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1 (1896)
Entstehung
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18
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Tafel 67. Orleans, Maison de la Coquille.

Das Haus ist benannt nach der kleinen Muschel, die über den Ober-lichtfenstern der Hausthüre sich befindet. Es liegt in der Rue Pierre-PerceeNr. 1, in einem verlassenen Winkel und ist leider wenig gepflegt. Aberdiesem Umstände verdankt es wohl die Erhaltung auch des Untergeschosses,ja des alten Balkons über dem Ladenfenster mit seinen noch gotisierendenFiguren. Man sieht, dass der Zimmermann dem Steinmetzen nicht auf demMarsche zur neuen Kunst zu folgen vermochte.

Tafel 67. Orleans, Maison de Jean d'Alibert.

Das Haus ist zweifellos von demselben Künstler geschaffen wie dasvorige. Es liegt in der Rue de Marche-ä-la-Volaille Nr. 6. In diesen kleinenAufgaben zeigt sich die Feinheit der französischen Renaissance auf ihrervollen Höhe.

I )ie Brüstungen der Fenster des Hauptgeschosses sind nachträglich tieferherabgelegt worden.

Tafel 143. Le Mans, Hotel du Grabatoire.

Das Haus liegt auf der Höhe der Kathedrale, welche die Stadt überragtund so durchschneidet, dass man neuerdings beide Teile durch einen Tunnel ver-bunden hat. Es wurde 1528 wohl nach den Plänen von Simon Hayeneufve füreinen Kanonikus errichtet und erst nach 1542 vollendet. Grabat (Koaßßazoq)heisst das Krankenbett, Grabatoire derjenige, der auf dem Totenbett dieTaufe empfängt. Der Zusammenhang dieses Begriffes mit dem Hause istmir nicht klar.

Alte Ansichten lehren, dass der rechte Dacherker neu ist, ebenso dieAusschmückung des Schornsteines und Dachfirstes. June Thüre, die sichzwischen den beiden Fenstern des Krdgeschosses befand, wurde entfernt.Aber die Grundformen sind echt und alt: Die Umgestaltung der gotischenDenkweise durch die neue Formensprache.

Tafel 195. Schloss Oiron.

Der Seitenflügel gehört nach dem Monogramme der Zeit König Heinrichsan, also frühestens dem Jahre 1547. Freilich könnte man glauben, dasszwischen der Anlage der noch ganz gotisch behandelten Pfeiler und Ge-wölben der Halle und dem Einspannen der Korbbogen von Pfeiler zu Pfeiler,sowie seit dem Aufbau der Kapitale und allem, was darüber sitzt, ein Zeit-raum von dreissig und mehr Jahren vergangen sei.

Das Schloss soll freilich erst 1546 von Claude Gouffier, GrossstallmeisterKönig Franz L, gegründet worden sein. Bediente er sich anfangs einesminder fortgeschrittenen Meisters? Jedenfalls gehört derjenige, der denoberen Teil der Gallerie erbaute, zu den feinen Künstlern der grossen Königs-zeit an der Loire.

Tafel 187, 188 und 189. Le Lude.

Der Scnechal von Anjou und Kammerherr König Ludwigs XL, Jean deDaillon, baute 1457 das Schloss: Daher noch der festungsartige Grundzugund die gewaltigen Türme. Unter König Franz I. wurde es umgebaut.

Neuerdings ist es vom Besitzer, dem Marquis de Talhouet, nochmals aus-gestaltet worden. Man sieht dessen Namenszug und Wappen an denSchornsteinen.

Die grossartige Einfachheit im Aufriss und die Feinheit in derEinzelbildung, darin liegt die rätselhafte Wirkung dieser Bauten. DieArt, wie die Fenster den Wehrgang um die Türme durchschneiden, dürfteein Baukünstler unserer Zeit nicht nachzuahmen wagen, sowenig wie die Ver-teilung der Gurtgesimse und der Medaillons über die Mauermassen. Daswürde uns alles als grober Fehler erscheinen. Aber der Architekt, der diesefehler beging, behielt schliesslich recht. Wer wird mit ihm hadern wollen,angesichts der grossartigen Stimmung trotziger Vornehmheit, einer durchVerfeinerung gemässigten Starrheit des Herrentums, jener wunderbarenMischung im Wesen des französischen Hochadels jener Zeit, die aus seinemWerke spricht!

