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1 (1896)
Entstehung
Seite
7
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Bibliothek u. Plankammer

Hochbauamt u. St, üerungsamt

der Stadt Düsseldorf

wirken als Eines namentlich dadurch, dass infolge der Satteldächer auf den

Seitenschiffen die Rückwand der Triforien durchbrochen und verglast werdenkonnte.

Wie in so vielen Kirchen, hat man auch hier die Lettnereinbauten be-seitigt, die das 17. und 18. Jahrhundert einführten. Es ist dadurch der Hin-blick in den Chor vom Langhause aus und ferner jener in die Seitenkapellenermöglicht, den sich unser Blatt 62 zu Nutze machte.

Tafel 63 und 111. Troyes, Saint-Urbain.

»Apres Saint-Urbain, c'est l'impossible.« Es ist unmöglich, den Stil derHochgotik weiter zu führen, als es hier geschah.

Die Kirche wurde an der Stelle erbaut, an der das Haus des JacquesPantaleon stand, des späteren Papstes Urban IV. (1261—1264). So stehtsie denn auch inmitten der reinlichen Häuser der freundlichen Stadt, zwischenzwei Hauptverkehrsstrassen, nie de l'Hotel de Ville und nie Urbain IV, anwenig ausgezeichneter Stelle. Sie wurde 1262, also unmittelbar nach derWahl des berühmten Stadtkindes errichtet, als ein Zeichen des Stolzes derBürger auf jenen Sohn eines Schusters, der durch die Stiftung des Frohn-leichnahmfestes auf das kirchlose Leben so nachhaltigen Hinmiss gewann.Eine Ruhmeskirche! Sein Neffe, Kardinal Ancher, setzte den vom Papstlebhaft unterstützten Bau fort. Doch blieb er bei dessen Tode liegen. I )asLanghaus blieb unausgeführt.

Die Kirche sollte einem Kapitel von Kanonikern dienen und daher nichtden Umgang erhalten, den der Gottesdienst einer Bischofkirche fordere.

Ihr Chorbau zeigt denn auch je einen Abschluss aus dem Achteck fürdie drei Schiffe der Kirche; das Hauptchor hat ein System mehr als dieseitlichen. Anliche Anlagen finden sich in Burgund und in Deutschland.Fr. Adler hat auf die Verwandschaft dieser mit dem Regensburger Dom hinge-wiesen. Auf diesem Grundriss entwickelt Saint-Urbain einen Aufbau, in dem dasSystem der Gotik thatsächlich zur letzten Folge durchgeführt erscheint.Hinter dieser Kunst folgt das Unmögliche I

Freilich gehört sie nicht dem 13., sondern dem 14. Jahrhundert an.Es muss nach der ersten Bauperiode eine zweite, erfolgreichere gekommen sein,

und zwar stand der Meister hier-bei sichtlich nicht mehr unterdem Einfluss jener Schule, die inParis, sondern einer jüngeren, dieweiter ostlich ihre Heimat hat.Innerhalb dieser erweist er sichals ein selbständig schaffenderKopf, als ein solcher, der mit einerFreude am Lberwinden vonSchwierigkeiten einen geometrischspitzfindigen Geist verband, derihm dies L berwinden leicht machte.Vor fünfzig fahren, in den Tagender jungen Romantik, galt seinStil als die »gute Gotik« im Gegen-satz zur »schlechten« des 15. und16. Jahrhunderts, wurde die tech-nische Sicherheit, die zum Herab-mindern der Massen an allen Kon-struktionsteilen , zu einer demEisenbau verwandten Zartheit aller Gliederung führte, als höchste Vollendungdes Stiles gefeiert: Dehio und Bezold nennen sie die übermütige Paradoxieeines blasierten Kopfes, die in ihrer geistreichen Durchführung ein »Bravo!«der Sachverständigen verdienen mag — aber sicher keine künstlerischeGrossthat sei.

