Druckschrift 
1 (1896)
Entstehung
Seite
21
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Einzelne Unbeholfenheiten. wie die Anordnung je zweier Postamenteunter den Säulen, das Anbringen der Bailüster im Fries des Gurtgesimseswird auch der zugestehen müssen, der in der gesetzmassigen Anwendung derklassischen Ordnungen nicht das höchste Ziel der Haukunst erblickt. Ihntröstet vielleicht der Vergleich zwischen der unteren und oberen Ordnungdes Hofes. Alan sieht, dass der Künstler in der richtigen Verwertung derFormen Fortschritte macht, wenn er gleich bei der Behandlung der Fensternoch am Alten festhält.

Der Hof des Hotel Bernuy entstand um 1530.

Tafel 13 und 42. Toulouse, Hotel de Lasbordes.

Auch dieses Haus, jetzt Hotel de Fleynes genannt, Rue du Vieux-Raisin

No. 32, von dem nur die Thüre und ein Fenster des Treppenturmes im Hofdargestellt wurden, gilt als ein Werk des Bachelier. Es wurde vom gegen-wärtigen Besitzer sorgfältig erneuert. Erbaut wurde es für Beringuier-Maynier,der 1515 Ratsherr (capitoul) von Toulouse war. Aber schwerlich gehört dasThor auf Blatt 13 in so frühe Zeit, obgleich in ihm noch ein gewissesgotisches Empfinden steckt, das sich in dem oberen Fenster deutlicher zeigt.Man dürfte eher auf die Zeit um 1530 rechnen. Vivitur ingenio, coeteramortis erunt! sagt die Inschrift auf der Archivolte.

Der Hof, in dem das Thor liegt, wird nach aussen durch eine Mauerabgeschlossen, vor der eine Gallerie hinführt; diese ist überwölbt. UnsreTafel 42 führt uns unter ein solches Gewölbe. Die Kunst der Renaissance isteine andre geworden. Die Formen sind klar und voller, die Behandlungist sicherer, schwungvoller. Über dem kleinen abet wuchtigen Thorereicher Reliefschmuck. Es dürfte dieser Teil des Hauses der Zeit angehören,in der der Gueffier Jehan Burnet es erweiterte, wohl die um 1560.

Tafel 95. Toulouse, La Dalbade.

Die Dalbade ist eine Kirche des 15. Jahrhunderts, welche die Johanniterbauten. Das Thor der Kirche ist eine Schöpfung, die dem Meister NicolasBachelier zugeschrieben wird. Sie ist in jeder Beziehung das reifsteunter den von ihm zugewiesenen Werken. Da feststeht, dass sie 1537entstand, so giebt das einen gewissen Anhalt für die Bestimmung der Ent-wicklung des Meisters. Formell steht er auf einer besonders hohen Stufe.Aber auch hinsichtlich der eigenen Leistung, der Selbständigkeit im Gebrauchdes Erlernten ist er zu den ersten Künstlern französischer Renaissance zurechnen.

Das obere Giebelfeld konnte in der Darstellung fortgelassen werden, daes eine moderne Ergänzung ist. Auch auf die Darstellung des zweitenThores wurde verzichtet, um die ornamentale Behandlung der Hauptgliederdeutlicher wiedergeben zu können.

Tafel 186. Vienne, Rue des orfevres No. 7.

Das in einer bescheidenen Seitengasse gelegene Haus gehörte wohl einemder Goldschmiede, die hier ihren Sitz hatten. Es entstand in den Jungtagender Renaissance. Leider ist das Erdgeschoss durch Ladeneinbau zerstört.Aber im ersten Obergeschoss kämpft die gotische Anlage mit dem neuenStil, der die Pilasterchen vor den Gewänden liefern musste. Im Obergeschossherrscht sie vollständig. Noch ist die Bildung des Hauptgesimses unklar,aber der Künstler greift herzhaft in die neuen Formen, um sein Werk mitihnen zu schmücken.

Tafel 165. Viviers, Maison des Tetes,

Viviers gehört zu den mit Unrecht wenig besuchten Städten an derRhone. Burg und Dom, die ganze bergige Stadtanlage sind sehr sehenswert.

