Druckschrift 
1 (1896)
Entstehung
Seite
12
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Eine Kirchenreform, die dem Süden Frankreichs angehört und von hiernach Spanien hinübergreift, sei hier wenigstens in einigen Grundrissskizzendargestellt. Diese erlieben nicht den Anspruch grösserer Genauigkeit, sondernsollen nur das ungefähre Bild einer bisher fast ganz unbeachteten Entwicklunggeben, so wie sie der flüchtige Reisende zu bieten vermag.

Die form geht anscheinend aus von den Kirchen der beiden Prediger-orden in Toulouse, der Dominikaner und Franziskaner. Wie die Kathedrale

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Toulouse, ("ouvcnt des Dominicains.

Toulouse. Couvent des Franciscains.

Masstab der Grundrisse.

von Albi stellen sie den Triumph der Kirche über die Ketzerei der Albigenserdar; und zwar äussert sich dieser im Aufnehmen der Formgedanken des Südens,der im alten Teil der Kathedrale zu Toulouse sein herrlichstes Beispiel zeigt. Esist der Volkssaal, der Gemeindeversammlungsraum, der dort in vollem Gegen-satz zu der Bischof- und alten Mönchkirche mit ihren reich gegliedertenGrundformen sich in gewaltiger Einfachheit entwickelt hatte. Die Dominikanerwagten es noch nicht, ihre nahezu 24 m breite Kirche mit einem Gewölbe zuüberdecken. Sie wählten eine zweischiffige Anlage über erstaunlich schlankenund hohen Säulen. Die Kühnheit des jetzt als Museum dienenden Baues istgeradezu erstaunlich; der Stolz des Ordens, der den Albigensern die Kunst derPredigt ablernte und sie mit ihren eigenen Agitationsmitteln bekämpfte, der dieVolksmassen zu bearbeiten berufen war, spricht deutlich aus Kirche und Kloster.Bemerkenswert ist der gleichfalls von den südfranzösischen Kirchen entlehnteMangel eines Querhauses, das Hinausrücken der Kapellen an die Umfassungs-wände auch des Schiffes. Die Ostkapellen sind teilweise spätere Anfügungen.Ahnlich grossartig schufen im Wettbewerb mittlem Bruderorden die Franziskanervon Toulouse. Hier deckt den Riesensaal ein Gewölbe von 16,5 m Spann-weite. Das sind Vorstufen für jene Wölbkunst, die sich an den Schilfen der

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Arles. Couvent des Dominicains.

Perpignan. Saint Jean.

Avignon, Saint Symphorien.

Avignon. Saint Didier.

Carcassonne. Ville basse, Cathedrale.

Masstab der Grundrisse.

Kathedrale zu Gerona in Spanien und der Kathedrale von Bordeaux so glanz-voll bethätigte.

Weiter sind hier eine Anzahl Kloster- und Stadtkirchen, sowie die Kathe-drale der unteren Stadt von Carcassonne dargestellt, die diesen Formgedanken inverschiedener Weise, doch immer mit gleichem Raumgefühl fortbilden.

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Masstab 1 : 1000.

Dass die Pfarrkirche auch des Nordens von ähnlichen Gedanken beherrschtwar, mögen zwei Beispiele aus Rouen erläutern, die in schlichterer Weise,teilweise unter Anwendung von 1 Iolzgewölben weite Gemeinderäume bilden.

Neben den gewaltigen Leistungen des Kirchenbaues darf man in derEntwicklungsgeschichte der mittelalterlichen Kunst Frankreichs nicht denbürgerlichen Nutzbau vergessen.

Die Stadtbefestigungen Südfrankreichs sind von überraschender Gross-artigkeit. Carcassonne, Aigues mortes, Avignon geben das beste Bild dessen,wie sich die Baukunst dort entwickelte. Carcassonne bietet darunter diewirkungsvollste Anlage, der daher auch zwei Blätter unsres Werkes gewidmetwurden.

Tafel 56 und 181 a. Carcassonne, Cite.

Die alte Cite nimmt die Höhe eines felsigen Hügels ein, zu dessenFüssen jenseits der Aude sich die planmässig geradlinigen Strassen der Neustadtausbreiten. Diese wurde durch die Nordfranzosen nach der vollständigen Unter-werfung der albigensischen Stadtbevölkerung seit 1247 angelegt. So wurde dieCite zur Burg, die von doppeltem Mauerkranz umgeben, eines der stärkstenWerke des Mittelalters darstellen dürfte. Die wunderbare Erhaltung, dieStille in den fast ganz menschenleeren Strassen, die Grossartigkeit des Aus-blickes auf die von den Schneebergen der Pyrenäen begrenzte Landschaftmachen das Schloss zu einem Ort ergreifender Stimmung.

Viollet-le-Duc hat die Festungswerke restauriert und in einem besonderenWerke (La Cite- de Carcassonne, Paris 1888) beschrieben.

Unsre Tafel 56 stellt den östlichen Zugang zur Burg dar, jenen, der amunmittelbaren Anstieg von der Aude-Brücke aus liegt. Wir sehen rechts diemit Zinnen versehene äussere Umfassungsmauer, daran stossend ein be-scheidenes Vorthor mit einem dessen Zwinger beherrschenden Turm, dessenZweck zugleich ist, den Zwinger hinter jenen Zinnen von der oberen Festungs-mauer aus abzuschliessen. In dieser liegt der tour de la Justice, jener Rund-turm in der Mitte der Tafel. Weiterhin das Schloss, dessen der neuen Stadtzugekehrte Westseite wir hier sehen. Die am Rande des Hügels empor-steigenden Mauerreste gehören dem Aufstiege von dem leider um 1830 zerstörtenriesigen Ausfallturm (barbacane) an, der diesen Aufstieg zur Burg verteidigte.Man gelangte von hier durch zwei Thore in die Cite, die sich unter dem (zufälligbei der photographischen Aufnahme vorhandenen) Holzgerüst befinden. Dieseganze gewaltige Anlage gehört der Zeit Philipps des Kühnen (1270—1285) an.

Unser zweites Blatt 181» giebt das Hauptthor der Cite wieder: tours etporte Narbonnaise, über deren Planung und Durchführung Viollet-le-Duc be-sonders eingehend sich auslässt. Die Rundtürme haben hier nach vornSporen, die dem Stürmenden das Anlegen von Leitern, dem Unterminierendendas Durchbrechen der Mauermassen erschweren, über dem Thor eine nurteilweise sichtbare Nische für die Statue der Jungfrau, darüber Lücher in denWänden zur Anbringung eines Holzvorbaues, der, 8 m über dem Boden, zurVerteidigung des Thores von oben herab diente. Ähnliche Anordnungenhöher oben, 13,5 m über dem Boden. Die Vorkehrungen für das Fallgatteran beiden Seiten des Thores, für die Verteidigung des Zwischenraumeszwischen diesen, sind im hohen Mittelsaale über dem Thore noch erkennbar.Bis zum Dachgesims steigen die Türme 25 m empor.

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