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Vornehmsten, was die Gotik an dekorativer Kunst schuf. Dabei bleibt eininneres Gesetz gewahrt. Man empfindet immer die Masse des Steines, dasOrnament erscheint nie als angefügt, sondern als aus dem Stein herausgeholt,als in ihm gesucht und gefunden. Man sehe z. B. die Dreipassarkaden unddie Reliefs in diesen. Die Statuen sind vom Altertumsfreund mit \\)rsichtzu betrachten, die Hand des Restaurators scheint sie stark berührt zu haben.
Überschaut man die Ges amtkomposition des Thorbaues, so erfreut zu-nächst die grosse monumentale Ruhe. Noch fehlen die Zacken und Spitzender einseitig in Lotrechten empfindenden späteren Gotik. Man wird wohlzugeben müssen, dass manchmal dem Schöpfer des Werkes hinsichtlich derFormbildung der Atem ausgegangen zu sein scheint. So sitzen die Giebel-gesimse ziemlich hart auf den Bogen auf. Wohl wirkt die Folge der Stützenoft unruhig; man könnte denken, dass der Entwurf erst nach und nach vomMittelbogen aus seitlich sich entwickelt hatte. Aber das gewaltige künstlerischeKönnen der Meister ist unverkennbar.
Von grossartiger Schönheit ist der obere Abschluss des OuerschiffesIch möchte die Architekten immer wieder auf diese Gotik hinweisen, diemit Massen, nicht mit ornamentalen Gliedern arbeitet. Hier ist noch dievolle Ruhe einer gross schaffenden Kunst. Man vergleiche diese Schauseitenmit dem unendlichen Vielerlei etwa des Kölner Domes, um eine wirklichgrosse Auffassung würdigen zu lernen. Hier nirgends ein zuviel, dafür aberdie volle Achtung vor den baulichen Notwendigkeiten. Die Strebepfeiler sindwuchtige Massen, sind nicht aufgelöst in feine Teilungen, man sieht ihnenihre Zwecke an, und sie scheinen stolz darauf, sie ruhig und sicher zu erfüllen.Sie wollen nicht Staunen über die Haltbarkeit, sondern Vertrauen zur Kon-struktion erwecken; und dadurch breiten sie Ruhe über den Bau.
Tafel 155 giebt die Südansicht des Querschiffes. Das Thor war wegenlang andauernder Restaurierungsarbeiten nicht darstellbar. Es hat in denHauptmassen einen ähnlichen Aufbau wie das Xordthor. Die Schauseiteist schlicht und grossartig im 13. Jahrhundert durchgebildet. Merkwürdigist die Behandlung der Strebepfeiler. Dicht stehen vor diesen Säulchen, sodass die ganze Steinmasse wie lotrecht gestrichelt erscheint. Die Säulchendes Obergeschosses sind etwa 12 Meter hoch. Ich erwähne dies, um dieThatkraft zu kennzeichnen, mit der die Meister ihre Gedanken durchführten.
Tafel 33. Mantes, Notre-Dame.
Einen anderen Weg als an den Thoren der Schule von Chartres sehenwir in Mantes eingeschlagen. Der ausgezeichnete, dem Meister von Notre-Dame in Paris geistig nahe verwandte Architekt, der die Schwesterkirche desfreundlichen Nachbarstädtchens im 12. Jahrhundert baute, verdrängte den Bild-hauer von den Gewänden, die Säule kommt zur ruhigen Entwicklung. Nurdie Archivolten und das Tympanon werden der bildnerischen Behandlungüberwiesen. Aber die Folgezeit war hiermit nicht einverstanden. Das 14.Jahrhundert bildete eines der Seitenthore um und hatte sichtlich das Streben,weitergreifend die ganze Schauseite zu verändern. Es setzte alsbald dieStatue wieder ein, für die aber nun scharf ausgesprochene Nischen gebildetwurden. Die Bildnerei ist dann nicht mehr ein Teil der Baukunst, sondernsie fordert Raum in dieser, in dem sie sich nach eigenen Gesetzen be-wegen kann.
