I
i
Seit Clemens V. 1309 sich in Avignon festsetzte, seit seine Nachfolger,bestrebt, sich auch gegen den Einfluss der französischen Könige zu sichern,die Stadt zu einer der stärksten Festungen Europas machten, begannen sieauch, sich innerhalb dieser ein festes Haus zu errichten.
Am Südabhang des Rocher des Doms, der schon die MetropolitankircheNotre-Dame trug, wurde, nachdem die übrigen dort vorhandenen Bautenabgebrochen worden waren, das neue Haus, am Westabhange das sogenanntePetit-Palais seit etwa I 320 errichtet. Papst Benedikt XII. (1335 —1342) Hess denBau seines Vorgängers Johann XXII. abtragen und von Pierre Obreri dasjetzige Palais aufführen und zwar den nördlichen Teil des späteren Gesamt-baues. Dieser ist auf unsrer Tafel 105 nicht sichtbar. Erst Clemens XV.(1342—1352) errichtete den südlicheren, hier dargestellten Teil des Schlossesmit der grossartigen Chapelle basse, dem zweischiffigen Saal im unteren Teildes zum seitrechts dargestellten Flügels, über dem Innozenz VI. (1352 —1362)die Chapelle haute als einschiffiges übergeschoss hinzufügte. Urban V.(1362 —1370) liess dann den Hof ebnen, indem er den Boden aus dem Felsenherausschlagen liess, und vollendete die Ummauerung dieses Hofes durch denrückwärts liegenden Tour des Auges.
Unsre Tafel zeigt den .Mittelflügel, wo eine Arkade von sieben Jochen einenWallgang trägt. Ober dem Thor, das noch das Wappen Clemens XV. trägt,bauten sich zwei Türmchen vor diesen Gang, von denen sich nur die Konsolenerhielten. Sie entsprechen in der form etwa den Ecktürmchen am nördlichen(linken) Vorbau. Über diesen ragt der Tour de la Campane mit seinenmächtigen Massen heraus, der nordöstliche Eckbau. I )ie beiden Kapellen imSüdbau messen je etwa 14 zu 51 m Grundfläche.
I )ie den Vorhof umfassenden Mauern sind zerstört, dagegen wurde dortein grosser Platz mit Anlagen und eine Freitreppe geschaffen.
Die Wirkung des Baues beruht auch heute noch auf seinen riesigenMassen. Die Pfeiler des Südbaues steigen mehr als 40 m über dem Platze inriesiger Eintönigkeit empor und bekunden, dass auch nach Frankreich diePäpste römische Baugesinnung zu übertragen wussten.
Tafel 181b. Albi, Palais episcopal.
Im Anschluss an den Dom entstand das Bischofspalais während des14. Jahrhunderts. Es zieht sich von der Höhe der Kirche herab bis zu denfelsigen Ufern der Tarn und hilft die malerische Wirkung des Ganzensteigern. Leider erfuhr das Schloss im 17. Jahrhundert mehrfache Um-gestaltungen, namentlich wurden die festen Umfassungsmauern mit Fensternund Thoren durchbrochen. Der auf unsrer Tafel rechts erscheinende Turmund ein weiterer, bergab errichteter trennen die Gärten des Schlosses vomStadtgebiet ab. In der Mitte erhebt sich der Eckturm des Hauptschlosses,der auch noch sein gotisches Fenster beibehielt. Weiterhin die höherenBauten, die der Dom noch überragt. Sehr eigentümlich sind dieSchrägen an den Mauern und Türmen, die in Ziegeln von flacher Bildunghergestellt sind.
Tafel 10. Bordeaux, Tour de la-Cloche.
