) 55 (wenn er spät hinübergehen sollte, seinen Leichnam zurGrabesruhe einweihen. Schnell beſchloß ſie, es jetztfür ihn zu gebrauchen. Sie eilte dahin, wo Jesuswar. Uneingedenk der ersten Bestimmung diesesOeles, ganz Bewunderung gegen den Herrlichen,ganz Dank gegen ihren Wohlthaͤter, unbekum-mert um die Zukunft, gießt ſie das Oel auf ſeinHaupt, über seine Fuße aus, sinkt hin und trocknetihm die Füße, reibt ihm das Oel ein mit ihrem Haare,der Zierde ihres Hauptes. *) Ihre ganze Seele warnur Ein Gedanke, nur Eine Empfindung. — Zwarkönnen wir nicht von allen Menſchen gleiche Lebhaf-tigkeit der Gefühle fordern. Aber doch soll auch beyuns Liebe zu Jesus nicht bloß Sache des Verstandes,nein, auch des Herzens seyn. Manche koͤnnen JesuHoheit, seine Segnungen nicht wegläugnen, sie er-kennen sie an; allein sie bleiben dabey kalt, fühllos.Uns sollen sie nicht ungerührt lassen. Alle Kräfte desGeistes und des Gemüthes sollen ihm angehören. Bli-cken wir auf ihn, den Hocherhabenen und Herrlichen,wie keiner ist im weiten Raume der Welten: wie sollteuns nicht Ehrfurcht durchdringen; wie ſollte unsnicht Freude beleben, Freude, daß auch wir ſeinesAnschauens gewürdigt sind? Vergegenwärtigen wiruns seine Wohlthaten, die er über Welt und Nach-welt auch über uns in Zeit und Ewigkeit verbreitethat und noch verbreiten wird: wie sollten wir nichtDank gegen ihn empfinden? Erinnern wir uns analles, was er schon vollendet hat: wie sollten wir„ihm nicht unsre Wege befehlen und auf ihn hof-fen, er werde alles wohl machen? Liebe, die nurden Verstand beschäftigt, ist des Namens nichtwerth, und wird wenig ausrichten. Wenn sich zudeutlicher Einſicht innige Empfindung geſellt; dann*) Dieß war es nach der Ansicht ihres Volkes undihrer Tage. S. 1. Petr. 3/3.
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Zwey Predigten, bey Gelegenheit der Sammlungen milder Beyträge für die unglücklichen Bewohner des linken Rheinufers
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