An unserem Blatte fällt aber zunächst der grossartig klare Entwurf derSchauseite auf, der mir als eine der edelsten Schöpfungen des Stiles erscheint,ja der mir in vielen Beziehungen über dem Schwesterentwurf der Notre-Damezu Paris zu stehen scheint. Nahezu übereinstimmend mit diesem ist das Erd-geschoss gebildet. Darüber folgt in Paris das breite waagerechte Band derStatuengallerie, das in Mantes fehlt. Der Umstand, dass die Kirche kräftigeEmporen hat, ist in Mantes deutlicher an der Schauseite zum Ausdruck gebracht.Die Rose erleuchtet den Obergaden des Hauptschiffes, sie ist in Mantes dahersehr richtig in ein drittes Geschoss hinaufgerückt. Hier sind die Türmedurch grosse F'enster durchbrochen, bis dann die obere Gallerie den Aufbauabschliesst, die Giebel verkleidet, die Türme gesondert nach oben entlässt.Dass diese spitze Helme erhalten sollten, ist zweifellos.
Notre-Dame zu Paris ist grossartiger, wuchtiger, majestätischer als Notre-Dame zu Mantes. Aber als Kunstwerk lässt sich der schöne Bau desendenden 12. Jahrhunderts schon um seiner Einheitlichkeit willen wohl mitder berühmten grösseren Schöpfung vergleichen. Seit der Mitte der 60 erJahre wurde die Kirche durch den Architekt Alphonse Durand restauriert.
Tafel 30. Bordeaux, Saint-Seurin.
Auf dem Dreipass über der Mittelthür der seitlichen Thoranlage vonSaint-Seurin steht:
Anno dni. m°. c°c°. lx°. septimo VII kal. ivlii. obiit Ramuodus de Föntecan. et sacdos. hui. ecce a Ta. qui. rcquiescat. in. pace. amen, f
Es dürfte also die ganze Anlage einer Stiftung des 1267 verstorbenenGeistlichen angehören. Wichtig ist die Datierung des herrlichen Werkes,das im 16. Jahrhundert durch einen Vorbau geschützt, sich der vorzüglichstenErhaltung erfreut.
Wie an Saint-Croix und andren Bauten des Südwestens, sind die Neben-thore hier blind.
Bemerkenswert ist, dass die Figuren hier als Vollgestalten oder dochals Hochreliefs vor einer Fläche stehen, also ganz von der Säule losgetrennterscheinen. Das haben sie gemein mit andren südfranzösischen Gestaltenaus den Schulen von Arles und Toulouse. Das Hineindenken der Gestaltin die Säule ist im wesentlichen ein Gedanke des Nordens. Der Südendachte von Haus aus realistischer.
Hier nun durchbrechen die Statuen das System der architektonischenLinien, wie es die Säulenbündel unten und die Archivolten oben feststellen.Man möchte fast glauben, als seien die Figuren wenigstens teilweise älter,die Architektur erst im Hinblick auf sie von einem Nordfranzosen erfunden,als bestehe ein Unterschied zwischen dem unteren mehr romanisch stilistischenTeil des Thores und dem oberen Aufbau mit seinem wunderbar geistvollrealistischen Blattwerk. Der thronende Christus in der Mitte der Giebel-
felder, die Engel und Donatoren (?) neben ihm, die Auferstehung aus demGrabe darunter, der Kranz von Engeln zwischen den Blätterreihungen derArchivolte, die Rebenstöckc des Dreipasses, all das ist bewegter, gotischer
als die Säulenbündel, deren Kapitale und die meisten der Statuen darüber.Vielfach mahnen einzelne Formen an die Schule von Chartres, andre sind steifund hart.
Die Kirche hat sehr bewegte Schicksale hinter sich, sodass die nach-trägliche Ausgestaltung eines vorhandenen Thores leicht möglich ist.
Tafel 32. Lisieux, Cathedrale Saint-Pierre.
Als Gegensatz zu den Thoranlagen, an denen die Bildnerei die bevor-zugte Stelle einnimmt, sei ein rein architektonisches Thor gewählt, dassüdliche Seitenportal der Kathedrale der normannischen Stadt Lisieux.Mir scheint es wegen der geistreichen Verschränkung verschiedenartigerMotive und der dabei doch allseitig gewahrten Monumentalität besondersbeachtenswert. Der Stil der Bauformen weist auf das 1 3. Jahrhundert. Abermanche Motive, wie z. B. die eigentümliche Flächendekoration durch ver-tiefte mit Blattern verzierte Vierpasse, sind noch Anklänge älterer Zeit.
Tafel 153. Le Mans, la Couture.
