I
■
deren Fälschung sich gegenüber befindet. Die Freude und Hingabe an dasAlte wird durch die Empfindung abgeschwächt, dass man sich ständigeiner Prüfung über seine Fähigkeit unterworfen fühlt, Echtes von Nachahmungzu unterscheiden. Wie roh ist die Auffassung, die das vom Alter Beschädigtenicht zu ertragen vermag, die der Phantasie nichts zu bilden überlassen zudürfen glaubt, und die die sorgfältig ergänzte Wirklichkeit überall an Stelleder die Empfindung anregenden Mängel setzt.
Gewiss ist den französischen Restauratoren eine grosse Sorgfalt undeine glänzende Schulung eigen. Aber die Frage der Bestimmung des Altersjenes Thores ist doch erschwert. Allem Anschein gehört es dem Baue von 1037oder doch dem endenden II. Jahrhundert an. Also auch hier die krauseVielgestaltigkeit keltischer Kunst, die in Poitiers so merkwürdige Blütenhervorbrachte.
Tafel 79. Caen, Sainte-Trinite.
Das französische Wort »Portail« ist mit »Thor« nicht richtig übersetzt:Es bedeutet das Prachtthor, ja es wird die ganze Schauseite mit zu diesem hinzu-gezogen. Das Portail von S.Trinite ist bemerkenswert als einheitliche Komposition.Unverkennbar war der Architekt bestrebt, in tue starre Grundform, wie sie dieStreben der Türme, die wagrechten Gesimse und der Giebel boten, einfrisches Leben zu tragen. Es gelang dies durch die Ausbildung der Thore,durch die Gruppierung der Fenster und Blenden, durch Ausschmückungdes (liebeis, namentlich aber durch die Verlegung der Gesimse in ver-schiedene J lohen. Damit ist dem Vertikalismus die Hahn geöffnet. Nochhält die kernige Wucht des normannischen W T esens von der Übertreibungnach dieser Richtung ab. Das Gleichgewicht der Massen ist noch völligeingehalten, der Eindruck festen Hinlagerns überwiegt. Selbst in den Thorenspricht die Wagrechte ein sehr entschiedenes Wort. Der Thürsturz ist nochweit von ornamentaler Behandlung entfernt, die Inanspruchnahme des Steinesals Balken neben den im Gewölbe noch keineswegs verabsäumt.
Die Ausschmückung mit Ornament erfuhr im Vergleich zu den Werkender südlicheren Gebiete eine weise Beschränkung.
Pfeilern acht Vorfahren Christi und an der Innenseite der Kirche Petrusund Paulus; auf dem Sturzbalken die zwölf Apostel, darüber Christus in derGlorie und die Symbole der Evangelisten, darum ein Kranz von Engeln undin drei Archivolten Darstellungen aus dem Neuen Testament. Das alles istdem Vorbilde von Chartres sehr nahe verwandt. Der Meister von Le Mansist wohl sicher ein Schüler jenes von Chartres; er geht aber einen Schrittweiter in der realistischen Auffassung. Noch haben Figuren und Säuleneinen Körper. Aber während in Chartres beide gleichwertig erscheinen, hathier die Figur das Übergewicht. Sie schwebt nicht mehr an der Säule,sondern sie steht auf einem festen Gesims. Der untere Teil der Säule isteigenartig gebildet, mit der Absicht, als Sockel zu gelten. Die nach antikemVorbild gebildeten Kapitale entbehren der baldachinartigen Verdachungen.Dadurch, dass die Gestalten sich nach vorwärts beugen, gelingt es, hinterden Köpfen und dem Heiligenscheine die Säule zu voller Rundung zu bringen,dem Kapital zu seinem Rechte zu verhelfen. Nur an den Gewänden er-scheinen die baldachinartigen Architekturen.
I )er Grundzug dieser Bildnerei lässt auf Vorbilder schliessen, die sichuns nicht erhielten. Mir ist's wenigstens immer vor diesen Säulen gewesen,als stehe ich vor versteinerten Holzbalken. Die altgermanische Technik desKerbens spielt eine scharf ausgeprägte Rolle beim Ornament. Die Bauweiseist nicht die des Steins. Hier ein Aufrichten anstelle des Schichtens, einHinaufwachsen statt des Hinlagerns.
Wie wunderlich ist die Anordnung der Reliefs in den Archivolten! Imersten Kreis Engel, jeder auf seinem Wölbkeile gestellt, wie dieser es fordert.Auf der zweiten Archivolte biblische Vorgänge: Im dritten Bilde rechts — wohlChristus im Tempel steht der Altartisch so, dass die Platte parallel zur
Diagonale des Bogens gerichtet ist. Das nächste Relief zeigt eine kon-zentrisch gerichtete Architektur, jedoch ein wagerecht gestelltes Bett. Das stehtaber thatsächlich wagerecht, nicht zum Reliefboden. Noch auffälliger amvierten Relief — wohl dem Abendmahl; und darüber wieder Christi Taufe,darin der Wasserspiegel der konzentrischen Diagonale folgt. Sie warenkeine Systematiker, diese Bildhauer des 12. Jahrhunderts!
