___ 211 ___
Auge geraubt hatte. Man verslattete es. Er tritt vor und wird von Arminias begrüsst. Letzterer, nachdem er selbst seineBegleiter entfernt, verlangte, die Bogenschützen, die an unserem Ufer aufgestellt waren, sollten fortgeht). Als sie abgezogen,fragt er den Bruder: woher sein Gesicht so entstellt sei? Da jener ihm den Ort und die Schlacht angibt, erkundigt ersich: welche Belohnung er empfangen habe? Flavus erwähnt seine Solderhöhung, die Kette, den Kranz, und andereDienstauszeichnungen, während Arminius höhnt: wie billig doch die Knechtschaft zu kaulen sei. — Dann reden sie gegeneinander: jener, von der Römergrösse, von des Cäsars Macht, dass der Besiegte schwere Strafen, wer aber sich zur Ergebungentschlösse, Gnade zu erwarten habe; auch seine Gattin und sein Sohn würden nicht als Feinde behandelt: Arminiusdagegen von den vaterländischen Rechten, von der angestammten Freiheit, von Germaniens heimischen Göttern. Die Muttereinte ihre Bitten mit den seinigen, er möchte doch nicht aus eigner Wahl sein Haus, seine Verwandten, ja seinen ganzenStamm verlassen und verrathen, anstatt ihr 'Herr und Führer zu sein. — So kam es allmählig unter ihnen zu heftigenScheltworten, und selbst der Fluss, der dazwischen lag, würde sie nicht gehemmt haben handgemein zu werden, wennnicht Stertiuius, schnell herbeieilend, den Flavus, der zornerfüllt seine Waffen und sein Pferd forderte, abgehalten hätte.Man sah, wie gegenüber Arminius drohte und eine Schlacht ankündigte; denn häufig mengte er lateinische Worte mit ein,da er ja im römischen Lager als Anführer seiner Landsleute gedient halte
Am folgenden Tage stellten sich die Germanen jenseits der Weser in Schlachtordnung. Der Cäsar, der es fürunverträglich mit seiner Pflicht als Imperator hielt, bevor nicht Brücken geschlagen und feste Posten aufgestellt wären, dieLegionen der Gefahr entgegen zu führen, liess die Reiterei an einer seichten Stelle hinüberrücken. Den Befehl führtenStertiuius und Aemilius, einer der Primipilaren; um den Feind auseinander zu bringen, griffen sie an zwei verschiedenenPunkten an. Wo der Fluss am reissendsten ist, setzte Chariovalda, der Anfuhrer der Bataver, stürmisch über. Diesenlockten die Cheruscer, zum Scheine fliehend, in eine Ebene, rings von waldigen Höhen umschlossen. Dann erheben siesich und dringen von allen Seiten auf ihn los. Unaufhaltsam werfen sie zurück, was Widerstand leistet, und drängenden Weichenden nach; als diese sich in einen Kreis sammeln, werden sie zum Theil mit ihnen handgemein, während Anderesie aus der Ferne bedrängen. Lange halte Chariovalda der Feinde Wuth ausgehalteh; da ermahnt er die Seinen, sie solltenfestgeschlossen die andrängenden Schaaren durchbrechen und damit sprengt er selbst in den dichtesten Haufen. Mit Pfeilenüberschüttel, das Pferd unter ihm erschossen, sinkt er und viele der Edeln um ihn; die Uebrigcn entriss eigene Kraft oderdie Reiterei, die mit Stertiuius und Aemilius ihnen zn Hülfe kam, der Gefahr.