Die Abtei Saint-Pierre de la Couture gehört dem 6. Jahrhundert an.Abt Ciauzbert baute sie um [000 aufs neue, doch entstand die Westfronterst im 13. fahrhundert. Dieser Zeit gehört das grosse Thor an, dessenrechtes Gewände hier dargestellt ist. Man sehe das Verhältnis der Figur zurSäule. Das Vorbild von Chartres ist unverkennbar, es spricht sich in den unterdie Füsse der Hauptstatuen gelegten Gestalten, in der Verbindungvon Kapital undBaldachin deutlich aus. Der Säulensockel und das Säulenkapitäl sind klar undformschön ausgebildet, aber der Säulenschaft ist fast ganz unterdrückt. Dafürerhalten die Gestalten eine wunderbare Breite und Wucht. Die i berirdisch-keit der ersten romanischen Gestalten ist verflogen, der Künstler ist beimvollen Leben angelangt. Die Bildnerei hat sieh ihr Sonderrecht erkämpftund der Architekt erkennt dies an, indem er den Gestalten einen breitenSockel schafft, auf dem sie sicher stehen und der ihre Wirkung als denbelebtesten Teil des Aufbaues steigert.
Die bildnerische Sicherheit hat ihren Höhepunkt erreicht. An innererErgriffenheit und Lebenskraft stehen diese Gestalten jenen der italienischenRenaissance in nichts nach.
Tafel 82. Poitiers, Cathedrale Saint-Pierre.
Der Entwurf der Schauseite der Kathedrale von Poitiers stand unter ganzanderen Bedingungen, als bei den übrigen Kirchen massgebend waren. Sie hatnicht den üblichen basilikalen (Querschnitt, sondern ist eine dreischiffige 1 lalle, alsoein Bau, dessen drei Schiffe etwa von gleicher I lohe sind. Das spricht sieh dennauch klar und deutlich in der Westansicht aus. Von den Türmen ist an andrerStelle die Rede. 1 Her handelt es sich um die drei Thore von grossartig einfachemGesamtentw url' und reicher Einzelausbildung. Die Anordnung der Baldachinean den Gewölben lehrt, dass die Figuren als selbständige Kunstwerke zwischenden Säulen standen; die ganze Formgebung, dass die Thore Werkeder Zeit um [300 sind. Das grosse Rosenfenster, die Gallerie unter undüber diesem, die Fenster der Seitenschiffe und die ruhige Mauermasse dortgehören der nächstfolgenden Zeit stilistischer Entwicklung, nämlich dem14. Jahrhundert an. Die riesigen Flächen des Tympanon mit ihren inmehreren Zonen übereinander angeordneten Reliefs sind beachtenswert.Schon verzichtet der Künstler auf die Stütze in der Achse, schon wählt ereine schwierige, dem Beschauer verdeckte Konstruktion, um die grosseWirkung zu erzielen, die sein frei schwebendes Bildwerk ausübt.
Die etwas sperrigen Einzelheiten der bekrönenden Türmchen und desGiebels gehören wohl der modernen Gotik aus der Schule Viollet-le-Ducsan, deren Streben es war, die Formen nach einer gewissen zugespitztstilistischen Richtung zu übertreiben. Die Wasserspeier und bekrönendenEngel sind überecht dem Alten nachgemacht.
Tafel 5. Dijon, Notre-Dame.
Die Notredame-Kirche zu Dijon zeichnet sich durch ihren Breitturmaus, der sich über einer Vorhalle vor dem Westthor erhebt. Die Einwölbungdes Untergeschosses ist von grosser Schön-heit. Drei stattliche Bogen auf schlankenPfeilern öffnen sich, der Anordnung desLanghauses der Kirche gemäss. Darübersitzen zwei Geschosse, die durch Blend-arkaden gegliedert sind. Nur im unteren Geschoss öffnen sich sechs Fenster in diesenBlenden; im oberen ist die Miauermasse ganzgeschlossen.
Ihren Hauptreiz erhält die Fassade durclidie Wasserspeier. Sie sind freilich alle modern.Schon um 1240 wurden die alten fortge-schlagen , weil einer, ein Mann mit einerGeldbörse, sich loslöste, und einen zur Hoch-zeit in die Kirche einziehenden Wucherererschlug. Die Geldwechsler, um ihr Lebenbesorgt, erkauften das Recht, die sie be-drohenden Steingestalten zu beseitigen. Soerzählt der alte Dominikaner Stefan vonBourbon, der den Vorgang selbst erlebte.Doch soll es, wie auch aus Viollet-le-DucsSchriften hervorgeht, Anknüpfungen genuggegeben haben, dass man der Restaurierung mit Vertrauen folgen darf.
Die Kirche entstand im wesentlichen in den nächsten Jahrzehnten seit 1220.
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