Tafel 154. Chartres, Cathedrale Notre-Dame.
Es sind nicht die Fragen aus der Geschichte der Bildnerei, die uns hierbeschäftigen. Hinsichtlich dieser weise ich auf das Werk von Wilhelm Vöge.Die Anfänge des monumentalen Stiles im Mittelalter (Strassburg, J. H. Ed.Heitz, 1894). Hier steht die architektonische Bedeutung der Thorbauten inFrage. Das dreifache Thor der Westfront ist kunstgeschichtlich das merk-würdigste. Es ist spätestens aus der Zeit um 1145, wo man den südlichenTurm zu errichten begann, wahrscheinlich sogar älter. Es fragt sich so-gar, ob das Thor nicht, wie Vöge annimmt, um 1145 nur verändert wurde;und zwar würde die Veränderung im wesentlichen darin bestanden haben,dass zwischen die alten Kapitale der Gewände und die alten Archi-volten neue Thürstürze (zwei Steinschichten) und eine dem entsprechendeStelzung der Archivolten eingelugt wurden. Aber wenn dem auch so ist,so entstanden die älteren Teile doch auch schwerlich wesentlich früher.Wie die Gestalten hier gebildet sind, wie namentlich die Säulen der Ge-wände sich gewissermassen zu menschlichen Wesen ausleben, wie sie strengaus dem länglich rechtwinkligen, balkenartig behauenen Quader heraus-gebildet wurden, und zwar so gross als möglich, so schlank auch der Quaderwar, wie aus den übergeistigten, räumlich beengten Figuren doch ein wunder-bares inneres Leben hervorschaut, das gehört nicht der Baugeschichte sondernjener der Plastik an.
Man erkennt aus unsrer kleinen Abbildung gewisse Eigentümlichkeiten:Der Körper der Statuen und der der Säule, mit der sie aus einem Block ge-hauen sind, erscheinen ganz ineinander verwachsen; die menschlichen Formensind wie auf den Säulenkern aufgetragen, über ihnen ein Baldachin, wenigstensan den Seitenthoren. Auch dieser ist aus demselben Block gehauen, wie dieSäule. I )ie Füsse stehen auf einem geneigten Profil; die Heiligen scheinen zuschweben. Alles weist darauf hin, dass der Künstler nicht eine Statue undeine Säule schuf, sondern dass die Säule sich ihm zur Statue belebte, dasser sie geistig als ein menschliches Wesen empfand und dass diese Empfindungnach Ausdruck rang. Nicht wurden vor die Gewände menschliche Gestaltengestellt, sondern wie das altgermanische Rankenwerk sich zu tierischen Ge-stalten verwirklichte, wie in die willkürlichen Verschlingungen traumhafterSinn hineingetragen wurde, so wurden die früher wie später viel mit Gestaltenbemalten Säulen nun selbst menschliche Wesen. Und zwar sucht sie derBildhauer im Block. Er schafft nicht das Modell, er fügt sie nicht der Säulean, sondern indem er die Säule als cylindrischen Grund eines Reliefs behandelt,geht er von den vier Seiten des Blockes oder zunächst von der vorstehenden Eckeaus in die Tiefe, so die Gestalt herausschälend aus dem Steine. Die zurückge-treppten Gewände sind ihm im Geist als lebendige Träger der Bogen erschienen.Er führt sie so aus, dass der Beschauer sie als solche wirklich erkennt.
Noch ein Wort über den Aufbau der Schauseite. Bei Besprechung derTürme wird sich zeigen, dass das grosse, an sich so schöne Rosenfensterdie Einheitlichkeit stört. Entfernt man dieses im Geist, rückt man die Statuen-gallerie und den Giebel so weit herunter, dass sie den Abschluss des von dendrei Fenstern angedeuteten pyramidalen Aufbaues bildet, so wird man auchfinden, dass die jetzt klein erscheinenden Thore zu gross sind, dass es anMauermasse fehlt und dass im Sinne des schönheitlichen Aufbaues gern aufdie eingeschobenen beiden Steinreihen verzichtet werden könnte. Diesewurden nötig, als die beiden Untergeschosse, künstlerisch als Eines wirkend,dem Geschoss der Rose entgegengestellt wurden.
Tafel 152. Le Mans, Cathedrale Saint-Julien.
