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Tafel 37. Tours, Place du Grand Marche 56.
Dicht vor der Zeit des Eintreffens der Renaissance an der Loire entstanddas kleine und doch so wirkungsvolle Haus. Nicht weit davon schuf 151OMichel Colombe die Fontaine de Beaune (Tafel 145a). Das Ganze ist mehrein Thor als ein Wohnhaus, wenn nicht, wie an den kleineren Hausern derLoirestädte so oft, das Erdgeschoss als Werkstätte und Laden zugleich ge-dient haben soll. Aber wie dem auch sei: Die Kunst, auf kleinem RaumGrosses zu leisten, zeigt das Bauwerk in trefflichster Weise.
Tafel 65. Troyes, Eveche
Das kleine Thor des Bischofssitzes in der Hauptstadt der Champagnebefindet sich in einem seitlichen Zugange zum Garten, in ziemlich versteckterLage. Es bedarf wohl der Rechtfertigung, warum das Thor Aufnahme fand,während so manches Prachtwerk der Baukunst beiseite gelassen werden musste.Mir lag daran, zu zeigen, wie die Spätgotik eine bescheidene Aufgabegeschickt und doch monumental zu lösen wusste. Das Thor durchschneidetschräg die Gartenmauer, die Gewände und das Gewölbe ist demgemässgebildet. Die typischen Formen der Gotik — Spitzbogen, .Masswerk, Streben,Fialen — fehlen, nur an der kleinen Nische treten sie auf. Das Thor dürfteim Lichten etwa 1,10 zu 2,20 m, der ganze Aufbau 4V2 m messen. Welchevornehme Wirkung ist durch die geschickte Verteilung der Dekoration andiesem kleinen, etwa 1520 geschaffenen Werk erreicht!
Tafel 36, 89, 163 und 184. Bourg-en-Bresse,Notre-Dame de Brou.
Die Kirche ist eine Stiftung der Herzogin Margarethe von Osterreich,(geboren zu Gent 1482). Diese merkwürdige Frau war die Enkelin Karls desKühnen von Burgund, wurde mit fünf Jahren mit dem Sohne König Ludwig XL,Carl VIII. , verlobt, im Louvre und in Amboise von der Schwester des KönigsAnna. vonBeaujeu erzogen, mit 11 Jahren ihrem Vater, dem Kaiser Maximilianzurückgesendet, da Carl VIII. nun mit Anna von Bretagne sich vermählte,während man ihr Erbe Burgund innebehielt. Margarethe wurde mit 14Jahren mit dem Infanten Johann von Spanien verheiratet, und als diesernach einem Jahre starb, 1501 mit Philibert IL von Savoyen, der 1504 siewieder als Witwe zurückliess. Ihr Vater machte sie zur Generalstatthalterinder Niederlande. Von dort aus verwaltete sie auch ihre Savoyischen Be-sitzungen, namentlich die Grafschaft Bresse, in deren Hauptstadt Bourg siefür das Haus Savoyen eine Grabkirche baute: Die Notre-Dame de Brou.
Diese Kirche ist zweifellos für die Baugeschichte der französischen Landevon grösster Wichtigkeit. .Margarethe hasste nach der ihr angethanenSchmach den Pariser Hof und fühlte sich in erster Linie als Burgunderin.Ihre Künstler wählte sie mit Vorliebe aus den reichen Niederlanden, woMecheln ihr bevorzugter Sitz war.
