Schönheit kann bei diesem Blatte weder in künstlerischer, noch in technischer Hinsichtdie Rede sein. Die Jahreszahl dürfte jedoch ungefähr richtig sein.
Künstlerisch weit höher steht eine Madonna in halber Figur (Abb. 8), welchegleichfalls aus der Weigelschen Sammlung stammt und sich jetzt im Besitz vonEdmund Rothschild in Paris befindet. Der Meister ist unbekannt, dürfte aber derniederrheinischen, wahrscheinlich der kölnischen Schule angehören. Der Kopf der reichgekleideten Madonna, die das Kind voller Zärtlichkeit an sich drückt, ist von grosserAnmut. Das Kind hält einen Rosenkranz in den Händen, ein zweiter grössererumschliesst das ganze Bild; die Halbfigur wird in ihrem unteren Teile von einerMondsichel eingefasst. Als Zeit der Entstehung giebt der Katalog 1460— 1470 an.
Aus fast gleicher Zeit stammt eine Passionsfolge von 50 Blatt, die ebenfallsder Weigelschen Sammlung angehörte, als deren Stecher der Katalog den MeisterJohann von Köln in Zwolle bezeichnet. (Abb. 9 und 10.) Die Technik sowohl, als auchdie Zeichnung sind hier schon bedeutend vorgeschritten, die Kompositionen ge-schlossener, Faltenwurf und Haltung fliessender und freier, so dass sich dieEmpfindung aufdrängt, als wäre dieser Meister Johann schon der Vorläufer undVerkünder einer neuen Zeit, die Albrecht Dürer bringen sollte.
Zu diesen Vorläufern gehört auch Martin Schongauer, der um 1450 inKolmar geboren wurde. Sein Vater war ein geschickter Goldschmied, in dessenWerkstatt der junge Martin seine Künstlerlaufbahn begann, ein Beweis dafür, dassder alte Zusammenhang zwischen Goldschmiedekunst und Kupferstich noch fortwirkte.Schongauer steht noch ganz im Banne zünftiger Überlieferung und unter dem Einflüsseder flandrischen Schule, von dem er sich erst im letzten Viertel seines Lebens freimacht,dann aber zu hoher Meisterschaft und Selbständigkeit heranreift, die sich in jenersanften Anmut und tiefen Innigkeit seiner Gestalten offenbaren, die das ausklingendeMittelalter charakterisieren. Das Blatt „Christus am Kreuz zwischen Maria undJohannes'- (Abb. 11) gehört der mittleren Periode des Meisters an. Die Technik desStiches bildete Schongauer, der auch als Maler Bedeutendes leistete, zu bis dahinunbekannter Vollendung aus. Leider machte ein früher Tod seinem Schaffen einEnde; er soll nur 41 Jahre alt geworden sein.
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