§ 14. Bildung germanischer Reiche. 99
behaupteten sich noch ein Jahrhundert lang im Nordwesten der Halbinselunter eigenen Königen. Nachdem in der ersten Hälfte des 6. Jahrhundertsdie gallischen Besitzungen der Westgoten bis auf die Provinz Septimanienoder Gotien (Languedoc) an die Franken verloren gegangen waren unddas tolosanische Reich damit seinen alten Schwerpunkt eingebüßt hatte,verlegte Leovigild (572—586) den Mittelpunkt seines Reiches nach Toledo.Unter seinem Sohne Rekkared I. (586—601) traten die Westgoten, seitMitte des 4. Jahrhunderts arianische Christen, zum katholischen Glaubenüber, wodurch ihre Verschmelzung mit den römischen Provinzialen an-gebahnt wurde.
Die Ostgoten, nach dem Tode Attilas im Einverständnis mit denRömern in Pannonien und Mösien angesiedelt, drangen 489 unter Theo-derich dem Großen in Italien ein und gründeten, nach dem Sturze desOdovakar, ein großes Reich, das außer Italien und den dalmatischenKüstenlanden bald auch Rätien und Noricum und die bisher westgotischeProvence umfaßte. Nach Theoderichs Tode (526) gingen die außeritali-schen Besitzungen verloren und im Jahre 552 unterlag das Reich denHeeren Justinians, nachdem kaum zwei Jahrzehnte vorher das afrikanischeReich der Vandalen dasselbe Schicksal gehabt hatte.
Die Erbschaft der Ostgoten wurde 568 von den Langobarden(S. 15 f.) angetreten. Ursprünglich zwischen Elbe und Aller in dem späternach ihnen benannten Bardengau gesessen, waren die Langobarden nachdem Abzug der Semnonen allmählich nach Südosten vorgerückt und hattengegen 530 die von den Ostgoten verlassenen Gebiete Pannoniens in Besitzgenommen. Unter König Albwin bemächtigten sie sich des ganzen Italiensmit Ausnahme des Exarchats von Ravenna und der Stadt Rom. Bis ihrReich 774 von Karl dem Großen erobert wurde, hatte es bereits ein sofestes Gefüge erhalten, daß es dem Frankenreich nicht einverleibt wurde,sondern auch unter der fränkischen Herrschaft seinen selbständigen Cha-rakter als regnum Langobardorum bewahrte.
Das von den keltischen Bojern verlassene, noch heute nach ihnenbenannte Böhmen (S. 16) war schon zu Anfang des 1. Jahrhunderts vonden suebischen Markomannen besetzt worden, die es erst im Laufe des5. Jahrhunderts wieder geräumt haben. Sie haben wohl den Grundstockfür den Stamm der Baiern (Baiuwarii, d. h. Bewohner von Baias) ab-gegeben, die seit Anfang des 6. Jahrhunderts zuerst unter diesem Namenauftreten. Eine Zeitlang in Abhängigkeit von den Hunnen, dann nachAttilas Tode zur Selbständigkeit gelangt, scheinen diese nach dem SturzOdovakars gegen Ende des 5. Jahrhunderts das bis dahin von den Rugiernbeherrschte Noricum eingenommen zu haben. Seit dem FrankenkönigTheodebert I. (534—547) gehörten sie zum fränkischen Reiche, 1
Den Kern des inneren Germaniens bewohnten zur römischen Zeitdie herminonischen Düren (Hermunduren), von denen durch die patro-
1 Vgl Much bei Hoops 1, 156. Riezler G. Baierns 1, lOff.
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