Ein städtischer Festungsturm des 15. Jahrhunderts sei in Vergleich zujenen älteren Königs- und Bischofsbauten gestellt. Unsre Darstellungzeigt das Thor gegen Süden von der Aussenseite, von dem den alten Stadt-graben ausfüllenden Cours Victor Hugo. Es entstand gelegentlich einer seit1285 sich vollziehenden Ummauerung der erweiterten Stadt, die 1335 zumAbschluss kam, und ist der einzige wertvollere Rest dieser. Dort erhob sichein neues Stadthaus, das von 6 Rundtürmen verteidigt wurde. Zwei dieserTürme bilden die Flanken des erst im 15. Jahrhundert eingespannten Thores.Eine ähnliche Anlage ist die 1495 vollendete Porte du Palais, ebenfalls inBordeaux. Doch besitzt diese nicht den zweiten, oberen Bogen, der dergleichen Zeit angehört wie der untere. In der Mitte des 16. Jahrhundertswurden die Türme teilweise abgetragen, 1557 erneuert und die Uhr an derSüdseite angebracht; um 1700 entstand die obere Gallerie und die kleineLaterne auf dem Mitteldach, das bis 41 m über die Strassenfläche empor-steigt. Die Glocke, »la grosse cloche«, wurde 1775 gegossen.
Zur rechten vor dem Thore sieht man die bescheidene Kirche Saint-Eloi,welche II 59 begründet, 1245 umgestaltet wurde, als man den Südturm desStadthauses aufzuführen begann. Die Kirche war eingeschränkt zwischenden beiden Ringmauern und musste sich demgemäss entwickeln. IhreSchauseite erhielt sie erst 1828 durch den Architekten Poitevin.
Tafel 134. Tours, Archeveche.
Die Schauseite des Bischofssitzes gehört dem 15. Jahrhundert an. Aberdas 16. Jahrhundert hat sich mit neuen Fensteranlagen und einem reizvollenBalkon in die grosse ältere Architektur eingenistet. Mit dem Chor derKathedrale bildet der (liebel ein malerisches Bild ersten Ranircs.
Tafel 138. Besancon, Archeveche.
Der Bischofssitz ist um 1700 neu aufgeführt worden. Man liess in einemHofe den alten Bau stehen, der erst in jüngster Zeit wieder hergestellt wurde.Kein Werk monumentaler Architektur, aber lehrreich als malerisches Gesamt-bild des beginnenden 16. Jahrhunderts.
Unter den architektonischen Kleinwerken nehmen die Grabdenkmälereine hervorragende Stellung ein. Ihre Zahl ist freilich durch den Zerstörungs-eifer der Revolutionszeit sehr beeinträchtigt, namentlich jene, in denen diealten Statuen sich erhielten, sind selten geworden.
Die Grundform der Grabmäler in den Kirchen ist die der Wandgruft:Ein Blendbogen in der Umfassungsmauer, überdeckt zumeist von'einemWimberge. In der Gruft ein architektonisch gegliederter Steinsarg, der zumeisteine Anzahl kleiner Reliefstatuen trägt, die sogenannten pleurants, in der RegelDarstellungen der am Begräbnis Beteiligten: Weinende, Betende, Kerzenund Rauchfass Tragende und dergleichen mehr. Seltener erscheinen dieHauptfiguren stehend in einer Blendarchitektur. Ganz vereinzelt sind dieFreigräber, unter denen das merkwürdigste, das des Papstes Johann XXII.(t L335) in Avignon, wegen seiner unglücklichen Aufstellung in enger Sakristeinicht photographisch aufgenommen werden kann. Es ist dies leider sehrbeschädigte Werk für uns Deutsche insofern von Wert, als es als das un-mittelbare Vorbild für den Schönen Brunnen in Nürnberg gelten kann.
Eine Anzahl von Grabmälern ist zur Darstellung gebracht.
Tafel 104. Amiens, Cathedrale Notre-Dame.
Unser Grabmal befindet sich im ersten Joch des äusseren Chorseiten-schiffes. Es ist unverkennbar zur gleichen Zeit wie dieser Bau selbst ent-standen, der bekanntlich 1220 begonnen, 1238 mit neuen Kräften aufgenommenwurde, oder doch nur wenige Zeit nach dessen Beginn. Jedenfalls verstandder Bildner des Grabes es vollständig, in der kraftvollen Formensprache jenerZeit seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen. Schlicht und grossgedacht, wirkt es durch die Einfachheit. Die bekrönende Kreuzblumefehlt leider.
