Druckschrift 
1 (1896)
Entstehung
Seite
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I

die Bretagne, das ganze westliche Frankreich und Burgund sind reich ansolchen Werken.

Hier können nur einzelne kennzeichnende Bespiele gegeben werden.

Tafel 94b. Lisieux, Grande rue No. 33.

Dies Haus des an ähnlichen Bauten so reichen normannischen Stadtchensist durch die klare Durchbildung der Werkform ausgezeichnet. Bemerkenswertist die Gestaltung der Hauptsäulen, die mit dem starken Wurzelende nach obengestellt würden ;ausdiesem schnitt man konsolartigeVerstärkungenzurbequemerenEinordnung der überhänge der Obergeschosse. Es ist dies eine der französischenZimmerei eigenartige Form, die wenigstens im Norden vielfach verwendetwurde. Einige der obenstehenden Skizzen sollen diese Gestaltungsart nähererläutern.

Nicht minder bezeichnend für die französischen Holzbauten ist diemalerische Behandlung der Giebel, das Heranziehen von Schiefer und Schindelnzur Herstellung von Flächen und zugleich zur besseren Sicherung der hinterdiesen liegenden Räume gegen Zug und Kälte.

Das Erdgeschoss ist in diesen Häusern zumeist durch Lädeneinbauten zerstört.

Tafel 94 a. Angers, Maison Adam.

Dies Haus steht an der Place Sainte-Croix, der Kathedrale und dem erz-bischöfiiehen Palaste gegenüber, an durchaus bevorzugter Stadtlage. Leiderist es jetzt mit Firmenschildern bedeckt und das Erdgeschoss durch Laden-einbauten beeinträchtigt, die in unsrer Tafel fortgelassen wurden. SeinenNamen erhielt es dadurch, dass die Ecksäule die Darstellung des Elternpaaresenthält, von der nur der Baum noch deutlich erkennbar ist. Dieser bestehtaus dem Wurzelende einer gewaltigen Eiche. Die Säulen stehen im Erd-geschoss zumeist unmittelbar auf dem Steinfundament auf, die Schwellensind eingelocht. An unserm Hause sind die Säulen aufs reichste auch figürlichgeschnitzt, werden durch Vorkragen der Balken Erker gebildet, die ganzausserordentlich zur Belebung des Anblickes beitragen. Die Wandflächenwerden in Frankreich sehr häufig in der hier gewählten Weise ir>"sterartigim Fachwerk behandelt.

Tafel 68. Saint-Lö, Rue du Poids-national.

Das normannische Städtchen Saint-Lö ist einer der malerischsten Orte,die man finden kann. Auf einem Hügel gelegen, ist sie durch Terrassengegliedert; überall verschieben sich dadurch die Linien, um reizvolle Bilderentstehen zu lassen. Vor der alten Collegiatskirche liegt der Place des BeauxRegards; von diesem aus steigt die Strasse bergan, an der unsre Häuserliegen. Die Ladenvorbauten tragen auch hier Terrassen, die in derselbenWeise wie zu Chester in England als Fusssteig benutzt werden können.

Die Behandlung des Holzwerkes ist hier eine besonders reiche. Bemerkens-wert ist die Einführung starker Brandmauern und die dekorative Behandlungder Gotik, wo zum Beispiel an den Fensterbrüstungen ein besonderes orna-mentales Stab- und Masswerk vor die Kreuzverstrebung gelegt ist.

Tafel 162. Reims, Maison du Jacques - Callou.

Auch dieses Haus steht an bevorzugter Stelle, am Place des Alarchesinmitten der Stadt, ein Beweis dafür, dass der Holzbau hier überall für dieWohnhäuser der Wohlhabenden verwendet wurde. Sonst wäre auch der

Reichtum an Schnitzereien nicht wohl denkbar, der hier in feinstem Abwägender Massen die schmale Schauseite umzieht. Starke Brandmauern trennen dieeinzelnen Grundstücke von einander und dienen hier auch den Eckkopfbändernunter der Auskragung des ersten Obergeschosses als Stütze, während die inder Mitte diese Stütze an Eichensäulen suchen. Der Ladeneinbau ist natürlichneu, doch mit Schonung des Alten durchgeführt, namentlich auch dasFigürliche gehört hier noch, wie der ganze Bau, dem endenden 15. Jahr-hundert an. Die Bildsäulen der Ecken und die reizenden Engel unter denGiebelecken dürften aber entartet sein. Charles Roy Successeur heisst es aufdem Firmenschilde »löge ä pieib<, d. h., er giebt Fussgängern Wohnung, nichtaber Stallung fordernden Reitern. Das sind volkstümliche Anklage an langstvergangene Zeiten. Und so ist es auch Mr. Roy zu danken, dass er demHaus nicht den modernen Anstrich gab, wie sein Nachbar.

Tafel 90. Gallardon, Route de Maintenon.

