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1,1 (1863) Geschichte der verschiedenen Geschlechter Bocholtz unter besonderer Berücksichtigung der alten Geographie, Rechts-, Sitten- und Culturgeschichte des Niederrheins
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und verhehlten dabei nicht ihre günstige Stimmung für Germanicus, ja offen sagten sje ihm ihren Beistand zu, wenn er dieHerrschaft wolle. — Da sprang er hastig vom Tribunale herunter, als wollte ihn ein Frevel beflecken, und als sie drohend,wenn er nicht wieder hinaufsteige, ihm die Waffen entgegen hielten, riss er sein Schwerdt von der Seite, rief: er wollelieber sterben als treulos werden, und er würde es in seine Brust gebohrt haben, hätten die Nächststehenden nicht seineRechte ergriffen und festgehalten. Der entfernt stehende, dicht gedrängle Haufen jedoch und sogar einige Hervortretenderiefen, wer sollte es glauben: er möge nur zu slossen; ja, ein Soldat, Namens Calusidius, bot ihm sein blankes Schwerdtmit den Worten: es sei schärfer. Das schien aber selbst den Tobenden grausam und unedel und so fand sich Gelegenheit,dass der Caesar von seinen Freunden in das Zelt geflüchtet werden konnte.

Hier ward über Abhülfe beratben. Es kam dabei die Besorgniss zur Sprache, dass man durch gewählte Gesandtedas obere Heer für die Sache gewinnen, die Hauptstadt der Ubier (Cöln) zerstören und dann mit den raubgewohntenSchaaren zur Plünderung Galliens weiter stürmen werde. Die Besorgnisse wurden durch die Stellung des Feindes vermehrt,der, mit der Empörung bekannt, bliebe das Ufer unbewacht, eindringen würde. Vollens gegen die abziehenden LegionenHülfsvölker und Bundeslruppen aufzustellen, hiess Bürgerkrieg hervorrufen. «Gefahrvoll ist Strenge, schimpflich Nachgiebigkeit.Ob man dem Soldaten nichts, ob man ihm Alles gewährt, stets ist der Staat in Gefahr." Daher beschloss man nachallseitiger Berathung, im Namen des Fürsten ein Schreiben abzufassen dahin : wer zwanzig Jahre gedient hat, wird entlassen,wer nur sechszehn, von dem gewöhlichen Dienste befreit, er bleibt bei der Fahne, ohne anderer Verpflichtung, als gegenden Feind zu kämpfen. Die versprochenen Vermächtnisse werden ausgezahlt und verdoppelt werden.

Die Soldaten bemerkten wohl, dass man nur für den Augenblick etwas ersonnen habe und veilangten daher diesofortige Vollstreckung, worauf denn die Entlassung der Ausgedienten durch die Tribunen schleunigst besorgt und dieGeldaustheilung erst beim Bezug des Winterlagers versprochen wurde; allein die fünfte und einundzwanzigste Legionverweigerten den Abzug, bis das Geld ausgezahlt war, wozu der Caesar selbst und seine Freunde ihr Reisegeld hergaben.Die erste und zwanzigste Legion führte Caecina, der Legat, zu der Stadt der Ubier (Cöln) zurück. Ein schmachvoller Zug,da die Geldsäcke, welche man dem Imperator geraubt hatte, mitten zwischen den Feldzeichen und Adlern mitgefahrenwurden. Germanicus reiste zum obern Heere, nahm der zweiten, dreizehnten und sechszehnten Legion ohne Schwierigkeitenden Eid ab, die \ierzehnle Legion blieb kurze Zeit unschlüssig; es wurde ihnen, ohne dass sie es forderten, Dienstentlassungund Geld verwilligt. Dagegen machten die, bei den Chauken in Besatzung liegenden Vexillarier') der missvergnügtenLegionen einen Empörungsversuch, der durch augenblickliche Hinrichtung zweier Soldaten unterdrückt erschien. DerLagerpräfect M. Ennius hatte sie befohlen, weil sie des Beispiels wegen ihm zweckmässig erschien, nicht weil er ein Rechtdazu hatte. Dafür musste er fliehen, als der Aufruhr neuerdins losbrach, suchte aber, als man ihn in seinem Schlupfwinkelentdeckte und er einsah, dass dieser keine Sicherheit gewährte, in kühner Rede seinen Schutz. «Nicht an ihm, demPräfecten, vergriffen sie sich, sondern an Germanicus, dem Feldherrn, an Tiberius, dem Imperatoren." Und bei diesen Worten,die Bestürzung derer benutzend, die ihm entgegengetreten waren, reisst er die Fahne aus dem Boden, wendet sie demRheine zu und führt mit dem Zurufe: wer den Zug verlasse, werde als Ausreisser behandelt werden, die Bestürzten insWinterlager zurück.