Der Cäsar, der unterdessen über die Weser gegangen war, erfuhr aus der Angabe eines Ueberläufers den Ort,den Arminius zum Kampfe ausgewählt hatte: auch andere Stämme wären in einem dem Herkules heiligen Walde zusammengekommen und würden bei Nacht einen Sturm auf das Lager wagen. Man traute dem Angeber, auch sah man die Wacht-feuer und Kundschafter, die sich näher hingeschlichen hatten, hinterbrachten: man höre das Schnauben der Pferde unddas dumpfe Lärmen einer ungeheuren, ordnungslosen Menschenmasse. Da so die gefahrvolle Stunde der Entscheidung nahewar, hielt er es für nöthig, der Soldaten Gesinnung zu erkunden, und überlegte bei sich, wie dies auf die untrüglichsteWeise geschehen könnte. Die Tribunen und Ceuturkmen brächten häufiger erfreuliche, als beglaubigte Nachrichten; derFreigelassenen Sinn wäre sclavisch; in den Freunden wohne die Schmeichelei: würde eine Versammlung berufen, sostimmten auch dort dem, was einige Wenige zuerst vorbrächten, die Debrigen lärmend bei. Völlig wäre ihre Gesinnung zudurchschauen, wenn sie im Geheimen und unbewacht beim soldatischen Mahle ihre Hoffnungen oder Befürchtungen ohneRückhalt aussprächen. — Beim Beginne der Nacht verliess er, mit einem einzigen Begleiter, über die Schultern ein Thierfellgehängt, auf einem heimlichen, den Wachen unbekannten Wege das Augural. 1 ) Er betritt die Lagersirassen, stellt sich andie Zelte, und — hört seinen Ruhm, da der Eine den Adel des Feldherrn, ein Anderer sein stattliches Wesen, die Meistenseine Geduld, seine Freundlichkeit und seinen, in Ernst und Scherz stets gleichen Sinn hoch priesen, und laut bekannten:in der Schlacht müsse man ihm das vergelten und die treulosen Friedensstörer der Rache und dem Ruhme opfern. —Mittlerweile lenkte einer der Feinde, welcher der lateinischen Sprache kundig war, sein Pferd an den Wall heran, undverspricht mit lauter Stimme in Arminius Namen allen denjenigen, welche überlaufen wollten, Weiber, Felder, und an Sold, solange der Krieg dauern würde, für den Tag je hundert Sesterzen. Solche Schmach entflammte der Legionen Zorn. Es möchte nurder Tag kommen, nur eine Gelegenheit zur Schlacht sich zeigen: erobern würde der Soldat die Felder der Germanen, fort-schleppen ihre Weiber; sie nähmen die Prophezeiung an, die Weiber und die Habe der Feinde sollten ihre Beute sein.
Etwa um die dritte Nachtwache ward ein leichter Angriff auf das Lager gemacht, ohne Pfeilschuss, da siemerkten, dass zahlreiche Cohorten den Wall beselzt hielten und nirgends der Eifer erschlafft war. Dieselbe Nacht hatteGermanicus einen heiteren Traum: er sah wie er opferte und, da sein Opferkleid mit dem heiligen Blute befleckt wurde,ein neues, schöneres, aus den Händen seiner Grossmutter, der Kaiserin, empfing. Gehoben durch dieses prophetischeZeichen und durch günstige Auspicien, beruft er eine Versammlung und spricht weise, durchdachte und auf die naheSchlacht berechnete Worte. Nicht ebene Felder allein seien dem römischen Soldaten zur Schlacht gerecht, sondern, beirechter Ueberlegung, auch Wälder und waldige Berghöhen: denn mit nichten seien die ungeheuren Schilde der Barbaren,ihre unmässig langen Lanzen zwischen den Baumstämmen und dem vom Boden aufwuchernden Gesträuch so am Platze wieWurfspiesse, Schwerter und Panzer, die sich eng an den Körper auschliesseu. Sie möchten nur immer Hieb um Hiebführen und mit der Spitze nach dem Gesicht stossen. Der Germane hätte keinen Panzer, keinen Helm; ihre Schilde wärennicht einmal mit Eisen oder Leder haltbar gemacht, sondern beständen aus Weidengeflecht oder schwachen Breilern, mitFaibe übertüncht, höchstens die erste Reihe führe ordentliche Lanzen, die Uebrigen vorn hart gebrannte Stangen oder kurzeSpeere. Ihr Körper überdies — so furchtbar anzusehen, so tüchtig zu kurzem, stürmischen Andrang er wäre, so wenigkönnte er Wunden ertragen. Ohne Scheu vor der Schande, unbekümmert um ihre Anführer, entwichen, flöhen sie; feigeim Unglück, im Glück nicht des göttlichen, nicht des menschlichen Rechtes eingedenk. Wenn sie der Märsche und derSeefahrt müde nach dem Ende sich sehnten: durch diese Schlacht könnten sie es herbeiführen. Näher schon wäre dieElbe als der Pihein, und weiter ginge der Krieg nicht: nur müssten sie ihn, der in seines Vaters und Oheims Fussstapfenliäte, in dasselbe Land, das jene betreten hätten, als Sieger einziehen lassen.
Die Rede des Feldherrn weckte die Begeisterung des Heeres, und das Zeichen zur Schlacht ward gegeben.
') Ein Platz neben dem Feldherrnzelte, wo der Oberbefehlshaber die weissagenden Zeichen beobachtete.
Fahne, Bocholtz I. Ö