§ 35. Das Privatrecht. 2. Sachenrecht. 303
Erben warterecht, ein auch gegen Verfügungen unter Lebenden geschütztes,bei Notverkäufen aber zu einem bloßen Vorkaufsrecht verflüchtigtes Pflicht-teilsrecht 36 . Dagegen beruhte das Beispruchsrecht der übrigen Stammes-rechte auf der Gemeinderschaft der Hausgenossen, denen, solange sie nochnicht durch Abteilung geschieden waren, als „Ganerben" (coheredes) einGesamtrecht an dem Grundbesitz des Hauses zustand 37 . Der Grundbesitzwar nicht Privatgut des einzelnen, sondern Gesamtgut des Hauses. Nurdurch Abteilung unter gegenseitiger Auflassung wurde die Gemeinderschaftbeseitigt, so daß jeder Teilhaber die freie Verfügung über seinen Anteilund seinen ganzen ferneren Erwerb erlangte 38 .
Die Übereignung von Grundstücken 39 vollzog sich zunächst auch inunserer Periode in der altgermanischen Weise der körperlichen oder realen
36 Vgl. L. Sax. c. 62: Nulli liceat tradilionem hereditatis suae facere praeterad ecclesiam vel regi, ut heredem suum exheredem faciat, nisi forte famis necessitatecoacius, ut ab illo, qui hoc acceperit, »ustentetur; mancipia liceat Uli dare ac vendere.c. 64: Liber homo, qui sub tutela nobilis euiuslibet erat qui iam in exilium missusest, si hereditatem suam necessitate coactus vendere voluerit, offerat eam primo proximosuo; si ille eam emere noluerit, offerat tutori suo, vel ei qui tunc a rege super ipsasres constitutus est; si nee ille voluerit, vendet eam cuicumque libuerit. Vgl. v. Richt-hofen MG. Leg. 5, 79ff. in den Noten.
37 Das Wort geanervo (MG. Cap. 1, 380) ist mit der die Gesamtheit andeutendenVorsilbe ge- aus anerbe (der zu einem „Erbe" Berechtigte) gebildet. Vgl. Heusler1, 230. Grimm RA. 482; DWB. 4, la, 1215ff. Auch Ssp. 1, 17 § 1 steht ganervenin dem Sinne von „Miterben" und nicht in der von Homeyer (Register zum Ssp.)angenommenen Bedeutung. Das Wort kommt auch bei Markgenossenschaftenvor. Vgl. Lamprecht WL. 1, 278. Über die Ausdehnung des Ganerbenrechtsauf gewonnenes Gut vgl. v. Amira Erbenfolge 107. Lacomblet Niederrh. ÜB. 1Nr. 23. Das langobardische Recht berücksichtigte nur das Erbgut, auf gewonnenesGut hatten die Ganerben kein Recht. Vgl. Roth. 167. Nach L. Burg. 1 (n. 38)beschränkte sich das Ganerbenrecht auf das ursprüngliche Landlos.
38 Vgl. L. Alam. 85. L. Bai. 1, 1. L. Burg. 1, 1: ut patri etiam, antequamdividat, de communi facultate et de labore suo cuilibel donare liceat, absque terrasortis titulo adquisita. Vgl. ebd. 24, 5. 51, lf. Ein praktisches Beispiel einerErbteilung mit Verzicht Eorm. Marc. 2, 14: inter se visi sunt divisisse vel exequasse,et hoc invicem pars parte tradidisse et per festuca omnia partitum esse dixisse. Überdie Bezeichnung des durch Teilung frei gewordenen Anteils als sväs-scara (propriaportio), swäscara und watschar vgl. Heusler 1, 241. v. Amira 3 196.
39 Vgl. S. 66 n. 13. v. Amira Stab (S. 13) 147ff. (dazu Goldmann D. Lit.-Zeitung 1910 Sp 2629f. Schröder ZRG. 43, 448); Obl.-R. 1, 512ff. 554f. 2, 624ff.686f.). F. Andreae Oud. Nederl. bürg. R. 1, 189ff. Beseler Erbverträge 1, 19ff.Brunner Grundz. 6 194f. 197f.; RG. d. Urkunde 113ff. 263ff. 272ff.; Forsch. 608ff.(ZHR. 22,526ff.); Carta u. Notitia 1877 (Comment. in honor. Mommseni) S. llff.; Jen.Lit.-Zeitg. 1876 S. 500. Caillemer Origine et developpement de l'execution testa-mentaire 1901 S. 250—268. Gierke D. Pr.-R. 2, 266ff; Schuld u. Haftung 153f.Haiß Traditio u. Investitura 1876. Heusler Gewere 1—49. Huber G. d. schw.Pr.-R. 701 ff. Hübner D. Pr.-R. 2 216ff. K. Lehmann Altn. Auflassung, ZRG.18, 84ff. E. Mayer Die Einkleidung, Festschr. Wach 1913 S. 52—69 (vgl. StutzZRG. 47, 724). Merkel Das Firmare des bair. Volksrechts, ZRG. 2, 99ff. Par-dessus Loi Salique 616ff. Siegel Kr. VJSchr. 5, 593ff. Sohm R. d. Eheschließung83 ff.; Frank. R. u. röm. R, ZRG. 14, 15f. 27ff.; MG. Leg. (fol.) 5, 248. 250.Stobbe Auflassung, Jherings JBB. 12, 137ff.; D. Pr.-R. 2 § 94 (2 3 § 105).