Gefühl für das Anmutige über die Front gebreitet, sodass jedes Blatt als einDing erscheint, das man nur unter Einbusse für das Ganze missen möchte.*)
Tafel 15. Jacques Androuet du Cerceau.
Das vorliegende Blatt ist angefertigt nach einer Zeichnung auf Pergamentund stammt aus einem ganzen Bande solcher Zeichnungen, der sich imköniglichen Kupferstichkabinet in Dresden befindet. Neben seinen zahlreichenStichwerken hat du Cerceau mehrere solcher Bände gezeichnet, die ihmbauverständige Kunstliebhaber abkauften. Geymüller hat in seinem WerkeI.es du Cerceau«, Paris 1887, eingehend diese Arbeiten behandelt.
Unverkennbar hat bei dem oberen Entwürfe eines Palastes du Cerceau an ital-ienische Hauten gedacht. Rafaels Palazzo Pandolfini in Florenz steht dem Ober-geschoss nahe. Die untere Zeichnung hat ihr Vorbild in dem antikenTriumphbogen zu Eangres. Aus beiden Blättern erkennt der Architekt dastiefe Studium und die ausserordentliche Sorgfalt der Darstellung. Dass aufunsrem Blatte einzelne Linien ausgebaucht erscheinen, hat seinen Grund darin,dass im Laufe der Jahrhunderte das Pergament sich krümmte. Alan sieht,dass der .Meister, dessen Blütezeit mit dem Jahre 1549 anhebt, durch diesefeinen Werke einen mächtigen Einfluss auf seine Zeitgenossen erlangen musste,die eben daran waren, aus dem Mischstile der vorhergehenden Periode zustrengerer Auffassung sich abzuklären.
Auch in Frankreich hielt man sich nicht lange auf der Höhe dieserFeinheit; eine kräftigere, belebtere, um die Regel unbesorgtere Kunst trathervor.
Tafel 193 und 194. La Rochelle, Hotel de Ville.
Der Bau wurde 1587 begonnen, 1607 vollendet, 1879 sorgfältig erneuert.Er trägt an vielen Stellen das Monogramm Heinrichs IV. und der Mariavon Medici.
La Rochelle war bekanntlich der Mittelpunkt des französischen Calvinismus,hier fand 1 57 1 die Synode aller französischen reformierten Kirchen statt;hierher flüchteten jene, die die Bartholomäusnacht überlebten. Der Friedevon 1573 sicherte den Rochelaisen freie Glaubensübung; 1588 fand dortnochmals die Generalversammlung der Religionsgenossen statt. Wir habenalso wohl auch unter den Hugenotten den Architekten des Baues zu suchen.Aber auch das erleichtert die Lösung der Frage nicht, welchem Meister derBau zuzuschreiben ist, da so viele dem neuen Bekenntnis zuneigten: Die duCerceau, Bernard Palissy, die jüngeren Chambiges und andere mehr.
Den Architekten wird die Formenbehandlung besonders anziehen: Aufdicken Säulen ruhen Rundbogen von verschiedener Spannweite, vor dieweiter gespannten sind Tropfsteine gelegt. Tafel 194 lässt den Steinschnittdeutlich erkennen. Stichbogen greifen von den Säulen rückwärts bis auf dieUmfassungsmauern. Sie tragen die aus grossen Steinplatten gebildete Decke;und zwar ist der an den Bogen anschliessende wagrechte Streifen jedes malmit aus den Bogensteinen gefertigt und trägt die Platten in einem Falz.Das Obergeschoss ist durch eine einfach vornehme Halbsäulenarchitekturgegliedert. Barocke Motive, wie die abgebrochenen Giebel, finden namentlichan den Dachvorbauten reichliche Verwendung.
Tafel 97 und 171. Toulouse, Maison de pierre.
Das Haus Rue de la Dalbade Nr. 25 wurde 1611 —1615 erbaut. Esdürfte der hervorragendste Bau der Hochrenaissance in Südfrankreich sein.
Die Strasse, an der die Hauptfacade liegt, ist eng. Der unbekannteKünstler, der dasllötel entwarf, wählte daher als Hauptmotiv der Ausschmückungfür die zwei Thore in der Achse eine vorgekröpfte, mit hoher Vollendungdurchgebildete Säulenstellung; diese Säulen sollen angeblich aus den Ruineneines Tempels der Pallas stammen, der sich früher an dieser Stelle befundenhabe. Zwischen ihnen öffnen sich zwei im Geiste von Michelangelos Portapia zu Rom behandelte Bogen, darüber Kartuschen mit Schild und je einestehende Hochreliefgestalt. Dargestellt sind klassische Gottheiten. DasMonogramm im Schild bezieht sich auf den Bauherrn de Clary, PremierPresident des Gerichtshofes. Die Obergeschosse teilen acht kannelierte Pilaster.Im Hof sind die Flächen in Backstein gehalten. Die kräftige Behandlung,die Wucht der Gliederung und die eigentümlich dekorative Verwertung derFormen entspricht jener an der Aussenansicht.
Tafel 46. Toulouse, Hotel de Caulet.
Das Gebäude befindet sich Rue des tourneurs Nr. 45 und wurde für denGerichtsrat de Caulet um [634 errichtet. Nur der stattliche Hof zeigt nochdie alte Gestalt. Auch hier kam der Ziegelbau zur Verwendung und trittdie dekorative Behandlung der Bauformen mit ähnlicher Wucht hervor, wieam Maison de pierre. während in der Behandlung der Fenster die ältereRenaissanceauffassung sich noch deutlich bemerkbar macht.
Tafel 71. Troyes, Hotel de Ville.