Tafel 103. Rouen, Cathedrale Notre-Dame.
In diesem Falle erscheint das Grabmal älter als die vor ihm aufgestellteBlendarkade. Dargestellt ist der Bischof Maurice, welcher 1235 starb. Wirwissen, dass die Kathedrale um 1201 begonnen wurde, und zwar mit demChor. Das Grabmal liegt im nördlichen Seitenschiffe des Chores, entstandalso wohl auch in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Chorbau. Dochbeschloss man zu Ende des 13. Jahrhunderts Verschönerungen der Kathe-drale, denen wohl auch die schlankeren Formen der Arkade angehörendürften.
Tafel 109. Carcassonne, Saint - Nazaire.
Das Grabmal steht in einer Kapelle, die an das nördliche Seitenschiffdes romanischen Hauteiles der Kirche angebaut ist. Es ist dem BischofPierre de Roquefort und zweien seiner 1 Hakonen geweiht. Der Bischofstarb 13 21.
Die drei Bildsäulen sind sehr bemerkenswert. Wer würde den Bischofin seiner schlanken Haltung, seinen gerundeten Formen, dem ruhigen Falten-wurf in seinem Gewand für ein Werk des 14. Jahrhunderts halten! Dagegenzeigt die stark gegliederte Architektur mit ihrem schon schematisch ge-bildeten Ornament, dem wulstigen Blattwerk, die Hand des Steinmetzendieser Zeit.
Tafel 180. Amiens, Cathedrale Notre-Dame.
Die beiden hier dargestellten Grabmäler stehen in der Marienkapelle,das heisst in jener Kapelle des Chorumganges, die in der Kirchenachse liegt.Sie sind dem Bischof Simon de Goncans und dem Kanonikus Thomas vonSavoyen geweiht, deren erster 1325, der zweite um 1335 starb.
Man erkennt neben dem vorderen Grabmal, das das weisse Kreuz aufrotem Grund als Savoyisch kennzeichnet, die Reste der alten zerstörtenBlendarkaden. Der Meister des 14. Jahrhunderts suchte schematischerestrengere Formen, kam zu härteren Linien in seiner Architektur, wenngleichder Grundgedanke noch der alte ist.
Tafel 108. Avignon, Notre-Dame-des-Doms.
Das auf unsrer Tafel dargestellte Grabmal gehört dem Papst Benedikt XII.an, der 1342 in Avignon starb. Es ist 1342—1345 von Johannes Lavenieraus Paris gefertigt. Wieder ist es als Werk der Bildnerei eine Meisterleistung:Lebensvoll realistisch und doch von mächtigem Ernst. Wir wollen nichtvergessen, dass Kaiser Karl IV. aus dem Kreise der Künstler von Avignonden Domerbauer nach Prag berief, dass Matthias von Arras hier wirkte, eheer 1344 nach Böhmen berufen wurde.
Das Grabmal ist erst 1839 am jetzigen Standort aufgestellt w 7 orden,nämlich im nördlichen Seitenschiff, das im 15. Jahrhundert der Kirche an-gefügt wurde. Es erhielt hierbei einige unwesentliche Veränderungen. ImGegensatz zu dem Grab in Carcassonne ist das Blattwerk hier noch mehr von deralten, krautartigen Bildung. Man betrachte die eigenartige Kreuzblume.
Wenig berücksichtigt wurde bisher der französische Holzbau, derjenem der Niederlande, Deutschlands und Englands hinsichtlich desFormenreichtums und der Feinheit der Durchbildung keineswegs nachsteht.Die Blütezeit liegt hier im 15. Jahrhundert. Obgleich bei der Gleichgültigkeitspäterer Zeiten gegen diese Kunst unendlich viel zerstört worden sein mag,obgleich auch vieles hinter der später beliebten Bekleidung der Wände mitSchiefer versteckt sein mag, zeigen sich doch noch in fast allen TeilenFrankreichs die reichsten Zeugnisse dieser Kunst. Namentlich die Normandie
H