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1 (1896)
Entstehung
Seite
16
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ausgebildeten Dacherkern. Das bekrönte K auf der Galleriebrüstung weistauf König Karl VIII.

Auf der Gartenseite (Tafel 161) ist der untere, sich frei öffnende Saalmit der schönen Wendeltreppe bemerkenswert. Die vor diesem stehendeSäule trägt wieder die Zeichen Carls VIII. und des Jacques d'Amboise. Überihr baut sich das Chörlein der Kapelle in reizvoller Gotik auf. Die Archi-tektur der Seitenflügel ist schlichter als die des Hofes.

Jedenfalls erweist sich eine Beobachtung als untrüglich: Das reichebürgerliche Leben hat die Gotik in Formen gebracht, die der von ihremkirchlichen Ursprung stammenden Auffassung entkleidet sind! Der Hausbauist bei einer klaren Durchbildung der ihm angemessenen Gliederungen an-gekommen, schon ehe die Renaissance in Frankreich bekannt wurde. Wohlerscheinen leise Anklänge dieser Kunst an den Dacherkern, die auf dasKommende weisen; aber der Entwurf des Baues, der in so vielem mit jenemdes berühmten Schlosses Gaillon übereinstimmt, gehört sicher noch einem derheimischen Künstler an. 1495 beginnt die lebhaftere Einwanderung der Italiener,vorher bauten auch die berühmten Maecene aus der Familie d'Amboise mitden Meistern, welche ihnen Frankreich so reich darbot.

Tafel 87 und 88. Rouen, Palais de Justice.

Das Gebäude wurde etwa 1493—1499 unter König Ludwig XII. für dasHandelsgericht (l'echiquier) der Normandie erbaut. Es bildete mithin eineder Massnahmen der französischen Krone, um dem nach den englischen Kriegenwieder eingenommenen Ausfahrhafen des Seinegebietes seine Stellung imHandel zu sichern. Das 1302 gegründete Handelsgericht erhielt bald daraufdurch Franz I. den Namen und die Würden eines Parlaments.

Die Ausstattung des Baues ist der Bedeutung angemessen. Er bestehtaus drei einen Hof umgebenden Flügeln, deren westlichen der Hörsensaaleinnimmt. Vor den nördlichen legt sich in der Achse die Kapelle (Tafel 87).Der südliche wurde erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut, doch 1842bis 1852 durch den Architekt Gregoire den übrigen Bauteilen angemessenumgestaltet.

Als Architekten werden Robert Ango und Roland Leroux genannt.Jedenfalls waren es Meister, die die gotische Form frei auszugestalten ver-standen, und mit ungewöhnlichem Formgefühl ausgestattet, den Reichtum derEinzelheit trefflieh mit monumentaler Auffassung zu verbinden wussten.

La salle des Procureurs oder des Pas-Perdues (Tafel 88) ist durch eineaus dem 17. Jahrhundert stammende Treppe vom Hofe aus unmittelbar zu-gänglich. Kr ist 48,72 m lang 16,24 m breit. Der Ilolztonne, die den Saalüberdeckt, begegnet man in normannischen Bauten, auch in Kirchen häufig.Die Klarheit und Einfachheit der Raumanordnung, die kräftige Betonung derWagerechten — man sehe z. B. das eigentümliche, der Gotik sonst fremdeGurtgesims unter der Tonne — das meisterhafte Einfügen ziemlich reicherEinzelheiten lassen die Hand eines Künstlers erkennen, der der Wirkungseiner Entwürfe völlig sicher war.

Der Saal wurde 1876 erneuert.

Tafel 119. Rouen, Cathedrale Notre-Dame.

Das Grabmal des Pierre Breze, der 1465 bei Mont Lhery im Kampfefür Frankreich gegen die Burgunder fiel, entstand 1488 —1492. Es steht aufunsrer Tafel links. Ein leichter Zug in den spätgotischen Formen weistschon auf die kommende Renaissance. Die Wappenschilder in der Mittedes Giebels und an der Tumba dürften spätere Zuthaten sein. Leider fehltdem Denkmal die Statue, von deren Gestaltung es schwer fällt, sich einerechte Vorstellung zu machen.

Tafel 115 und 136. Rouen, Saint-Maclou.