Das Stadthaus wurde 1624 begonnen und gehört zu den Zeugen deseindringenden Barock. Man sehe die Form des Hauptthores, die schwerenVerknüpfungen. Erst 1(170 wurden die Dachausbauten hinzugefügt und erhieltdie Mittelnische eine Statue Ludwig XIV. Diese wurde 1793 durch einesolche der Freiheit ersetzt, aus der die Restauration eine Minerva machte.Kurz vor der Aufnahme unsrer Photographie hatte der Präsident der Republik,Carnot, die Stadt besucht, daher die Beleuchtungskörper an der Schauseite.
*l Aul der Tafel ist der dargestellte Bau irrtümlich als Pavillon de l'Horloge bezeichnet.
Über dem Thore fehlen die früher dort angebrachten Wappen (?). DieNarren der Revolution hatten diese Zeugen einer ihnen feindselig erscheinendenZeit, wie so vieles Andere, nicht vertragen können.
Tafel 170. Reims, Hotel de Ville.
Das Rathaus wurde nur drei Jahre nach dem in Troyes begonnen, 1627.Erweiterungsbauten erfolgten 1823 und 1880.
Die Architektur ist jener von Troyes verwandt, wenngleich feiner undvorsichtiger durchgeführt, mehr den Arbeiten am Louvre sich nähernd.Der vlämische Ton, der aus dem Bau spricht, wurde durch den Umschwungdes Hofes zum Katholicismus gefördert. Er zeigte sich gleichzeitig in derVorliebe für Rubens als Maler. Ihm entgegen steht die italienische Art,wie sie der Süden vertrat, und die Strenge der klassischen Regel, wie siesich aus dem hugenottischen Geiste entwickelte.
Tafel 20, 120. Dijon, Palais de Justice.
1862—1869 baute man einen neuen Saal für die Geschworenen-Gerichteund überführte in diesen die holzgeschnitzte Decke, die unsre Tafel darstellt.Früher befand sie sich in der Chambre des Comptes und wurde dort um 1650,wie es scheint, von den Tischlern Tassin und Nicolai Moissenet ausgeführt.Der Bildhauer J. Dubois und der Architekt Jean Braconnier, der 1645 dasThor zum Saale schuf, dürften an dem Werke Anteil gehabt haben.
Ein kraftvoller Barock, wenngleich in den Bildhauerarbeiten ein gewisserKlassicismus vorherrscht. Es ist nicht in allen Teilen plastisch durchgereift,doch als Ganzes ein schönes Zeugnis bildnerischen Könnens und des Pracht-bedürfnisses der burgundischen Hauptstadt.
Tafel 169. Reims, Saint Remi.
Die beiden yuerschiffftügel der Kirche werden durch Schranken ab-geschlossen, die hier zur Darstellung gelangen. Sie sind schöne Beispieledes I Iochrenaissancestiles in üppigster Entfaltung. Die sorgfältige Auswahldes Marmor, die Monumentalität, die reiche Dekoration zeigen, wie mit einemverhältnismässig einfachen Gedanken eine lebhafte Wirkung erzielt werden kann.
Tafel 17. Besanpon, Palais de Justice.
Ein drittes öffentliches Gebäude dieser Stadt: Das im Hofe des Hotel deVille sich erhebende Gerichtsgebäude von Bisanz. Die heimische Litteraturweist es der Mitte des 18. Jahrhunderts zu. Ist das möglich? Nach deutschenVerhältnissen würde man den Bau etwa auf 1680—1700 versetzen, auf die Zeitdes noch unfreien Barock. Jedenfalls ist dieser Bau ein merkwürdiges Zeugnisdafür, dass man sich in Burgund herzlich wenig um den Entwicklungsgangder Pariser Bauakademie und der klassischen Architektur kümmerte.
Noch gehörte Avignon den Päpsten. Es bildet eine Art Enklave auchin der Kunst. Hier wirkte der Jesuit Etienne Martellange (1569—1641) alsArchitekt nicht nur für die eigene Stadt, sondern weit über diese hinaus imSinne und Auftrage seines Ordens. Er dürfte von Haus aus Italiener seinund hielt sich nach seinem Eintritt in den Orden 1590 etwa bis 1603 inItalien auf. Neben ihm vertrat Francois Derand (1 588—1644) den flandrischenStil, der auf die Gestaltung auch der deutschen Jesuitenkirchen von so be-deutendem Einfluss war. Unter der Führung des Ordens entwickelt sich inFrankreich eine besondere Jesuitenkunst, die in den Büchern über französischeBaukunst meines Ermessens mit Unrecht wenig Beachtung findet.
Im Norden macht sich seit den grossen Religionskriegen des 16. Jahr-hunderts eine Schaffensart bemerkbar, die in unmittelbarem Zusammenhangmit dem Stile Rubens steht. Kaum einer grösseren Stadt fehlte einst dieBarockkirche. Manches hat sich erhalten, obgleich gerade diese Bautendoppelter Hass traf! Jener der Republikaner und der der klassischen oderromantischen Kunstfreunde.
Sehr merkwürdig ist dabei das Verhältnis zur Gotik. Die Jesuiten desNordens haben nicht die der Zeit eigene grundsätzliche Abneigung gegenderen Stil, ja sie zeigen eine merkwürdige Vertiefung in die Forderungenund Ziele des Mittelalters, sodass die besten Kenner durch Bauten des 17.und 18. Jahrhunderts getäuscht wurden. Zu den merkwürdigsten Anlagendieser Art gehören Kirchen in Coutances, Vienne u. a.
Masstab 1: l(iclt).
Vienne. Yorstadtkirche.
Coutances. Saint-Nicolas.
Coutances. Saint-Picrre,
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