decidatur per iusiurandum.
30 Vgl. Loersch u. Schröder 3 Nr. 54 (64). Über den Fall, wo sich zweiKönigsurkunden gegenüberstanden, vgl. n. 12. Brunner Gerichtszeugnis 155.
31 Vgl. S. 93. 370. Brunner 2, 377ff. 427ff. Siegel 176ff. 225ff. 277ff.v. Bethmann-Hollweg 1, 28ff. 169. 172. 379. 513. 2, 127f. 130. 134ff. 160ff.Maurer Beweisverfahren 196ff. 239ff. Loening Reinigungseid 1880. GemeinerEideshilfe u. Eideshelfer 1848. Cosack Eidhelfer 1886. Sohm R.- u. GV. 575ff.Beaudouin a.a.O. (S. 388). Kolderup-Rosenvinge Dissertationes de usuiuramenti in litibus probandis et decidendis, iuxta leges Daniae antiquas 1815/17.v. Amira 3 269ff.; Zur salfränkischen Eideshilfe, Germania 20, 53ff. Grimm RA.859ff. 892ff. Zorn a. a. 0. 12—35. Thonissen a. a. 0. 516ff. Pardessus LoiSalique 624ff. Waitz 1, 443f. Ein eigentümliches Überbieten des vom Klägerangetretenen Widereides durch einen größeren Eid des Beklagten fand nach dem2. sal. Kapitular c. 8 bei Prozessen unter Antrustionen statt. Ursprünglich durftennur Verwandte oder Nachbarn des Schwörenden zur Eidhilfe genommen werden,was sich in einigen Rechten erhielt, in den übrigen wenigstens die Regel blieb. BeiFreiheitsprozessen wurden bestimmte Verwandte von Vater- und Mutterseite ver-langt (Brunner 2, 381f.). Sonst war, wo die nötige Zahl der Verwandten fehlte,Ergänzung aus anderen Personen gestattet.
32 Über den noch Ssp. 1, 6 § 2 erwähnten Eid mit 72 Helfern vgl. Brunner2, 384 n. Brief Alkuins an Arno bei Migne Alcuini opera 1, 324f.
33 Daher in altfranzösisohen und anglonormannischen Quellen iuramentum1 ractum, im Gegensatz zu dem nicht so wörtlich nachzusprechenden schlichtenEide {iuram. planum, non fractüm, ags. mid unforedan aSe), der insbesondere dender heimischen Sprache unkundigen Fremden, z. B. den Normannen in England,gestattet wurde. Vgl. Brunn er ZRG. 30, 128. Über die Form des Eides § 13n. 13. Nach christlicher Sitte legte der Schwörende die Hand auf einen Reliquien-schrein („auf den Heiligen schwören"), oder auf den Altar, das Evangelienbuchoder ein geweihtes Kreuz. Über das bairische stapsaken vgl. v. Kralik N. Arch.38 (Sonderabdruck S. lOOff.). v. Grienberger MJÖG. 35, 161.