Die Kirche wurde 1437 neu errichtet, aber erst 1521 geweiht, nachdemKardinal Georges d'Amboise, der grosse Minister Ludwigs XII., und dessenNeffe und Nachfolger d'Amboise reiche Mittel beigesteuert hatte. Das West-thor wurde erst gegen 1560 fertig. Man hat die Schnitzerei der Thore selbstdem berühmten Jean Goujon zugewiesen, der aber schon 1541 nach Parisging. Für die mittleren Thore, deren Rückseite Tafel I I 5 darstellt, behauptetdies Geymüller (S. 131), indem er auf bestimmte Verwandtschaften mititalienischen Kunstwerken hinweist und daraus auf Goujons Studien in Italienschliesst. Er übersieht dabei aber wohl, was Jakob de Breuck und LambertLombard in den benachbarten Niederlanden geleistet haben, und dass dortum 1540 die Kenntnis der italienischen Formen bei den Bildhauern wie beiden Malern weit verbreitet war.

Die Säule auf S. 131 trägt die Orgelempore, die als ein Werk Goujonsvon 1521 gilt. Will man der stilistischen Stellung dieses Werkes gerechtwerden, so wird man sie am besten mit de Breucks Altären und Statuen inSankt Waltrudis zu Bergen (Mons), sowie mit dessen Grab des Bischof Kustachede Croy in der Notre-Dame zu Saint-Omer (1538) vergleichen.

Hier beschäftigt uns die Entschiedenheit, mit der auch hier die älteregotische Kunst sich neben die Renaissance zu stellen wagt. Man sieht einRingen um die Palme der Anerkennung zwischen den heimischen und denin Italien gebildeten Künstlern, während an anderen Orten eine Verschmelzungbeider Kunstarten das Ziel der Schaffenden war.

Tafel 8, 64, 117 und 139. Albi, Cathedrale Sainte-Cecile.

Der Lettner in der Kathedrale zu Albi ist eines der glänzendsten Werkeder Spätgotik in Frankreich. Die hervorragendsten Kenner der französischenKunst preisen ihn. Und wenn Merimee in seiner Vorliebe für strenge GotikBedenken ausspricht, so sagt er doch, er schäme sich in Gegenwart einerso wundervoll närrischen Laune (folie) verständig zu bleiben.

Leider fehlt uns eine Angabe über die Künstler, die das Werk voll-endeten. H. Crozes in seiner Monographie de la Cathedrale de Sainte-Ceciled'Albi (Paris 1873) möchte sie der Strassburger Schule zuweisen. Das istschwerlich richtig. Erbauer des Lettner war der Kardinal Louis d'Amboise I.,der 1473-1502 auf dem Bischofstuhl von Albi sass, und sein Neffe Louisd'Amboise II., der ihm 1502— 1510 folgte. Das sind die nächsten Verwandtendes Kardinals George d'Amboise, des berühmten Erbauers des SchlossesGaillon. Dort her, aus dem Norden Frankreichs sind die Künstler gekommen,die das unerhört reiche Werk schufen. Man sehe das Figürliche, es trägtdurchaus den Grundzug der von den Niederlanden beeinflussten Kunst.

Dieselben Männer schufen das prachtvolle Thor (Tafel 64). Schon zu Endedes 15. Jahrhunderts begonnen, trägt es doch die Wappen der Kardinäle Antoinedu Prat (1528-- 1536) und Johann von Lothringen (1536—1550), der BischöfeLorenzo Strozzi (1561 —1567) und Aimar Gouffier (1528—-1536). Das desdu Prat sieht man oben an der linken Fiale. Also war um 1536 das Werkin der Hauptsache jedenfalls vollendet; gegenüber das Lothringische Wappen.

Man hat sich demnach die luitstehung der spätgotischen Teile der Kircheso zu denken, dass um 1490 Louis d'Amboise nordische Künstler hierherverpflanzte, die dann in Müsse während der folgenden 40 Jahre das \V T erkvollendeten.

Zugleich entstand die Ausmalung der Decke (Tafel 117), die seit 1502erfolgte. Louis d'Amboise IL Hess den Teil über dem Chor und dem Lettnerherstellen. Man sieht dort sein Wappen auf dem 3. Joch vom Chor, dreigoldene Pfähle im bjauen Feld. Gegen Westen hat der Bischof Charlesde Robertet (1510—1515) seit 151O die Malereien entstehen lassen. SeinWappen mit dem Kranz in der Mitte befindet sich im 4. Joch, das auch dieInschrift 1510 zeigt. Die Maler haben hier und da ihre Namen an denMalereien angebracht: Joia Franciscus Donela, Pictor italus, de Carpa fecitanno 1513 heisst es an einer Stelle; dieser malte die beiden esrten Kapellenrechts im Chor. Ausserdem nennen sich Maler aus Modena, Bologna, Lodi.Sogar eine Malerin Lucrezia Cantora Bologneza erscheint unter ihnen.