Über die Baugeschichte hat Ch. Jarrin (>Brou«, Bourg [888) helles Lichtverbreitet. Der Entwurf der Kirche stammt von Arne de Rogemont undBenoit Ballichon, wohl in Brou ansässigen Künstlern. Aber auch diese dürftenschon von den Niederlanden beeinflusst gewesen sein. Nach ihnen er-scheint 1512 der Brüsseler Meister Ludewich van Bodeghem als dereigentliche Vollender des Baues. Er dürfte der Schöpfer des kostbaren spät-gotischen Schmuckes sein, bei dessen Durchführung ihm Landsleute zur Seitestanden. Neben ihm erscheint 1515 Jean Vermeyen, dann Conrad Meyt(seit 1516) und dessen Bruder Thomas. Sie verwendeten bei ihren Arbeiteneine Reihe von Marmorarbeiten, die durch französische Künstler hergestelltworden waren. Jean Perreal, der mehrfach in Italien war, Michel Colombeund seine Neffen Reynault, Bastien und Francois arbeiteten seit 1511 andiesen. Und zwar ist es merkwürdig, dass die Statuen in antikischer Artälter sind, als die „moderne" Spätgotik. Darin missversteht Jarrin die Akten,da er sich nicht recht klar macht, dass in jener Zeit des Kampfes zwischenGotik und Antike wenigstens einem vlämischen Künstler sein Schaffen alsmodern, das der italienisierten Franzosen als ,,antik" erscheinen musste. InConrad Meyt verehren wir den Mechelner Meister, von dem Dürer sagt: „dergute Bildschnitzer, desgleichen ich kein gesehen hab, der dienet des KaisersTochter Frau Margareth." Von ihm dürfte das Chorgestühl sein. Tafel 89giebt den besten Einblick in das Werl: der verschiedenen Hände. Die ziemlichnüchterne Grossarchitektur der Meister von Brou, die liegenden Statuen unddie Engelkinder mit dem Wappen von Perreal und Colombe, die spätgotischeSchmuckarchitektur von van Bodeghem und seinen Genossen, das Gestühlvon Conrad Meyt.
So stellt der Bau einen entschiedenen Widerspruch der Niederlande gegendie vordrängende Antike dar. Ahnliches vollzog sich in der Lombardei. Nachihrem Bruch mit Frankreich stellte sich die Statthalterin auch auf die Seiteder Künstler unter ihren Unterthanen: Entscheidend ist für die Ausgestaltungdes Baues, dass die in Italien geschulten Franzosen ihn verlassen musstenund die spätgotisch schaffenden Vlämen ihn vollendeten.
Tafel 164 und 190. Bourg-en-Bresse, Notre-Dame.
Es ist nötig, um das Übergewicht der Niederländer zu erkennen, dieKunst der Stadtkirche zu Bourg mit jener der benachbarten Hofkirchc zuvergleichen. Das Gestühl ist von derber, kräftiger Wirkung, das Figürlichevon unverkennbar deutschem Grundzug, ganz gesondert von den französischenSchnitzereien jener Zeit. Die Nähe der Schweizer Grenze macht sichdeutlich bemerklich.
Manche Einzelheiten weisen darauf hin, dass das Gestühl nach [520entstand. So die Kopfwände des unteren Gestühls, an denen sich dieRenaissance in Holbeins Auffassung geltend macht, während sonst dieSchnitzerei ganz dem alten Stile folgt.
Ähnlichen Geistes ist die Schauseite: Sie mahnt an einen verwandtenBau in Dijon, Saint -Michel, dem Werke des Hugues Sambin. Die Kon-struktion des Turmes ist gotisch, die Dekoration bereits völlig in den formender Renaissance "ehalten.
Tafel 91. Sens, Palais Synodal.
Unter den zahlreichen Vermittelun^sversuchen zwischen Gotik undRenaissance ist das liebenswürdige bescheidene Thor mir als eines der reiz-vollsten erschienen, obgleich auch hier die Wappen und Bildnisse als freiheits-feindlich während der Revolution herausgeschlagen wurden.
Die Art, wie die ganze Architektur als Wandschmuck behandelt ist, hateine besondere Anziehungskraft.
Über den Meister des Palais ist meines Wissens nichts bekannt. EinHugues Cuvelier wird als 1516 an der Kathedrale thätig genannt. Etwadieser Zeit gehört wohl auch das Thor an.
Es sind im wesentlichen die Künstler des Hofes, die in Paris und inden Königstädten an der Loire sich der italienischen Kunst willig hingaben.Manchen Bildhauern gelingt die Abschwenkung zur Renaissance rasch. Sieverlieren früh selbst das gotische Empfinden. Aber im wesentlichen kommt indie Architektur erst mit der Regierung König Heinrichs IL 1547 die reinereBeherrschung der klassischen Form. Es seien zunächst einige Beispielehervorgezogen, die im Kreise des Hofeinflusses entstanden.