Unterdessen kamen Gesandte des Senats zu Germanicus, der bereits zum Altar der Ubier (Cöln) zurückgekehrtwar. Dort überwinterten die erste und zwanzigste Legion, sowie die kürzlich zu der Fahne entlassenen Veteranen. 2 ) Bestürztund voll Gewissensunruhe beschleicht sie die Furcht: die Gesandten seien auf Befehl des Senats nur darum gekommen, umdas, was sie durch ihre Empörung erzwungen hätten, wieder aufzuheben, und, wie es bei der Volksmasse geschieht, dieselbst für entschieden Unwahres einen Urheber in Anklage zu setzen pflegt, sie beschuldigen den Munatius Plancus, der dasConsulat verwaltet hatte und an der Spitze der Gesandtschaft stand: er sei der Urheber des Senatsbeschlusses gewesen.In dunkler Nacht fangen sie an, die Fahne zu fordern, die in Germanicus' Haus lag; in Massen dringen sie gegen dieTllfir an und heben sie aus den Angeln. Der Cäsar wird aus der Schlafkammer geschleppt; durch Todesdrohungen zwingensie ihn, die Fahne herauszugeben. Danach die Strassen durchstreifend, begegnen sie den Gesandten, die, in Folge desGetümmels, zu Germanicus eilten. Schimpfend dringen sie auf sie ein und machen Miene, sie zu tödten; besonders Plancus,dem seine Würde die Flucht untersagt hatte: auch fand er keine Zuflucht in der Gefahr, als das Lager der ersten Legion.Dort umfassle er die Feldzeichen und den Adler, und suchte sich durch die Religion zu sichern: und hätte nicht Calpurnius,der Adlcrlräger, den Todesstreich ihm abgewehrt, so hätte — was selbst bei Feinden selten ist — ein Gesandter desrömischen Volkes im römischen Lager mit seinem Blute die Altäre der Götter befleckt. Erst als es hell war, als man denFeldherrn und den Soldaten und, was geschehen war, erkennen konnte, betrat Germanicus das Lager, hiess den Plancuszu sich führen und nahm ihn mit sich auf das Tribunal. Indem er dann heftig losfuhr auf die blinde Wuth, mit der dasGeschick sie geschlagen, und dass nicht der Soldaten, sondern der Götter Zorn jetzt walte, erklärt er, weshalb dieGesandten gekommen seien. Auch die Verletzung des Rechts der Gesandten, das schwere nnd unverdiente Geschick, dasPlancus persönlich betroffen, zugleich, wie grosse Schande die Legion auf sich geladen habe, beklagt er mit beredten Worten.Dann entlässt er die Gesandten unter dem Schutze einiger Reiter von den Hülfstruppent Die versammelte Menge warmehr betäubt als ruhig.

In Furcht des Kommenden machten es alle dem Germanicus zum Vorwurfe, dass er nicht zu dem obern Heere sichbegäbe, wo Gehorsam und Hülfe gegen die Empörer zu finden sei Mehr als genug schon sei mit Dienstentlassung undGeldzahlung und weichlichem Verfahren gefehlt worden. Oder wenn sein eignes Heil ihm wenig gelte, weshalb er seinenkleinen Sohn, seine schwangere Gattin unter rasenden Menschen Hesse, die alles Menschenrecht mit Füssen träten? Jenewenigstens möchte er dem Grossvater und dem Staate wiedergeben. — Lange zögerte er; auch seine Gattin verschmähte es.indem sie sich darauf berief, sie stamme von Augustus her und sei nicht entartet genug, um Gefahr zu fürchten. Endlich,als er unter vielen Thränen ihren Leib und ihren gemeinsamen Sohn umfassle, bewog er sie, sich zu entfernen. Schwachund bejammernswert!! zogen die Weiber dahin: des Feldherrn Gattin flüchtig, am Busen den kleinen Sohn tragend; rings

') Veteranen, die, wie oben gesagt, nur gegen den Feind zu dienen brauchten, dagegen von den übrigen Soldatendiensten frei,waren. — *) Siehe die vorige Note.