Die »Cheminee« ist das Prunkstück, das bei der Einrichtung des Innernvor allem dem Architekten zufiel, während der Tischler die Wände undThüren, der Zimmermann die Decken mit ihren eigentümlich dicht gelegten,schwachen Balken über starkem Träger bildeten. Hier ein Beispiel einessolchen Kamins aus der grossen Zeit der Königsbauten Franz I. an der Loirein sorgfältig durchgeführter Erneuerung.

Es wurde schon auf die ausserordentliche Bedeutung des Hausesd'Amboise auf die Kunst mehrfach hingewiesen. Der 1460 geborene Georged'Amboise wurde 1493 Erzbischof von Rouen, 1498 Minister KönigLudwigs XII. Seine Brüder und Neffen nahmen im kirchlichen LebenFrankreichs in der Folgezeit eine ausserordentliche Stellung ein. In künstlerischerBeziehung sind sie dadurch von Wichtigkeit, dass sie in der damals nachBeendigung der englischen Kriege aufblühenden Hafenstadt eine grossartigeBauthätigkeit entfalteten und als Männer von grossem Blick aus den weitestenKreisen und fernsten Landen Künstler an sich fesselten, mit dem benachbartenBurgundischen Hofe wetteifernd. Nicht nur aus Italien. sondern allemAnschein nach vielfach aus Flandern zogen sie ihre Hilfskräfte herbei.

Tafel 98 und 118. Rouen, Hotel Bourgtheroulde.

Der Bau wurde i486 von Guillaume de Roux d'Esneval, Herrn zu Bourg-theroulde begonnen. In diesem seinen nahegelegenen Herrensitz baute er Schlossund Kirche, die gewiss geeignet wären, auf die Geschichte des Hauses in Rouen zu

Rückschlüssen Gelegenheit zu bieten. Ob sie noch stehen, ist mir nicht bekannt.Sein gleichnamiger Sohn, der zum Abt von Aumale und Val-Richer berufen wurde,vollendete das in Rouen stehende Wohnhaus des vornehmen Geschlechtes.

Dieses Haus mit seinem schlanken Turm und den hohen Dach-erkern ist durchaus gotisch. Es will fast scheinen, als sei es fertig-gestellt worden ohne die Flachreliefs, die jetzt die Wände zieren. Diesesind neuerdings sorgfältig restauriert worden. Sie zeigen ländliche Vorgänge undsymbolische Tiere, unter diesen den Drachen und den Phönix, die beide aufdie Zeit Franzi, weisen, also wohl erst nach 1515 entstanden. Man scheintalso aus den vielleicht in Bossen stehen gebliebenen Mauern erst nachträglichden Reliefschmuck herausgeholt zu haben.

Eine selbständige Schöpfung der Renaissance ist der Seitenflügel mitseinen sechs Arkaden und seinen breiten Reliefflächen. Dargestellt sind 111den oberen Bildreihen ein Triumphzug, der, wiePalustre annimmt, nach Gobelinsangefertigt wurde. Die untere Reihe zeigt das Camp du drap d'or, jeneZusammenkunft des König Franz I. mit König Heinrich VIII. von Englandin der Nähe von Calais 1520. Reizvolles Ornament füllt die Pilaster,Postamente u. s. w.

Aus dem Erscheinen des Wappens der Eleonore von Österreich, die KönigFranz 1526 zu heiraten versprach, jedoch 1530 erst heiratete, sieht man, dassder Bau schwerlich vor 1530 fertiggestellt wurde. Über den Künstlerfehlt es an Angaben. Aber wenn man die Reliefs mit jenen am Grabmaledes Kaisers Maximilian in Innsbruck vergleicht, so findet man eine starkeVerwandtschaft, die zum mindesten auf gleicher Schule begründet sein muss.Diese hat ihren Ursprung meiner Ansicht in den malerisch aufgebautenniederländischen Holzschnitzereien der Altäre und ihre eigentliche Heimatin Flandern.

Tafel 124 und 148. Rouen, Tour de la Grosse -Horloge.

Der alte Festungsturm der alten inneren Ummauerung von Rouen, südlichvom Palais de Justice, geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Die Uhr andiesem wurde 1847 angebracht. Der Bogen, der die Rue de la Grosse-Horloge,eine der belebtesten Strassen der Stadt überdeckt, entstand 1511. An diesenschmiegt sich ein zierlicher Holzbau, der ein paar Jahrzehnte jünger seindürfte, und endlich fügte das 18. Jahrhundert einen Brunnen an. So entstanddie wunderlich malerische Ecke, die Blatt 124 darstellt.