Namentlich im Chorhaupt zeigt sich die Auflösung der Massen; dieWand ist ganz verschwunden. Man betrachte die Anordnung der Fenster:Die unteren Teile zeigen eine Verdoppelung des Masswerkes, von dem dasäussere verglast ist. Darüber hin zieht sich ein Umgang. Und weiter obenist das innere Masswerk verglast, das äussere durch einen offenen Bogenersetzt, der den Wimberg trägt. Die Strebepfeiler sind schmal und wurdenin die Länge gezogen. Doch wirkt ihre Masse sehr glücklich, da sie, wiedies sonst so oft geschieht, nicht auch durch Kleinformen dem Ausdruckeihres Zweckes entfremdet wurden. Damit und durch die Loslösung derFensterwand vom Pfeiler durch einen hohen Schlitz über dem Umgangwurde erreicht, dass im Innern die schlanken Ecksäulen als alleinigeTräger des Gewölbes erschienen und jene ans Unerklärliche grenzendeLeichtigkeit entstand.

Auf die Triforien wurde verzichtet. Lber den Seitenschiffen sind Sattel-dächer angeordnet, um das Licht bis dicht über die Arkadenbogen herab-führen zu können. Auch die Seitenkapellen haben das doppelte Masswerkan ihren Fenstern.

Die wichtigstenP'ormen der gotischen Konstruktion wurden schon dekorativverwendet. Man sehe die Strebebogen an der Vorhalle, die kaum mehr alseine geistreiche Spielerei sind, denn diese baut sich in die Bogen als ein ganzvon ihnen unabhängiges, sie aber doch wieder überschneidendes Bauglied ein.Und doch! Wer in der Kirche stand, wer sich in ihr Äusseres ver-senkte, wird nicht ohne starke Eindrücke geblieben sein. Es spricht aus ihrdie Zeit der Scholastik und Kasuistik. Nicht eine Zeit grosser geistigerStrömungen,.aber eine solche des heftigen Suchens nach neuem Inhalt, daszunächst in der letzten Durchbildung der Einzelform sich bethätigt.

Tafel 80 und 85. Carcassonne, Saint-Nazaire.

Den Eindruck, welchen auf Tafel 52 die Kathedrale von Toulouse für sichallein bietet, geben die beiden jetzt zu besprechenden Tafeln getrennt. DasLanghaus der Kirche (Tafel 80) ist südfranzösich-romanisch. Schwere, wuchtigePfeiler und Arkaden tragen das durch Rippen verstärkte spitzbogige Tonnen-

gewölbe des Mittelschiffes: die Seitenschiffe sind in rundbogigem Tonnengewölbeüberdeckt. Das ganze Werk gehört dem 1 1. Jahrhundert an und zeigt noch eineausserordentliche Scheu vor grossen Spannweiten, eine fast ängstliche Bauweise.Um die Tonne über die 3 Meter breiten Seitenschiffe zu spannen, hätte eswahrlich nicht noch gegen 60 cm starker Gurte bedurft. 1 )ie Belichtung ist ganzungenügend. Nur die Umfassungsmauern haben Heilster, die Gewölbe desHauptschiffes erreicht nur der Reflex vom Kirchenfussboden. Ohne eigent-lich triftigen Grund wechseln als Arkadenstützen Säulen mit Pfeilern. DieFormen der Kapitale der ersteren sind beachtenswert.

Vor dieses Langhaus nun legt sich ein Chorbau aus der Zeit der Hoch-gotik, und zwar eines der prachtvollsten, aber auch eigenwilligsten Werke.Die Vierung benützt noch die altenPfeiler. Man sieht sie rechts aufTafel 85. An sie schliesst sichaber ein Querschiff von je dreiJochen und an dieses gegenOsten ein System von zwei lochen.Der Hauptchor schliesst aus demZwölfeck. Die Seitenkapellensind geradlinig abgeschlossen. DerBau entstand um 1320.

Der Künstler, der ihn schuf,war wohl Petrus, der Sohn desJohannes von Cornesano (Corne-gliano bei Turin?), Geistlicher inCarcassonne, der um 1 338 seinemOnkel Pierre Poision aus Mirepoixnach Rom zur Erneuerung vonSt. Beter nachgesendet wurde.Mirepoix liegt unfern von Carcas-sonne. Aber wer auch immer derSchöpfer des Chores von Carcas-sonne war, es war ein Mann