Unsre Tafel stellt ein jetzt stark verfallenes Haus des kleinen Städtchensdar, das zwischen Paris und Chartres, also ganz in dem Einflusskreise derHauptstadt liegt. Ähnlich haben wir uns also die Pariser Holzhäuser, vondenen sich so wenig erhielt, vorzustellen. Bemerkenswert ist die Konstruktion.Alles Ornament ist aus dem vollen Holz geschnitzt. Die Konsolen über denSäulen des Erdgeschosses sind, soweit ich erkennen konnte, aus einem Stückmit diesen Säulen, die kleinen fialenartigen Verzierungen an den Säulchcndes Obergeschosses sind nicht aufgefügt, sondern aus dem Vollholz heraus-gestochen. Ebenso die wagerecht laufenden Ornamente. Das Haus dürfteder Zeit um 1520 angehören. Schon melden sich einzelne Renaissance-formen.

Tafel 11b. Dijon, Hotel Chambellan.

Ein Hofflügel des sonst in Stein ausgeführten vornehmen Wohnhauseszeigt eine Dekoration in Holz. Es handelte sich um eine offene Gallerie,die in zwei Geschossen nebeneinander angelegt war. Die Hauptträger, dieKreuzversteifung und die Brüstungsbalken bilden in beiden Geschossen einestarke Konstruktion, sodass die untere Gallerie nie Stützen gehabt haben dürfte.Die eingebauten Fenster sind neuer. Ein Zinkdach, das über den Hol inHöhe des Erdgeschosses angebracht ist, verhindert die Übersicht über diereizvolle Anlage, die durch Tafel IIa weiter ergänzt wird.

Tafel 183b. Tours, Rue du Grand Marche.

Unser Blatt zeigt eines der Holzhäuser in moderner Schieferbekleidung.Die schweren Säulenköpfe mit ihren figürlichen Schnitzereien ragen über diesehervor. Namentlich die Ecksäulen zeigen grossartige figürliche Verzierungen.Trotz der Verunstaltungen wahrt das I laus doch seine malerische Gestalt.

Wie in den Niederlanden und Deutschland zeigte sich schon lange vordem Eintreffen der ersten Italiener im Norden eine grosse Ermüdung an dengotischen Formen. Das 15. Jahrhundert hatte sie bis zur letzten Folgerichtig-keit entwickelt und ihr ein fast geometrisches System zu Grunde gelegt.Nun begann der frei schaffende Gedanke dies wieder zu durchbrechen, undzwar durch die glänzende Flerausbildung der Schmuckformen, durch eineÜberwindung der vorher so hoch gehaltenen Werkform, durch die mit höchsterMeisselfertigkeit gehandhabte Feinkunst. Dabei gewinnt das Bauen einenvorwiegend bürgerlichen Grundzug, dies Wort im Gegensatz nicht zu demBegriff fürstlich, sondern zu kirchlich aufgefasst. Der Wohnhaus- undSchlossbau erhält noch grösseren Einfiuss als in früheren Zeiten, er führtwieder die Wagrechte in die Kunst. Diese wird von den in Frankreich seitetwa 1495 zahlreich thätigen Italienern zum Kampf gegen die alles be-herrschende Lotrechte entschieden bevorzugt. Die grossen Notwendigkeitendes Bauens hatten ihr Kommen vorbereitet. Der reiche, vornehme Adel,die glänzende Geistlichkeit, die reichen Städte bauten für ihre Versammlungen,ihre Feste, ihr Tagesleben Werke, die in Stockwerke sich gliederten unddaher auch die teilenden und architektonisch sondernden (Jurtgesinise nichtentbehren konnten.

Tafel 159, 160 und 161. Paris, Hotel Cluny.

Auf dem Grunde der alten römischen Bäder errichteten die Mönche vonCluny ihr Pariser Absteigehaus. Johann von Bourbon, der natürliche Sohndes Herzog Johann I. von Bourbon, begann als Abt von Cluny in der Mittedes 15. Jahrhunderts dort einen Bau, der aber 1485 durch seinen Tod unter-brochen wurde. 1490 nahm ihn der neue Abt Jacques d'Amboise wiederauf und führte ihn mit grossen Mitteln zu Ende. Seit 1833 hat derunermüdliche Sammler und Forscher Alexandre du Sommerard das inPrivathände übergegangene Haus zum Museum einzurichten begonnen. Nachseinem Tode (1842) kaufte es der Staat 1843 mitsamt den aufgespeichertenSchätzen und machte die Sammlung zur öffentlichen, indem er sie unterdie Leitung des Sohnes des Verstorbenen stellte.

Der Bau ist inzwischen mit der grössten Sorgfalt erneuert worden.Tafel 150. und lÖO geben die beiden Flügel, die dem von der Strasse in denHof eintretenden gegenüber stehen. Die Gotik hat sehr kräftige Horizontalebekommen, die Gurtgesimse und das mächtige Hauptgesims übertreffen anWert die mehr dekorativen Strebepfeiler. Die Knaggen an den Arkadenbogenwerden teilweise durch allerlei Getier ersetzt, das ()rnament erscheint aneinzelnen Stellen wie frei aufgestreut. So in den Zwickeln über dem Scheitelder Arkaden, an der Thüre zum Treppenturm. Man sieht hier die Muschelnund den Stab des Pilgers, sowie Spruchbänder, Formen, die Beziehungenzum Erbauer Jacques d'Amboise haben. Dessen von Engeln getragenesWappen unter dem Kardinalshut begegnet man auch an den sehr eigenartig

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