Druckschrift 
Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte
Entstehung
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

98 Fränkische Zeit.

als Völkerbündnisse zu erkennen, so zeigt doch der gemeinsame Stammes-name und das Verschwinden der Einzelnamen sowie die überall zu straffererEinheit fortschreitende Entwicklung, als deren Hauptträger das Königtumhervortritt, daß wir es nicht, wie in den Völkerbündnissen der Urzeit, mitvorübergehenden Erscheinungen, sondern mit organischen Bildungen imLeben der Völker zu tun haben. Im ganzen sind aus der Völkerwanderungdreizehn Stämme hervorgegangen, von denen aber der ostgermanischeStamm der Vandalen für die Rechtsgeschichte kaum eine Bedeutung hat.Zum Teil treten die Stämme unter neuen Namen (Baiern, Franken) auf,zum Teil sind es alte Völkerschaftsnamen, die sich zu Gesamtnamen ganzerStämme (Burgunden, Friesen, Goten, Langobarden, Sachsen, Thüringer)erweitert, oder ehemalige Gesamtnamen größerer Völkergruppen (Van-dalen, Schwaben), die eine engere Bedeutung angenommen haben. AndereVölkerschaftsnamen haben sich zwar teilweise erhalten, sind aber zu bloßenGaunamen geworden. Aus der großen suebischen Gruppe sind die Stämmeder Schwaben (Alamannen) und Baiern hervorgegangen. Auch bei derBildung der aus der gotisch-vandalischen Gruppe erwachsenen Stämmeder Burgunden, Ost- und Westgoten und Vandalen sowie bei den ing-väonischen Friesen und den istväonischen Ribuariern haben in ersterReihe verwandtschaftliche Beziehungen mitgewirkt. Dagegen sind dieSachsen wahrscheinlich aus einer Verbindung ingväonischer Völkerschaftenmit istväonischen Elementen und herminonischen Cheruskern hervor-gegangen. Der Kern der Thüringer bestand aus den suebischen Hermun-duren, die aber später ingväonische und selbst nordgermanische Elementein sich aufgenommen haben. Die ingväonischen Langobarden haben sichdurch die Einverleibung der besiegten Gepiden und der verschiedenstenVölkersplitter vergrößert, und den Grundstock der salischen Frankenhaben herminonische Chatten (Sueben) gebildet, mit denen Völkerschaftenistväonischer Herkunft eine Verbindung eingegangen sind. Man erkennt,daß auch nachbarliche Beziehungen und politische Notwendigkeit bei derBildung der Stämme von großem Einfluß gewesen sind.

Die Goten, als Gutones oder Gotones von Plinius und Tacitus imMündungsgebiet der Weichsel genannt, erscheinen zum Teil schon zu An-fang des 3. Jahrhunderts an der unteren Donau und dem Schwarzen Meer,im Osten die Austrogothi (Greuthungi), im Westen die Wisigothi (Thervingi),beide bis 375 unter dem Königshaus der Amaler vereinigt. Während dieOstgoten dann unter hunnische Oberhoheit gerieten und erst nach demTode Attilas wieder selbständig wurden, bewahrten die in das römischeThracien übergetretenen Westgoten ihre Unabhängigkeit. Nachdemsie unter ihrem erwählten König Alarich die Balkanhalbinsel und Italiendurchzogen hatten, setzten sie sich im 2. Jahrzehnt des 5. Jahrhundertsim südlichen Gallien fest. Den Mittelpunkt ihres unter Eurich (466485)auch über die Provence und den größten Teil der pyrenäischen Halbinselausgedehnten Reiches bildete Toulouse. Nur die im Anfang des 5. Jahr-hunderts mit den Vandalen über die Pyrenäen gezogenen Sueben (Quaden?)