von eigenartigem Streben, dessen Kunst keineswegs ganz übereinstimmtmit der des nördlichen Frankreich. Wenn er aueh in den Hauptformensich innerhalb der Zeitschule bewegt, so sind seine Säulen an denSeitenkapellen doch als eigenartig beachtenswert. Das Kapital, nur einbescheidener Kranz von Blättern um den kreisrunden Schaft, schliesst diesennicht ab. Er wächst scheinbar durch das Gewölbe hindurch, dessen Rippendort einschneiden, wo die Konstruktion es eben fordert. Das sind Formen,die mir in Frankreich sonst nicht begegneten. Es wird der Mülle lohnen,sie zu untersuchen, um den Zusammenhang dieser südfranzösischen Gotik, dieim Papsttum zu Avignon ihren Mittelpunkt hatte, mit jener in Prag verstehenzu lernen, wohin sie Kaiser Karl IV. unmittelbar übertrug.

Im

nachfolgenden sei ein Überblick der Entwicklung

der Thore und

der aus ihnen sich entwickelnden Behandlung der Schauseiten gegeben.

Tafel 77. Poitiers, Notre-Dame-la-Grande.

Die Schauseite der Kirche giebt das vorzüglichste Beispiel der reichverzierten Anlagen dieser Art im westlichen Frankreich. Die Kirche wurdenach einem Brande von 1085 errichtet. Die Schauseite dürfte erst dem12. Jahrhundert angehören; sie ist 15,40 m breit, 17,66 m hoch. Sie gleichteinem jener gleichzeitigen Reliquienschreine in getriebenem Metall und ent-spricht im Erdgeschoss in ihrer Hauptgliederung, hinsichtlich der drei Bogen,der dreischiffigen Anlage der Kirche. Doch sind zwei von diesen Bogen blindund ist nur ein Thor angebracht. Im allgemeinen sei auf die ungewöhnlicheSchwerfälligkeit aller Glieder und auf den kaum noch künstlerisch zu nennendenReichtum des figürlichen Schmuckes hingewiesen. Eine Hüllegehäufter, lastender,unbelebter Gestaltungen drängt sich durch die in den oberen Geschossenganz willkürlich gegliederten Arkadenreihen hervor. Die Türme auf den inBündeln zusammengestellten Säulchen, die Mosaik auf dem Giebel, diewunderlichen Turmhauben vollenden den fremdartigen Eindruck der Kirchen-front, die zwar diese Schmuckart in entschiedenster Weise zeigt, keineswegsaber eine vereinzelte Erscheinung ist. Es ist diese Kunst freilich nur inTeilen Frankreichs heimisch. Ihr Gebiet ist das Land zwischen Loire undGaronne, der von römischem w r ie von germanischem Wesen am wenigstenberührte, vorwiegend keltische Landstrich.

Tafel 53. Bordeaux, Sainte-Croix.

Der Bau erlebte vielerlei Schicksale. Hier beschäftigt uns zunächst dasHauptthor mit den Seitennischen. Welcher Zeit gehört dieser wunderlichkrause romanische Stil an, dieser fast indische Reichtum der Wiederholungenderselben Gestalt am äusseren Thorbogen, das Versinken ins Kleine,Schematisch-Gedrängte ?

Die Kirche geht bis ins 5. Jahrhundert zurück. Sie wurde neu erbautnach der Zerstörung durch die Normannen um (848) von Wilhelm dem Guten,Herzog von Aquitanien 1057 und dann noch einmal zu Ende des 12. Jahr-hunderts. 1865 wurde der Nordturm an die Hassade gebaut, spater hat derbekannte Architekt Abadie diesen geändert und den Südturm hinzugefügt.Er schuf die beiden Arkaden über dem ältesten Fassadenteil, von dem nurdie vier nördlichen des Untergeschosses und die zwei nördlichen des Ober-geschosses sich erhalten hatten. Der Bildhauer Michel Pascal lullte dieseArkaden mit Apostel- und Evangelisten-Gestalten. Leon Baleyre erneuertedie alten Bildnereien.

Das alles ist mit grossem, leider zu grossem Geschick gemacht. Mansehe die Apostel. Wie schmiegen sie sich in den Gewandmotiven, in derBewegung alten Vorbildern an! Es schwindet für den Freund des Altertumsvollends die Sicherheit, ob er thatsächlich den Werken vergangener Zeit oder