Das Thor an der Südseite des Langhauses der Kathedrale von Le Mausstammt etwa von 1158. Ein kräftiger Vorbau schützt es, sodass es zu denbesterhaltenen, von den Restauratoren wenigst berührten gehört. An den
Tafel 177. Provins, Saint-Ayoul.
Eine weitere Entwicklungsstufe dieser Thore zeigt die leider vielfachbeschädigte Kirche Saint-Ayoul in Provins. Diese Kirche, deren Inneres inTafel 135 besprochen wurde, wurde 1048 den Mönchen von Mustier-la-Celleüberwiesen, brannte jedoch im 12. Jahrhundert ab und wurde neu aufgeführt.Dieser Zeit entstammt nach der Ansicht Jules Cousins das Thor.
Im Vergleich zum Thor von Chartres zeigt sich, dass hier von vornhereineine gestelzte Anordnung der Archivolten geplant war. Es ist das beschädigteTympanon unschwer zu ergänzen. Dadurch ergiebt sich, dass unter der GlorieChristi und unter den ursprünglich vier Symbolen der Evangelisten sich einSturzbalken befand. Die leider vielfach beschädigten Statuen der Gewände-steilen vier Heilige dar und vier vornehme Personen ohne 1 Ieiligenschein.Es sind die letzteren wohl Stifter und Stifterinnen.
An den Seitenthoren fehlt der statuarische Schmuck. Im Jahre 1818wurde leider die Kirche umgebaut, nachdem schon vorher die Renaissanceund die Spätgotik ihre Umwandlungen herbeigeführt hatten.
Tafel 129, 130 und 155. Chartres, Cathedrale Notre-Dame.
An dem hier dargestellten Nordthore sind zwei verschiedene Zeiten un-verkennbar. Der einen gehört das Thor selbst, einer späteren der Vorbau an.
Betrachten wir die Statuen des Thores auf Tafel 130: Noch durchdringensich Säule und Mensch, noch ist der letztere ein an den Säulencylinder an-gelegtes Hochrelief, und trennt sich nur der Kopf völlig von der statischenFunktion, die dem (ranzen eigen ist. Aber die Gestalten haben ausser-ordentlich an Körperlichkeit, an realistischer Kraft gewonnen. Sie sindminder schlank, es kommt in sie eine Bewegung, wenn auch zunächst meistnur im Gewandmotiv, durch das sie aufhören, säulenartig zu wirken. DerKünstler müht sich, sie von der Grundlage des rein Architektonischenloszulösen. Er bildet kräftige Gesimse, breitet knollenartige Gestalten überdiese aus und stellt seine Menschen darauf' Es wird dies Unterlegenvon Bewegtem unter die Gestalten allgemein beliebte Sitte; so auch an denGrabplatten. Ich enthalte mich der Anmerkungen über die symbolischeBedeutung dieser Gestalten, wende mich vielmehr der künstlerischen zu.Man betrachte die Gestalten genau: Ist anzunehmen, der Bildhauer habewirklich geglaubt, dass die Menschlein die grossen Heiligen in den jenengegebenen Stellungen tragen könnten? Stehen die Heiligen wirklich aufihnen? Ich habe den Eindruck, dass sie schweben und d.iss ihnen nur einmehr realer Grund unterzuschieben versucht wurde. Der Realismus, stetsdas Zeugnis höherer künstlerischer Empfindung, sucht für die idealistischenGedanken festeren Fuss in der Wirklichkeit.
Von hohem künstlerischen Reiz ist die Verschmelzung von Baldachinund Säulenkapitäl. Sie war nötig; denn schon wachsen die Gestalten ausdem Quadermass der Säulen heraus, sie beginnen sich auch technisch vomGewände frei zumachen; der Durchmesser der Säulen wird unabhängig vonder Schulterbreite der Statuen, die Säulen werden daher zarter gebildet, ihreZahl mehrt sich, und demgemäss fordert der Kämpfer eine geschlossenereBehandlung.
Reich und vornehm ist das Tympanon, der Achsenpfeiler unter diesem unddie Archivolte ausgebildet. Besonders merkwürdig sind die Bildnereien desSeitenthores. Hier beginnen die sonst so feierlich ernsten, nur mit sichbeschäftigten, ganz in sich vertieften Statuen zusammen zu reden an. Diebeiden Frauen wenden sich einander zu, die Bildsäulen kommen in Wechsel-beziehungen zu einander, der starre Stein fängt an zu pulsieren.
Der Vorbau vor den eigentlichen Thoren ist jünger, wenn er gleichauch dem 13. Jahrhundert angehört. Fortgeschritten ist vor allem dietechnische Meisterschaft. Man sehe den Sockel mit seinen Flachreliefs, seinernach Art des Drechslers behandelten Säulchen. Sie gehören mit zu dem