Tafel 70. Tours, Cathedrale Saint-Gatien.
Das Grabmal der Kinder König Carls VIII., der letzten Valois, ist einWerk des Guillaume Reynault und des Girolamo da Fiesole. Den unterenTeil schuf der Florentiner, die liegenden Statuen der Schüler Michel Colombes.1508 soll das Denkmal vollendet gewesen sein. Es handelt sich hier alsoum ein entschiedenes Eingreifen des Südens, das zu der nordischen Kunstdurchaus fremden Ergebnissen führt. Dieser Girolamo wird wohl mit demJerome Passerot oder Pacherot eins sein, der in Carls VIII. Diensten häufigergenannt wird. Er lebte in Tours und war tailleur de marbre du roi.
Tafel 145 a. Tours, Fontaine de Beaune.
Der Brunnen entstand I 510— T 5 ] I, angeblich nach den Plänen des Michel
Colombe durch dessen Neffen Bastien und Francois. Wir sahen an den
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Arbeiten an der Kirche zu Brou, dass es zwei Künstler waren, nicht einer,Bastien Francois, wie es zumeist heisst. Die beiden Franzosen fanden sichrasch in die Schaffensart der Italiener, deren neben Girolamo schon mehrerein Tours ansässig waren. So Antonio, Giovanni und Andreas di GiuitsBetti, gleichfalls Toskanische Marmorbildhauer.
Der Aufbau wie die Ornamentation des Brunnen lässt keine Spur gotischerArt mehr erkennen, wie sie bei der Turmspitze der Kathedrale Saint-Gatiennoch so deutlich hervortreten. Dort bestimmte die Künstler der stilistischeZwang des ganzen Bauwerkes, der bei der selbständigen Brunnenschöpfungfortfiel.
Tafel 39. Tours, Hotel Gouin.
Das in der Rue du Commerce No. 35 befindliche Haus entstand um1515. Noch ist die Renaissancebehandlung ganz unsicher, namentlich dasOrnament bei aller Feinheit doch nicht recht raumfüllend; noch werden mancheFormen und architektonische Glieder wenig sachgemäss verwendet; noch über-wiegt die vertikale Teilung der Gebäudemassen. Aber doch ist kaum einGlied mehr rein gotisch gebildet. Die Masswerkbriistung ist spätere Zuthat.
Tafel 167. Paris, Maison Francois I.
Das Haus stand in Moret-sur-Loing bei Fontainebleau und bildete dorteine Hoffront. Die oberste Attika und zahlreiche Einzelheiten, namentlichdie Brustbilder der Medaillons sind Ergänzungen, die vorgenommen wurden,als man 1876 den Bau an der Cours-la-Reinc bei den Champs Elysces zuParis versetzte. Der Bau wurde für die Schwester Franz L, Margarete vonNovarra, 1 523 errichtet.
Die Vornehmheit des Entwurfes, die in der Grundanlage gotischeKompositionsweise und der Ernst trotz der heiter reichen Dekorationmachen diesen Bau zu einem der vollkommensten Zeugen der Stilmischungin den Tagen des Überganges.
Tafel 166. Orleans, Hotel Cabu.
Das vorzüglich auch im Innern erhaltene Haus dient seit 180,0 alsGeschichtsmuseum der Stadt Orleans. Man hat das Haus auch nach derDiana von Poitiers benannt. Der Bau zeigt alle Feinheiten des reifenRenaissancestils der Loiregegend.
Tafel 145b. Orleans, Maison d'Agnes Sorel.
Die Leidenschaft der Franzosen, schöne Wohnhäuser nach den Maitressenihrer Könige zu nennen, hat diesem Bau den Namen der Geliebten Carls VII.gegeben, der schon 1450 starb, während der Bau erst IOO Jahre späterentstand. Auch der Marie Touchet, der Geliebten Carls IX., wurde mit gleichemUnrecht ein Haus in Orleans zugesprochen. Ein Fenster des Hauses in RuePierre Percee sei als Beispiel der Durchbildung der Einzelheiten dargestellt.
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