Tafel 137. Sens, Cathedrale Saint-Etienne.
Die Kathedrale wurde 1168 begonnen, um 1210 begann man den Nord-turm zu bauen, der auf unsrer Tafel in seinen Untergeschossen sichtbar ist,1267 brach der Südturm zusammen; er wurde durch einen Neubau ersetzt,dessen Untergeschoss auf Tafel 60 zu erkennen ist.
Das I lauptthor dürfte um 1200 begonnen worden sein, geht vielleichtaber auch noch auf den Entwurf des berühmten Guillaume de Sens zurück,des Erbauers der Kathedrale zu Canterbury in England, der 1180 inSens starb.
Das Thor litt unter dem »Satanismus« der Revolution, wie ein geistlicherOrtschronist sagt: Marseillaiser Soldaten zerstörten 1793 alle Statuen. Nurden heiligen Stephan in der Mitte erhielt die Vorsicht, dass man auf seinBuch die Worte »la loi« schrieb. Von den 12 Aposteln an den Gewändenerhielten sich nur die Füsse, genug, um zu erkennen, dass sie noch voll-ständig mit den Säulen verbunden, aus dem aufgerichteten, übereck gestelltenQuader herausgehauen waren. Die Verbindung zwischen Kapital undBaldachin entspricht jener in Chartres. Die Reliefs der fünf thörichten undklugen Jungfrauen an den Seiten, die Darstellungen aus dem Leben St. Stefansim Tympanon, die Heiligen und Engel der Bogen verloren alle die Köpfe.Gerade in den Reliefs zeigt sich im hohen Grade die Meisterschaft der Bild-hauer jener Zeit, die mit gewaltigem Streben eigenartigen Ausdruck suchten.Die Art, wie das Tympanon architektonisch gegliedert ist, wie der Steinschnittverleugnet und die fläche als ganzes behandelt wurde, ist eine grosseNeuerung. So konnten die Bewegungen der Gestalten freier, die Wechsel-beziehungen reicher, der Vorgang lebendiger dargestellt werden.
Am Seitenthor wieder, wie in La Couture, der Versuch, den Bildsäuleneinen gemeinsamen Sockel zu geben.
Tafel 133. Reims, Cathedrale Notre-Dame.
Unser Blatt giebt die Westschauseite der berühmten Kirche, aber derenseltener dargestellte Innenseite, die meiner Ansicht nach der Aussenseitean künstlerischem Wert nicht nachsteht.
Entscheidend ist die Anordnung einer grossen Rose im Tympanon desMittelthores, statt der sonst dort üblichen Reliefs. Wir sehen den Ansatz zudiesem über dem etwa 6,2 m hohen Kirchenthore. Der Thürsturz zeigtbeiderseitig figürliche Reliefs. Etwa 25 m über dem Kirchboden setzt sichdie Obergadenrose an, unter dieser befindet sich eine Fenstergallerie. Dieganze fläche innen zur Seite des Thores und seiner Rose bis an jeneGallerie ist einfach schachbrettartig durchgemustert. Es entstehen dadurchFelder von etwa 33:50 cm Fläche, die mit Blattwerk in Relief gefülltwurden, und Nischen von etwa 130: 50 cm, die im Dreipass abgeschlossen,je eine Statue von circa HO—120 cm Höhe beherbergen. Solcher Statuen-nischen erheben sich 7 Reihen übereinander, je drei auf jeder Seite in einerReihe; in den obersten Reihen, wo der Spitzbogen mehr Raum gewährt, jevier und sieben. Der Künstler wollte sichtlich der ungeheuren Formenmengegegenüber nun einmal die Wand als solche kennzeichnen, sie in vollerRuhe gliedern. Das that er mit grossartiger Kraft. Ihm standen aber auchBildner ersten Ranges zur Seite. Gerade in diesen Statuen zeigt sichdie französische Bildnerei auf dem Höhepunkte realistischen Könnens. Undnicht minder meisterhaft äussert sich dieses in der Behandlung des Blatt-werkes.
