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Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte
Entstehung
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69
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§ 11. Privatrecht. 69

Die gemeingermanische Bezeichnung der Verwandtschaft in ihrer Ge-samtheit war „Sippe" 24 . Soweit es sich lediglich um die Beziehungen derBlutsverwandtschaft handelte, konnte der Einzelne den verschiedenstenSippen angehören, dagegen konnte man nur Mitglied einer einzigen Sipp-schaft sein, soweit diese für den Geschlechtsverband (mckgd, geneaologiä,fara) in Betracht kam 25 . Die vergleichende Kechtswissenschaft hat behauptet,alle Völker seien vom Standpunkt des Mutterrechts ausgegangen, das aufGemeinschaft der Weiber beruhte und darum nur durch Weiber vermittelteVerwandtschaft kannte, aber die Quellen ergeben für die Indogermanendie völlige Unbekanntschaft mit dem Mutterrecht 26 . Der Aufbau derSippschaft war rein agnatisch, die Blutsfreunde von mütterlicher Seitewurden nicht als Verwandte, sondern nur als Freunde angesehen 27 , diehausherrliche Gewalt stand dem Haupte der väterlichen Familie (Groß-vater,- Vater, Vaterbruder) zu 28 , während Vater und Bruder der Mutterüberhaupt die mütterliche Familie, nur ein gewisses Schutzrecht aus-übten 29 . Erst nach ihrer Trennung haben die einzelnen indogermanischenNationen auch der mütterlichen Sippe eine größere Berücksichtigung zu-

Puntschart) darauf aufmerksam, daß das Treugelöbnis eine erhebliche Be-stärkung des einfachen Gelübdes bedeutete. Ähnlich war das Verhältnis dernordischen handsal (trülofa) zu der Irygging. Vgl. v. Amira Obl.-R. 2, 311. 354ff.21 Vgl. Müllenhoff DA. 4, 322. Liebermann Ags. Gl. 651ff. Die Be-deutung „Frieden" scheint erst eine abgeleitete gewesen zu sein.

25 Vgl. S. 23. Brunner Grundz. 6 8ff. Ficker Unters. 1, 235ff.

26 Vgl. Bachofen Mutterrecht 1861. Dargun Mutterr. u. Raubehe 1883(Gierke U. 16); Mutterr. u. Vaterrecht 1892. Lamprecht DG. 1, 79—121.Kohler Shakespeare 223f.; Das Recht als Kulturerscheinung 7—17; ZVglRW. 3,393ff. 5, 407ff. Dagegen Ed. Meyer (§ 1 n. 1) 520ff. Delbrück Indogerm.Verwandtschaftsnamen, Abh. Sachs. Ges. d. W. 11, 381ff. (1889). SchraderSprachvergleichung u. Urgeschichte 2 (1880) 535. 542—50. 571f. 576. v. BradkeGGA. 1890 S. 908ff. Gierke ZRG. 24, 237f. Brunner RG. I 2 , 106ff. lllff.Bartsch a. a. 0. 10. Boden Mutterrecht u. Ehe im altnord. R. 1904. Bren-tano ZSozWG. 1, 105ff. v. Below Hist. Z. 71, 490f. Post Globus 65, 163.Zimmer ZRG. rom. 28, 209ff. Stutz ZRG. 28, 175ff. Maurer Kr. VJSchr.31, 197. Leist Altarisches ius gentium 587ff. Rosin Begriff der Schwertmagen50f. Bernhöft Zur G. des europäischen Familienrechts, ZVglRW. 8, lOf. 9,22. 35. Kohler ebd. 7, 201; Deutsche Lit.-Zeitung 1904 Sp. 1386. Spuren desMutterrechts im germanischen. Recht werden angenommen von Amira 3 169f.185. Ficker a. a. O. 1, 76. 135. 237ff. Heusler 2, 272ff. Dargun Mutternu. Vaterr. 92. 94ff.

27 Vgl. Delbrück 534ff.; Schrader 542ff. Alle das Schwägerschaftsver-hältnis bezeichnenden Ausdrücke, wie *svekuro (socer, got. svaihra, ahd. swehur),*svekrü (aoerus, got. svaihro, ahd. swigar) und *snusa (nurus, ahd. snura) bezogensich ursprünglich nur auf das Verhältnis der Frau zu den Verwandten desMannes, weil sie in seine Familie, nicht er in ihre eintrat.

28 Vgl. Delbrück 473ff. 483.

29 Der Vater der Mutter hieß *avo-s (lat. avus, germ. *avan), d. h. Gönner,Schützer, davon abgeleitet die Bezeichnung für den Mutterbruder (avuTwuhis, lit.amjnas, altslaw. uji, ahd. dheim). Vgl. Delbrück 477ff. 482f. 488. 490. 492f.495ff. 500ff. Schrader 539. 547. Osthoff a. a. 0. 13, 447ff. Müllenhoff 4, 320.