70 Germanische Urzeit.
teil werden lassen, und zwar zum Teil so, daß sie gewissen Gliedern der-selben, zumal dem Mutterbruder, sogar eine gewisse gemütliche Bevor-zugung einräumten 30 . Daß insbesondere die Germanen in erster Beihedie väterliche Sippe als maßgebend betrachteten, ergibt sich schon ausihrer Ethnogonie, welche die drei Stämme der Ingväonen, Istväonen undHerminonen (S. 15) auf Mannus und seine drei Söhne zurückführte 31 .
Den einzelnen Verwandten bezeichnete bei den Germanen der mit„Gatte" zusammenhängende Ausdruck „Gattung" (got. gadüiggs, ahd.galuling). Ausschließlich westgermanisch war „Mage" (ahd. mag, ags.meeg) 32 . Die männlichen Verwandten aus dem Mannstamm hießen Ger-oder Schwertmagen, die weiblichen Verwandten und die männlichen Ver-wandten von der Weiberseitc Spindel-, Spill- oder Kunkelmagen 33 . DieSippe zerfiel in den engeren Kreis der Hausgenossen (Eltern, Kinder,Geschwister) und den weiteren Kreis der Magschaft 34 . Indem man sichdie Verwandtschaftsgliederung nach dem Bilde des menschlichen Körpersvorstellte, wies man der Hausgenossenschaft ihren ungeteilten Platz imBumpfe an und bezeichnete sie als „Schoß" oder „Busen" (fadem, ags.fädm) 35 , während sich für die Magschaft die Abstufung nach „Knien"oder „Gliedern" ergab. Man rechnete dabei ursprünglich, soweit es sichnicht um Verwandte der geraden Linie handelte, wohl nur nach Doppel-knien in den von dem gemeinsamen Stammhause absteigenden Linien,so daß Geschwisterkinder zum ersten, Nachgeschwisterkinder zum zweiten,
30 Vgl. Taoitus Germ. c. 26. Schrader a. a. O. 549f. 571. v. Amira 3170. Brunner l 2 , 128. Waitz 1, 67ff. Delbrück 586ff.; Pr. JBB. 79, 14ff.Rietsohel bei Hoops 1, 146. Müllenhoff DA. 4, 318ff. 324.
31 Über das Vaterrecht in den Adelsgeschlechtern vgl. Tacitus ann. 1, 58.60. 71. 2, 10. 11. 16f.
32 Dagegen bezog sich' got. migs und an. mägr. auf das Schwägerschafts-verhältnis. Vgl. Müllenhoff 4,332. Gemeingermaniseh war got. kuni, ahd. eunni.
33 Vgl. Schröder ZRG. 17, lff. Rosin Begriff der Schwertmagen 1877.Grimm RA. 163. 171. Weinhold Deutsche Frauen 2 1, 177. v. Amira Erben-folge 78. Wackernagel Kl. Schriften 1, 22. Die Ausdrücke „Spindel" (fusus)und „Ger" (lancea) wurden ebensowohl zur Bezeichnung der Spindel- oder Ger-magen als Gesamtheit wie zur Bezeichnung einzelner aus diesen Gruppen ver-wendet.
34 Vgl. Ficker Unters. 1, 277—531. v. Amira 3 170; Erbenfolge und Ver-wandtschaftsgliederung 1874; GGA. 1892, S. 249f£ Brunner l 2 , 190fl; Sippeu. Wergeid, ZRG. 16, 1—87. Gierke Genossenschaftsr. 1, Uff. Grimm RA.467ff. Heusler 2, 271ff, 528ff. Königswarter Histoire de l'organisation de lafamille en France 1851 S. 117ff. Maurer Berechnung der Verwandtschaft nachaltnorweg. R., MSB. 1877 S. 235ff.; Island 322ff. (hauptsächlich nach FinsenFremstilüng af den' islandske Familieret, Annaler for Nordisk Oldkyndighed,1849—1850). Altn. RG. 3, lOff. 31ff. Lamprecht WL. 1, 21ff. v. Sybel König-tum 2 37ff. Schmid Ges. d. Angels. 626ff. Young a. a. O. 123ff. 127ff.Schupf er La famiglia presso in Longobardi, Arch. Giur. I. 1868. Kayser ZRG.8, 471ff. Miller ebd. 13, 79ff.
35 Vgl. n. 3. 51. Grimm DWB. 3, 1230. 1233. Ed. Grimow. 5: in sinnavi, falls hier nicht eine biblische Redewendung vorliegt (Tamassia ZRG. 31, 154).