Die Darstellung unsres Blattes giebt die Gemälde der an den Chor (amBlatte oben) anstossenden 4 Gewölbejoche.

Im ersten Joch die Namen: Esachiel, Simeon, Abram und Isaac aufTäfelchen, darüber in Ornament eingeflochten deren Darstellung. Im zweitenJoch die Krönung Maria und die klugen und thörigten Jungfrauen, das OpferAbrahams und die Geschichte der Susanna. Die zahlreichen Beziehungenauf kirchliche Symbolik in den Malereien der übrigen Joche erklärt Crozesin eingehender Weise.

Es ist immerhin lehrreich zu sehen, wie Norden und Süden, die Nieder-lande und Italien sich hier im fernen Westen zur Schmückung einer gewaltigenKirche vereinen und wie ausgeprägt doch jeder seinen Weg geht. Denndie Malereien sind ebenso unzweifelhaft italienischen Grundwesens wie dieBildnereien des Lettner von niederländisch-burgundischer Herkunft.

Tafel 183 a. Avignon, Couvent des Grands Carmes.

Der Eingang in das Kloster der nichtreformierten Karmeliter schienmir bemerkenswert wegen der eigentümlichen Ausbildung des Blattwerkesan den Knaggen. Es sind dies Formen, die unmittelbar mit dem in Spanienüblichen übereinstimmen. Sie lehren, wie die alten naturalistischen Gebildeund nun auch wieder die typischen Formen während des 15. Jahrhundertsverlassen wurden.

Die Kirche, jetzt Saint Symphorien geweiht, ist im 18. Jahrhundert inklassischen Formen gekleidet, doch ist unschwer die gotische Anlage erkennbar:Der mächtige Saalbau mit anschliessendem Kapellenkranz, dessen Grundrisswir auf Seite 12 gaben.

Tafel 140. Besancon, Grande Rue 131.

Das Haus ist bemerkenswert durch seine Erhaltung. Das später ein-gebaute linke Erdgeschossfenster ist unschwer im Geiste umgestaltet, dieMittclsäule des rechten Obergeschossfensters ergänzt, der Dachausbau be-seitigt. Somit ist ein gotisches W T ohnhaus aus der Zeit um 1500 wiederhergestellt, dessen schlichte Vornehmheit die Aufnahme in diese Sammlungwohl rechtfertigt. In Alex Guenards fleissigem Buche »Besangon, descriptionhistorique« (Besangon 1860) finde ich keine Nachricht über die Geschichtedieses Hauses, dem in der alten Freistadt noch mancherlei andere ähnlich sind.

Tafel 66. Troyes, Sainte-Madeleine.

Das kühne geistreiche Schmuckwerk des Lettners in der aus dem F^ndedes 12. Jahrhunderts stammenden kleinen Kirche ist ein Werk des Jean deGualde (Jean Guaide), das 1508—1517 entstand. Es gehört zu den best-crhaltenen dieser Art, wennschon die beiden Seitenaltäre, in die der Lettnerendete, zerstört worden sind, und wenn auch die Figuren vielfach durch un-passende, von anderen Denkmälern stammende ersetzt werden mussten. Auchin konstruktiver Richtung sind die tropfsteinartig herabhängenden Mittel-Landungen der drei Bogen bemerkenswert. Man sieht, dass die Überwindungdes Stoffes Ziel dieser Feinkunst war.

Tafel 116. Amiens, Cathedrale Notre-Dame.

Das Chorgestühl der Kathedrale entstand 1508—1522. Unter den Ver-fertigern nennt sich selbst durch Inschrift Jean Turpin. Sie sind Meister-werke der Spätrenaissance, in denen die volle Beherrschung der architek-tonischen Form mit einer unnachahmlichen Freiheit des Liniengefühles undeiner sicheren Hand in der Verwendung des Figürlichen sich mischt. Geradein dem letzteren zeigt sich die Meisterschaft der Künstler. Stets eigenartigwissen sie die menschliche Gestalt dem baulichen Plane mit wunderbarerSicherheit einzuordnen.

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