— 194 —
ständigen Harmonie hat Tröstliches. Wir musiciren oderlesen Abends laut vor, die Kinder werden unterrichtet, esist ein wohlthätig reges Leben im Hause. Der Violin-spieler K. mit seinen Kunststückchen aller Art, mit seinem„Tongemälde" ohne Musik, dem vielen Orchesterlärm, hierund da durch ein weinendes Violin-Solo unterbrochen,zerstreut mich freilich nicht, aber Reinecke ist interessant,Bülow hat eine vortreffliche Technik und schon jetzt,trotz seiner Jugend grosse Herrschaft über das In-.strument." . . .
Der Freiheitsrausch ergreift Leipzig immer mehr,•aber ehe der Sturm ungefesselt losbricht, konnte die Fa-milie Moscheies noch eine Woche der Erholung in Dres-den und der Sächsischen Schweiz gemessen. „Am Sonn-tag Vormittag in der Katholischen Kirche lernte ich aufdem Chor Wagner, den republikanischen Componistenund wirklichen Republikaner, kennen; ich besuchte Reis-.siger, der mir mehrere seiner gründlich gediegenen Com-positionen vorspielte, unter diesen eine Violin-Sonate, die_er mir dedicirt. Mit der Gräfin B. meine Es-dur-SonateJ probirt. Sie spielt ganz vortrefflich. Schumann's. hatten, viel von ihrem Streit mit *** zu erzählen, der gestern beiihnen spielte und gegen Mendelssohn loszog. Unwürdigund undankbar! — Abends bei Hübner's und Bendemann's,die interessanteste und • erfrischendste Unterhaltung überKunst, statt der Monotonie der ewigen Kannegiessereien.Ich spielte ihnen auch recht viel vor." Nach diesenKunstgenüssen, zu denen noch herrliche Stunden in derBildergalerie gehören, waren die Naturgenüsse doppelterfrischend. „Wir wandern mit einem Führer durchThäler und Schluchten, bergauf, bergab, aber Niemand■ermüdet in der herrlichen Luft, im Anschauen der schönenPanoramen, durch die sich die Elbe malerisch schlängelt.Der junge Freund N. begleitet uns und treibt viel Spassmit den Kindern. Aber wir alten Kinder sind auch lustig."Es rückt der 4. Juli heran und bringt den Sturz desfranzösischen Ministeriums; es kommt der 10. und mit ihmdie Durchreise des Reichsverwesers; es bildet sich unter