Die Westschauseite der Kathedrale wurde zu Ende des 13. und zuAnfang des 14. Jahrhunderts errichtet. Wer der Meister war, ist ziemlichklar, nachdem L. Demaison in die verworrene Geschichte der Reimser Dom-meister Ordnung brachte. Während der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts warBernard de Soissons, nach ihm um 1290 Adam der leitende Meister gewesen.Ihm folgte Robert de Coucy, der 1311 starb, also nicht, wie man früherannahm, den Dom entwarf, sondern nur die westlichen Teile vollendete.Einen solchen Meister darf man sich nicht nach dem Bilde vorstellen, wasdie deutschen Steinmetzen des 15. Jahrhunderts uns von einem mittelalterlichenArchitekten boten. Wer aber die Künstler waren, die ihm in der Ausführungseiner Pläne zur Seite standen, darüber ist bisher leider nur wenig Klarheitgeschaffen worden.
Tafel 112. Tours, Cathedrale Saint-Gatien.
Aus zahlreichen Beispielen, die sich in Frankreich erhielten, hier einesin völlig klarer Entfaltung der Kunst des 15. Jahrhunderts. Die Westschau-seite der Kathedrale zu Tours wurde 1426 mit grossen Mitteln begonnen,die Thore aber in ihrer Detailausbildung gehören erst der zweiten Hälftedes 15. Jahrhunderts an. Der Bau dürfte so fortgeschritten sein, dass vor derAusbildung ins einzelne für die [43O angelegten westlichen Schiffjoche erstdie Mauermassen herausgehoben wurden. Das grosse Achsenfenster, dieBlendarkaden an den Türmen zeigen wesentlich frühere Formen, als dienachträglich ausgeschmückten Pfeiler und Archivolten der Thore, als dieWimberge und das Masswerk.
Tafel 86. Troyes, Cathedrale Saint-Pierre et Saint-Paul.
Grossartiger noch als in Tours entwickelte sich die spätgotische Schau-seite des Doms zu Troyes. Sie lehrt vor allem den Wert grosser ruhigerFlächen, die gesteigerte Wirkung der Einzelheit im Kontrast zu diesem.1 )ie starken Strebepfeiler sind von massgebender Bedeutung, gegen sie tretendie Thore an Wichtigkeit für den Gesamtaufbau zurück.
Die Lilie Frankreichs wird bei der Ornamentation des Baues zu einemwichtigen Gliede. Sie wird oft wiederholt und absichtlich gross angeordnetund übertrifft an Bedeutung jedes andre Glied, namentlich das Masswerk.
Die Schauseite wurde 1506 begonnen und zwar mit dem hier darge-stellten nördlichen Turm, der 64 m hoch emporgeführt wurde. Er wird
St. Peter genannt. Sein Bruder St. Paul blieb noch niedriger liegen. DieSchauseite zu vollenden gab man endlich 1640 auf. Die Thorbauten habennicht mehr die Bedeutung für die Gesamtwirkung, wie in früherer Zeit. Esfehlt ihnen der bildnerische Schmuck ganz.
Der Meister dieses grossartig empfundenen und doch in den Einzelheitenso fein durchdachten Planes ist wohl Martin Chambiges. der Schöpfer desQuerschiffes der Kathedrale zu Sens, des Chores zu Beauvais, wo er 1 532 nochgenannt wird. Ausgeführt dürfte das Werk haben sein Sohn Pierre Chambiges(7 1544), der 1509 als unter seines Vaters Leitung an der Kathedrale zuTroyes schaffend erwähnt wird. Seit 1536 war er in Paris am Stadthausthätig und zwar unter dem Italiener Domenico da Cortona. Bis 1532 über-wachte er aber den Bau in der Champagne. Ausserdem wird um 1512Jean de Soissons als Baumeister am Dom genannt, der ein Schwager desPierre Chambiges war.
Tafel 7. Vienne, Cathedrale Saint - Maurice.
Die grossartige Schauseite der Kathedrale befindet sich nicht im bestenZustande. Der Stein widersteht nur wenig der Witterung, die Erneuerunghat sich nur über einzelne der wichtigsten Teile erstreckt. Aber die gross-artige Komposition konnte nicht beeinträchtigt werden durch das Fehlen derThüren und mancher Einzelheiten. Sie soll erweisen, dass auch im Südender Kathedralgedanke sich erhielt. Erst 1515 wurde das schöne Werkvollendet, das, auf hoher Rampe stehend, auf die vorbeirauschende Rhonestolz hinabblickt.