Hier das Maison des Tetes oder des Chevaliers, das um 15 50 für denHugenotten Noel de Saint Allans errichtet wurde. Es steckt in diesen süd-französischen Werken eine wesentlich andre Auffassung als in denjenigen ander Loire. Die Behandlung ist derber, die klassische Form ist konstruktiververwendet. Sieht man genau zu, so sind die Fensterformen nur Umkleidungenjener alten Art, wie wir sie aus Bisanz (Tafel 140) und Vienne (Tafel 186)kennen. Fehlt doch nicht einmal das die Säulen durchschneidende Steinkreuz.

Tafel 185. Sarlat.

Sarlat ist ein Städtchen der Perigord im Departement Dordogne, daswegen den zahlreich erhaltenen aus den verschiedensten Zeitaltern stammendenHäusern bemerkenswert ist. Unsre Gruppe wurde zusammengestellt nachPhotographie von Mieusement und eigenen Aufnahmen. Rechts hat manEinblick in die Rue Gambetta mit einem der ältesten Bauten der Stadt, derjenen zu Cordes (Tafel 59) verwandt, wenigstens mit seinem ersten Obergeschossdem 14. Jahrhundert angehört, während das zweite im I 5. Jahrhundert aufgesetztsein dürfte. An der zur Linken dargestellten Gruppe, die schwerlich vor1550 entstand, fesselte mich die Durchdringung der Gotik mit Renaissance-formen. Das Empfinden im ganzen Aufriss stammt vom alten Stil, dieEinzelheiten halten sich entschieden an den neuen.

Tafel 44. Avignon, Saint Pierre.

Ein alter Altar, geschaffen von einem Renaissancekünstler Avignons, ImbertBouchon, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Alir schien es wichtig,auf diesen der allgemeinen Kunstgeschichte ganz fremden Meister hinzuweisen.Das ausgezeichnete, auch als Altar dienende Grabmal der Familie Doniin Saint-Agricol zu Avignon gehört ihm ebenfalls zu. Die ruhige, vornehmeHaltung dieses in den architektonischen Formen noch etwas schwerfälligen

Werkes, die Feinheit der Örnamentation machen es beachtenswert, vor allemaber die Würde in den Bildnereien. Der Christus in der Mittelnische stehtauf sehr hoher Stufe der Abklärung.

Tafel 43 und 121a. Toulouse, Hotel d'Assezat.

Pierre Assezat, im Jahre 1562 Ratsherr (capitoul) von Toulouse, baute1555 das Hotel, das, noch heute nach ihm genannt, an der Place d'AssezatNo. 7 liegt.

Im Vergleich zu den Bauten Bacheliers zeigt sich hier ein ausgesprochenesBarock. Betrachtet man die gleichzeitigen Toulousaner Möbel, so ergiebt sich,dass die Formen des 'Thores auf Tafel 43 auch im 'Tischlergewerbe zu jenerZeit schon allgemein im Gebrauch waren. Freilich hinsichtlich der Namender Künstler versagt die Ortsgeschichte vollständig. Auch hier wirdBachelier genannt. Mir will scheinen, als weise man damit dem Künstler eineetwas zu grosse Wandlungsfähigkeit zu. Er war sicher nicht der Einzigein der reichen, aufblühenden, verkehrsreichen Stadt, der Kenntnis von denkünstlerischen Vorgängen draussen in der Welt hatte. Es fehlt auch nichtin der Nachbarschaft an beachtenswerten Werken der Renaissance. Daswichtigste dürfte das Schloss Pibrac sein. Also wird man sich die Zuweisungdes Baues an einen bestimmten Meister einstweilen noch versagen müssen,bis die Archive von Toulouse bessere Auskünfte erteilen.

I )as Palais ist schon räumlich eines der bedeutendsten in Toulouse. Daswuchtige Portal auf Tafel 121 a lässt seine Grösse nur teilweise vermuten.Man betritt den rechtwinkligen Hof, in dessen Ecke der auf'Tafel 121 sicht-bare Treppenturm emporragt. Den Hof gliedern drei Ordnungen, von denen'Tafel 43 die untere darstellt.

Tafel 121b. Albi, Grande Rue 14.