Das Werk des 16. Jahrhunderts schildert Tafel 148 genauer. Es sinddie Reliefs in .ähnlicher Weise behandelt wie am Hotel Bourgtheroulde, dasOrnament von gleicher Feinheit und Schönheit. Sehr merkwürdig ist die

architektonische Gliederung der Bogenleibunj.

Der Gegenstand der Reliefs,

Christus als guter Hirte, bezieht sich auf das Stadtwappen. Die durch denWollhandel mit England reich gewordene Stadt nahm das Lamm Gottes alsWappen an und liess den Bildhauer den Gedanken fortspinnen.

Die Rue de la Grosse-Horloge beherbergt noch eine Reihe gotischerHolzhäuser. Leider sind sie sehr vernachlässigt.

Tafel 92. Rouen, Cathedrale Notre-Dame.

Das Grabmal der beiden Kardinäle d'Amboise, des grossen George L,f 1510, und seines Neffen George IL d'Amboise entstand 1520—1525.

Den Entwurf soll Roland Leroux geschaffen haben, als Bildhauer werdenPierre Desobaulx, Regnaud Therouin, Jean Chaillou, Andre le Flamant,Mathieu Laignel, Jean de Rouen genannt. Das ganze gewaltige Werk isteines der entscheidenden Schöpfungen der Frührenaissancc. Noch herrschtgotisches Empfinden. Man sehe z. B. wie die Profile an den Nischen desUntergeschosses in Kapitalen abgeschlossen wurden, wie die Muscheln sichbaldachinartig vorbauen, wie die Kapitale noch als Baldachin empfunden sind.Diese Kunstart hat in Frankreich mancherlei Anklänge. So z. B. an SaintEustache zu Paris. Zehn Jahre früher hat Roland Leroux das sogenannteBureau des Finances in Rouen erbaut (1510), in dem die Gotik noch vielmehr als hier vorherrscht. Es vollzieht sich also nach dem Aneinanderrückendes Fremdartigen nun eine Überwindung der neuen Kunst von innen heraus.Sie hat andre Gestalt als jene an der Loire, wo der Einfluss grosser italienischerMeister deutlicher hervortritt. Hier sind es die Niederländer, bei denen dieEntscheidung liegt. Die Architektur des Denkmals steht jener des MalersJan Gossaert am nächsten, der in Mecheln seinen Sitz nahm, nachdem erItalien und Deutschland bereist hatte. In den Gestalten der Tugenden ist es nichtschwer Anklänge an Quentin Metsys und Bernard von Orley, an Cornelis vanConinxlo und Jan Mostaert zu finden. Daneben sieht man Einzelheiten, die aufMichel Colombe, den grossen französischen Bildhauer weisen. Wer aber schuldie Prachtgestalt des George I. d'Amboise? Wer besass damals die volleBreite und Freiheit in der Behandlung des Gewandes, den sicheren Schwungin der Haltung ? Man schreibt auch sie Jean Goujon zu, während die zweiteStatue, nachweisbar dieses Meisters Werk, auf Befehl des Erzbischofs George ILd'Amboise, 1546, nachdem er Cardinal geworden, durch eine neue ersetztworden sein soll. Gonse nimmt dagegen die erste Gestalt für Michel Colombein Anspruch und dürfte darin recht haben. Das ganz malerische Relief desPerseus mit seinen Kleingestalten im Hintergrund ist wohl niederländischempfunden. Bei dem Reiter freilich mögen Lionardo da Vincis Anregungenmitgewirkt haben. Ein ähnliches Werk von Colombe findet sich im Louvre.Es haben also zweifellos von diesem italienisierten Franzosen Einwirkungennach Rouen stattgefunden. So kreuzen sich hier die grossen Strömungen desinternationalen Schaffens.

Tafel 119. Rouen, Cathedrale Notre-Dame.

Das Grabmal des Louis de Breze, der 1531 als Seneschall der Normandiefiel, wurde von seiner Gattin Diana von Portiers in den Jahren 1535—1544errichtet. Sie selbst hat sich in Witwentracht neben der hingestrecktenLeiche ihres Gatten kniend darstellen lassen, obgleich sie bei Vollendung

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