§ 14. Bildung germanischer Reiche. 101
die Alpenländer blieben bis zum Tode Theoderichs des Großen selbständigunter ostgotischem Schutz), außerdem aber auch ein bedeutendes Vor-dringen des fränkischen Volkselements am Main und Mittelrhein, infolgeeiner den Besiegten auferlegten Landabtretung, eintrat.
Die Sachsen 5 zerfielen in vier Abteilungen: die Westfalen, Engern(Angrivarii), Ostfalen und Nordelbinger. Bei den letzteren (Holsteinernund Dietmarsen) begegnet der Volksname schon im 2. Jahrhundert. DieVölkerschaften, die den Stamm der Sachsen begründet haben, gehörtengrößtenteils (zumal Chauken, Keudigner und Avionen) dem ingväonischenStamme an. Die Ostfalen sind -wahrscheinlich auf die herminonischenCherusker und die Posen zurückzuführen. Im 6. Jahrhundert haben dieSachsen ihr Gebiet gegen Südosten auf Kosten der Thüringer erheblicherweitert; der Nordthüringgau zwischen Elbe und Harz hat die Erinnerunghieran bis in das Mittelalter bewahrt. Zwar wurde ein Teil des erobertenGebietes bald darauf von einer vorgeschobenen schwäbischen Kolonie inBesitz genommen, doch sind diese sogenannten Nordschwaben des säch-sischen Schwabengaues (wohl "Überbleibsel der Semnonen und anderer ausdem Elbegebiet nach Süden gewanderter suebischer Völkerschaften) imwesentlichen schon früh mit den Sachsen verschmolzen.
Die westlichen Nachbarn der Sachsen längs der Küste waren dieFriesen 6 , in ihrem Kern schon dem Tacitus als große und kleine Friesenbekannt. Sie bewohnten das Küstengebiet von der Weser bis zur Sink-fala (Zwyn), der heutigen Grenze von Belgien und Holland. An der Völker-wanderung haben sie nur insofern teilgenommen, als sie die salischen Frankenvon den Mündungen des Bheins und der Scheide abgedrängt und dadurchwohl zuerst zu der Wanderung nach Toxandrien veranlaßt haben. DieFriesen zerfielen in Westfriesen (zwischen Sinkfala und Fly), Mittelfriesen(zwischen Fly und Laubach, Lauwerzee) und Ostfriesen (zwischen Laubachund Weser). Ihre Besiedelung der schleswigschen Westküste ist nicht vordem 9. Jahrhundert bezeugt.
Die Gründung des Reiches der Angelsachsen 7 ist wesentlich andersals die der übrigen Stammesreiche erfolgt. Außer den Sachsen von Weserund Elbe haben sich wohl von jeher auch ihre nördlichen Nachbarn, dieAngeln in Schleswig 8 und die Juten, an den Streifzügen beteiligt, mit denensächsische Seeräuber seit dem 3. Jahrhundert die gallischen und britischenKüsten heimsuchten. Schon im Laufe des 4. Jahrhunderts hatten dieseStreifereien zu einer sächsischen Ansiedelung an der atlantischen Küste
6 VgL L. Schmidt Zur Sachsenforschung, HVJSchr. 1911.
6 Vgl. Much bei Hoops 2, 99.
7 Vgl. Hoops u. Lennard bei Hoops 1, 87ff. 593ff. Liebermann GL282ff.
8 Weiland Die Angeln (Pestgabe Hanssen 1889). H. Möller ZDA. 40,Anzeiger S. 129ff. Erdmann Über die Heimat u. den Namen der Angeln, 1890bis 1891 (Skrifter utgifna af Humanistiska Vetenskapssamsfundet i TJpsala L).Müllenhoff Beovulf (1889) 53—109. Much bei Hoops 1, 86.