238 Fränkische Zeit.
Teil nahmen sie schon den besonders von der Kirche betonten, durchdie karolingische Gesetzgebung allgemein anerkannten und auch im nor-wegischen Recht vertretenen Standpunkt ein, daß die Schuldknecht-schaft durch Zahlung der Schuld wieder aufgehoben werde, also nicht dieAufhebung, sondern nur eine Verpfändung der Freiheit bedeute 34 . Nochweiter ging das baierische Eecht, das die Schuldknechtschaft nur bis zurAbarbeitung der Schuld dauern ließ, das Pfandverhältnis demnach alseine Art Totsatzung auffaßte 35 . Die Quellen wissen auch von einer be-grenzten Verpfändung der Freiheit, wobei der Schuldner sich nur fürbestimmte Wochentage zu Diensten verpflichtete 36 . Die Ergebung inKnechtschaft (obnoxiatio), die auch durch andere Notlagen veranlaßt seinkonnte, wurde durch einen Ergebungsakt von Seiten des Knechts undeinen Besitzergreifungsakt von Seiten des Herrn vollzogen 37 .- Anderswaren die Formen bei Vergeiselungsverträgen, da der Geisel zunächstnicht in die Knechtschaft, sondern nur in die Gewahrsam (custodia, fides)
34 Die Langobarden und Westgoten kannten strenge Schuldknechtschaft nurnoch bei höheren Kompositionen, bei geringeren gestattete Liutprand die nach-trägliche Lösung, während das Westgotenrecht statt der Verknechtung Prügel-strafe anordnete. Vgl. Liutpr. 63. 121. 152. L. Wis: 6, 4 c. 2. Rib. Kapitular von 803c. 3 (Cap. 1, 117): Homo ingenuus, qui multa qualibet solvere non potuerit et fideiussoresnon habuerit, liceat ei semetipsum in wadium ei, cui debitor est, mittere, usque dummulta, quam debuit, persolvat. MG. Cap. 1, 51, c. 19. 114, o. 8. 160, c. 3. 166, c. 1.281, c. 2. Form. Marc. 2, 28 (Zeumer 93). Cartae Senonicae 4 (ebd. 187).
36 L. Baiuw. 2, 1: si vero non habet, ipse se in servitio deprimat et per singulosmenses vel annos, quantum lucrare quiverit, persolvat cui deliquit, donec debitum Uni-versum restituat. Ebd. 1, 10: si non habet tantum pecuniam, se ipsum et uxorem etfilios tradat ad ecclesiam illam in servitio, usque dum se redimere possit. Siehe -auchEd. Aregisi c. 6.
36 Vgl. Form. Andec. 38 (MG. Form. 17). Form. Marc. 2, 27 (ebd. 93). CartaeSenonicae 3 (ebd. 186). *
37 Vgl. Du Cange Glossarium, s. v. obnoxiatio. Form. Wisig. 32 (Form.589). Andecav. 2. 3. 19. 25 (ebd. 6. 10. 12). Arvern. 5 (ebd. 31). Turon. 10 (ebd.140). L. Baiuw. 7, 4. L. Alam. 1, 1. Leg. Eurici c. 300. Nach L. Wisig. 5, 4 c. 10sollte die freiwillig eingegangene Knechtschaft stets lösbar sein. Eine Form derErgebung bestand darin, daß der Mann seine Freihalsigkeit aufgab, indem er denNacken unter die Hand, den Arm oder Gürtel des Herrn oder unter das Glocken-seil beugte und der Herr ihn bei den Haaren ergriff. Vgl. Form. Bignon. 27(Form. 237) n. 1. Korn a. a. 0. 15f. Grimm RA. 147. 328. v. Amira Hand-gebärden 249. Sohm R. u. GV. 550 n. 15. Lindner Veme 389 (Beispiel v. 1353).Daß es sich dabei nicht, wie bei der Adoption, um ein Abschneiden, sondern umein Ergreifen bei den Haaren handelte, folgt u. a. aus Cod. dipl. Cavensis 1 Nr. 106(894): per capillis capitis sui se ipso T. conprendre fecimus. Bei den Franken wares später üblich, daß sich der Ergebende vier Denare auf seinen Kopf legte (vgl.Brunner Hist. Aufsätze f. Waitz S. 65f.), womit sich die indische Sitte, einenStrohhalm auf den Kopf zu legen (vgl. Kohler Z.Vgl.RW. 6, 1991), ver-gleichen läßt. Zeichen der Verknechtung war die Anlegung von Fesseln. Vgl.L. Rib. 72, 1. Tacitus Germ. c. 24. 39. Waitz 1, 423. v. Amira Vollstreckungs-verf. 341. Über Versuche Karls d. Gr., die Ergebung Freier in Knechtschaft oderHörigkeit zu beschränken, vgl. W. Sickel Westd. Z. 15, 166f. Über Autotraditionenaus religiösen Gründen Dopsch 2, 9ff.