Tafel 141. Avignon, Saint - Pierre.
Ein schönes Werk der Spätgotik aus ihrer letzten Zeit. Die Kränze mitihrem Bandwerk unter dem Gurtgesims sind schon im Geiste der Renaissancegehalten, an den Holzschnitzereien des Thores hat diese voll ihren Einzuggefeiert.
Die Schauseite stammt von 1520. Die prächtige Jungfrau am Thor sollder »berühmte« Bildhauer Bernus geschaffen haben, nach andren Perugenannt, die Thüren sind von einem Avignoner Tischler Antoine Volardi,wohl italienischer Herkunft.
Die Gegensätze zwischen Nord und Süd machen sich namentlich imTurmbau geltend. Der Süden schichtet übereinander nach Art der Romanen,der Norden richtet auf, dem Holzbau der Germanen gemäss. Erst nachund nach durchdringen sich die beiden Bauarten zu einem Wechselspielder wagrechten und lotrechten Linien, bis endlich der Norden mit derVorliebe für die Lotrechte unbedingt das Übergewicht behält.
Tafel 2. Angouleme, Cathedrale Saint - Pierre.
Es wurde bereits auf den Turmbau hingewiesen. Es ist ein Meister-werk des Stockwerkbaues nach Art der Campanile in Italien. In den unterenGeschossen wenig geteilt, führt er zu immer reicherer Fensterbildung über,indem er in jedem der sieben Geschosse das System ändert. Keine Spur vonSchematismus, sondern völlig freies Schaffen aus der künstlerischen Empfindungfür das Wirksame heraus.
Tafel 151. Vienne, Saint - Pierre.
Der Turm zeigt ähnliche Anordnung wie jener zu Angouleme. DieKirche wurde im 6. Jahrhundert gegründet und ist einer jener einschiffigenSäle, wie sie im Süden so häufig sind: Nur drei im Kreuzgewölbeüberdeckte Joche, deren Gurten auf vorgekröpften Pfeilern ruhen. DerChor ist, wie unsre Tafel erweist, ein nachträglich angestückeltes Werkvon ärmlicher Ausführung. Im Innern findet man schöne antike Kapitaleals Bogenträger verwertet.
Sehr beachtenswert ist der von den leidigen Restauratoren noch un-berührte Turm durch sein Detail. Diese Mischung von baulicher Strengeund Neigung zum Fratzenhaften; dies Herausbilden der ganzen Kapitale zuMenschenköpfen; diese Vornehmheit in der Behandlung des (juaderbaues;diese vollständige Hingabe an die wagrechte Linie als Herrin beim Aufbau.
Der Strebepfeiler an der Ecke ist selbstverständlich spätere Zufügung.
Tafel 4. Toulouse, Saint - Saturnin.
Auf den Geschossbau des Vierungsturmes wurde schon hingewiesen.Erst mit dem 13. Jahrhundert und den Obergeschossen kam das Strebenauf, eine Vermittlung mit der lotrechten Linie zu suchen.
Tafel 54. Caen, Saint - Etienne.
Die Westschauseite von St. Etienne ist schon durch ihre Einheitlichkeitund durch die innere Wahrhaftigkeit, die aus ihr spricht, von unvergleichlichemReiz. Über dieser Masse, deren Wucht und Grösse sie bei aller Schlicht-heit und aller Formenarmut über den Eindruck des Trockenen hinausreisst,in der durch Gurtgesimse und Strebepfeiler die Wagrechte ins Gleichgewichtmit der Lotrechten gebracht wurde, erheben sich die Türme in drei Ge-schossen bis zum Helm. Trotz der klaren Durchführung der Gurtgesimseist die aufsteigende Linie unbedingt zur herrschenden gemacht. Die Formensind in die Länge gestreckt. Man vergleiche einen der Blendbogen des Unter-geschosses mit den entsprechenden etwa in Angouleme. Dort sinkt das Ver-hältnis unter I : 2 herab, hier wächst es bis I : 14 empor. Immernoch ist dieGeschosshöhe am Turme geringer als die Turmbreite, aber der kühn auf-
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