Durch die alte Stadt streifend, trat ich zufällig in den hier dargestelltenHof, von dem ich nicht weiss, ob er jemals von Anderen beachtet wurde.Ich weiss auch über seine Geschichte nichts zu sagen, ausser dem, was erselbst erzählt. Das Fenster mit seinem Steinkreuz und seinen Ornamentengehört der Renaissance der Toulousaner Schule an. Es dürfte 1560—1580 ent-standen sein. Ebenso die Gallerie. Leider ist einer ihrer Bogen nachträglichvermauert, und zwar der, dessen Kapital durch eine Steinkonsole erweitert,die Kette über der Cisterne hält. Später sah ich, dass ähnliche Anordnungenim Süden öfter vorkommen. Das Ganze war von erstaunlich malerischerWirkung. Die Photographie hat nur die thatsächlichen Unterlagen zu dieserfestzuhalten vermocht, nicht aber die funkelnde Sonnigkeit der Languedoc.

Tafel 16. Toulouse, Capitole.

Der Hof des alten Rathauses von Toulouse, der in der Querachse liegt,wurde seit 1604 umgestaltet und zwar in Anschluss an das reizvolle 'Thor mitJonischen Pilastern und vorgekröpften Säulen, Genien auf dem Schlossstein undin den Zwickeln, das vielfach dem Bachelier zugeschrieben wird. Zweifellosgehört es noch dem 16. Jahrhundert an. Über dem Gesimse setzen diederberen Formen der Folgezeit ein, wie sie ähnlich wieder an den aus-gezeichneten Schnitzarbeiten der Toulousaner Möbel bemerkbar sind. Diemeisterhafte Behandlung des Flachreliefs ist besonders hervorzuheben. DerAufbau wird bekrönt von einer mit Wappen geschmückten Nische mit der wenig-bedeutenden Statue König Fleinrichs IV. (1589—1610), nach dem der Hofbenannt ist. Die eigentümliche Durchschneidung der Pilasterstellung der Hof-architektur durch Backsteinschichten ist zu beachten.

Inzwischen hatten die Pariser Architekten jene Verfeinerung in der Hand-habung der Renaissancearchitektur erlangt, nach der man im Osten nochlange vergeblich suchte, und die unter den deutschen Architekten eigentlicherst dem Balthasar Neumann am Würzburger Schloss im 18. Jahrhundert zuerreichen gelang. Das entscheidende Werk war der Umbau des Louvre.

Tafel 168. Paris, Louvre.

Am 3. August 1546 wurde Pierre Lescot zum Architekten des Louvre-Neubaues ernannt. Ob er allein oder gemeinsam mit seinem Freunde JeanGoujon die Schauseite des Louvrehofes geschaffen hat, ist nicht sicher fest-zustellen. Letzterem gehört wohl zweifellos der Entwurf der Skulpturen an.Diese Zeilen sind nicht der kunstgeschichtlichen Untersuchung gewidmet,sondern sollen nur auf den künstlerischen Wert der Arbeit hinweisen.

Erreicht ist hier die volle Reife der Renaissance, die klassische Bildungder Ordnungen und Profile, die an Bramante und Antonio da San Gallomahnende Einzelbehandlung. Man denke an den Hof des Palazzo Farnesein Rom. Aber doch dringt der französische Geist, die auf formelle Feinheitvorzugsweise gerichtete Stimmung, der Schmucksinn überall hindurch, namentlichan dem sehr merkwürdigen und folgereichen Entwurf des oberen Halb-geschosses. Dem Ganzen aber ist eine sammtartige Weichheit eigen, einebewundernswerte Vollendung, wenn man hierunter versteht, dass ein künst-lerischer Gedanke zu seinem vollen Ende gebracht worden sei. Die Italienerhaben die antiken Motive grossartiger, wirkungsvoller zu verwerten gewusst,kein Volk aber hat eine elegantere Verwendung für sie gefunden. DieLouvrefacade giebt hierin den für Frankreichs Kunst entscheidenden Ton an.So wie hier werden die Pilaster in den edelsten ihrer Bauten verwendet:Sie sind schwach an Masse, nicht Träger von Lasten, sondern Sinnbilder desTragens, Wandgliederungen.

Ebenso entscheidend ist das Ornament. Es erscheint wie von derHand eines Mannes von seltenem Geschmack leicht aufgelegt; man könntees überall entfernen, ohne die Klarheit des Aufbaues zu stören; es ist Zier-rat, nicht organischer Teil des Baues; aber es ist mit höchster Sicherheit ein

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