Goethes Bewunderung erregten, der 1808 in der Jenaischen Litteraturzeitung sichbegeistert darüber aussprach. Der treffliche Dürerkenner Thausing schreibt darüber:*)„Den lateinischen Text dieses Gebetbuches hatte der Kaiser eigens für seine Personentweder selbst abgefasst oder doch abfassen lassen. Johann Schön sperger inAugsburg besorgte die Herstellung der prächtigen grossen Lettern und den Druckauf Pergament mit roten Kapitelüberschriften und Initialen. Ein zweites, und zwarvollständiges Exemplar befindet sich in der Kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien. Esist von vortrefflicher Erhaltung, ein Meisterstück der Typographie. Der Druck wardam 30. Dezember 1514 vollendet. Ausserdem ist nur noch ein drittes Exemplar bekannt,das sich in der Bibliothek des Britischen Museums befindet.
Das für den Kaiser bestimmte Münchener Exemplar ist gegenwärtig sehrunvollständig und zeigt an Stelle der rot gedruckten, kleine in Deckfarbe gemalteInitialen. Es war Dürer überantwortet worden: er sollte die Ränder um den Text mitFederzeichnungen ausfüllen. Es ist der Ausbund des launigsten Humors, was Dürer hierüber 45 Blätter des frommen Buches ergossen hat: abwechselnd in roter, grüner undvioletter Tinte. Ernst und Scherz, Heiliges und Profanes wechseln kunterbunt ab.leicht fortgesponnen durch ein mit wundervoller Freiheit der Hand hingeworfenesOrnament, das in seiner Originalität und Mannigfaltigkeit willkürlich erscheinen könnte,wenn es nicht stets von neuem auch neue Harmonie ausklingen Hesse. Das spriesstund schwirrt durcheinander in endloser Heiterkeit: Geäste und Blattwerk heben überallihr organisches Wachstum, verzweigen sich in leicht geschwungenen Linien, die wiederplötzlich in symetrisch verschlungene Schnörkel und phantastische Fratzen zusammen-rinnen. Dazwischen singen die Vöglein, klettern Affen, kriechen Schnecken, summendie Mücken und hängen an Schnüren Wappenschilde und Wildpret, Trommeln, Flötenund Geigen. Es ist der letzte geniale Ausklang des uralten, nordischen und alt-germanischen Ornamentierungsprinzipes, das auf den ältesten deutschen Gräberfundenund in den Bandverschlingungen der irischen Miniatur sich geltend macht. Nur istder moderne Natursinn bereits durchgedrungen: der heimische Baumwuchs mitBlattwerk von Reben, Disteln, Rosen und Eichen bildet das Gerüste: die unholdenLindwürmer und Fabeltiere müssen mehr und mehr den heiteren Tierbildern aus derWirklichkeit Platz machen. Nur ausnahmsweise treten auch Säulen oder antike Zier-glieder dazwischen.
Für Dürer und für die deutsche Kunst sind die-Rand Verzierungen im Gebetbuchedes Kaisers genau so charakteristisch, wie die gleichzeitig erfundenen Ornamente derLoggien im päpstlichen Palaste für Raphael und für die Italiener: darum sind auchDürers Zeichnungen kein blosses Spiel der Phantasie mit bedeutungslosen Formen. Inihnen liegt vielmehr auch ein reicher gedanklicher Inhalt: sie stehen mit dem Textefortwährend in sinnigen Beziehungen und verhalten sich zu demselben teils alsIllustrationen, teils als vieldeutige Anspielungen, teils auch wohl als kecke Parodie."
j M. Thausing, Dürer, Geschichte seines Lehens und seiner Kunst. Leipzig, E. A. Seemann.
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