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hinzieht, und den Ansatz des über-laden. Die reiche Entfaltung der
Formen im Seitenschiff und denKapellen, die Neigung, durchBänder die schon gehäuften lot-rechten Linien zusammenzufassen,zeigen, wie die junge Gotik nochdurch die romanische Über-lieferung gebunden, nach Aus-gleich der Bestrebungen suchte.
Tafel 55, 106 und 107.
Bayeux,
Cathedrale Notre-Dame.
1077 wurde die Kirche imBeisein Wilhelm des Eroberers,des Gemahls der Mathilde vonFlandern, geweiht. Aber von demdamals errichteten Bau hat sichnicht allzuviel erhalten. UnsreTafel 55 zeigt einen Teil des Lang-hauses und in diesem einen aus-gesprochenen Wechsel des Stiles:Die unteren Bogen sind romanischund zwar in jener reichen Kunstdes 12. Jahrhunderts, die dennormannischen Ländern eigen ist.Die Söhne des Nordens, die einstin den grotesken Schnitzereiender Skandinavier den Ausdruckihres Kunstempfindens suchten,haben im fernen Süden diemuhamedanische Kunst Siziliensund Afrikas kennen gelernt.Stammt ihre Freude an Flächen-dekoration dorther?Das Obergeschoss baute ein zweiter Meister, der die Gotik völlig-beherrschte. Die Verhältnisse recken sich in die Höhe, das Lichtbedürfniswächst; tue Gotik ist schon zartgliederig, feinförmig geworden. Demgemässentwickelt sich auch der Chor mit seinem Kapellenkranz als ein Meisterwerk
ruhig vornehmer Bauart. Wie deroft so verwirrende Reichtum anFormen, an Strebepfeilern und ein-springenden Winkeln, der sich ausder Vielgestalt des gotischen Kathe-dralchores ergiebt, hier durch dieeinheitliche äussere Bogenreihezusammengefasst, die Kapellensomit in ihrem Hauptgesims zueinem Vieleck vereint sind, dasverkündet einen Meister von un-gewöhnlicher Klarheit des Wollensund Sicherheit des Könnens. Vor-nehm, ruhig und doch zugleichreich ist auch die Ausbildung derStrebepfeiler und Strebebogen,sowie jene der Querschifffronten.Das Innere steht dem Äusserenan Wert nicht nach. Unsre Tafel 107giebt den Einblick in den Chor(links) und in das südliche Quer-schiff. Von den romanischen Formen des Langhauses ist völlig abgesehen. Da-gegen hat der Chor die zweigeschossige Anlage aufgenommen, mit der, wie esscheint, der Begriff besonderer kirchlicher Würde verbunden schien. Die dochnicht verwendbare Empore aber ist aufgegeben und an ihrer Stelle ein schmalerGang angeordnet, so dass das zweite Geschoss zum riesigen Trifolium wurde.Und damit wurde wieder Raum geschaffen für das Dach, das hier Umgangund Kapellenkranz einheitlich überdeckt.
Wo dieser Zweck nicht vorlag, am Querhaus, änderte der Meister des[4. Jahrhunderts die Anlage. Das Triforium des Langhauses wurde imQuerhause fortgeführt, aber überall die anmutigste, eleganteste Gotik inAnwendung gebracht.
Bei der Wahl des Standpunktes für die photographische Aufnahme kames mir darauf an, den Durchblick in die östlich an das Südquerschiff sichlegende Kapelle zu erlangen. Zum Teil sperrt ihn das schöne Gestühl ausdem 17. Jahrhundert.
Tafel 31 und 84. Coutances, Cathedrale Notre-Dame.
Die Geschichte dieses herrlichen aus dem 13. Jahrhundert stammendenWerkes ist Gegenstand vielfacher Erörterungen gewesen.
Hier beschäftige uns vorzugsweise der Chor, der zu Vergleichen mitjenem in Bayeux auffordert.
Unsre Tafel 84 giebt einen Blick in den nördlichen Teil des Chorumgangesund zwar von der Kapelle aus, die sich in der Hauptachse an diesen Umganglegt. Denselben Bauteil stellt Tafel 31 von aussen dar. Er ist von demkleinen Steinmetzenhof aus genommen, der hinter der Rue de Pertuis Trouardliegt. Dieser ist nicht ganz leicht zu finden.
Rechts auf Tafel 84 die Kapellen. Sie sind zwischen die Strebepfeilereingestellt, die nach innen als breite Mauermassen erscheinen. Dadurch, dass vordie Ecken des äusseren Vielecks Säulen aufgestellt wurden, erhält der Altar eine
feste architektonische Umrahmung. Nach aussen tritt das Vieleck nicht deutlichhervor. Wie in Bayeux umgiebt eine Arkade die Kapellen und vereint siezu ruhiger Form, ohne ihnen das Wesen selbständiger Bauglieder zu nehmen.Die zu den Kapellen sich öffnenden inneren Arkaden ruhen auf kurzenSäulen. Ich glaube, dass die Kunst nicht oft so ausdrucksvolle, so meister-haft gegliederte Säulen schuf. Es lohnte der Mühe, sie in den Einzelheitenmit der klassischen Säulezuvergleichen, zuerklären,warum sie keine Schwell-ung haben dürfen, durchwelche Gesetze ihre Ver-hältnisse bedingt waren.Die Triforien sind nochsehr hoch, doch schonminder bedeutend als imChor von Bayeux; derLichtgaden über den Ka-pellen mahnt noch anjenenvon Sainte-Trinite in Caen.Eine Treppe führt zudiesem hinauf; man er-kennt diese malerische An-lage auf beiden Blattern.Die Säule ganz links trägtüber ihrer Arkade undniederem Triforium denHauptgaden des hoch auf-steigenden Mittelschiffes.In der Detailierungherrscht bewusstes Strebennach Einfachheit. Ausserden an die Kapitale an-gelegten Blättern kaumein Ornament; alle Fensterohne Masswerk; die Fialenauf den Strebepfeilern inschlichter Massigkeit. Esist Granit, mit dem derChor gebaut wurde, nichtder bildsame Kalksteinoder Sandstein der Seineund Loire. Er forderteandre Formen, andern Aus-druck. Die normannischen Meister wussten diesen mit gewaltiger Kühnheit undunvergleichlichem Können zu finden.
Tafel 61 und 178. Lisieux, Cathedrale Saint-Pierre.
Die Kathedrale wurde 1141 —1182 neu errichtet, 1218 vergrössert, nacheinem Brande von 1226 erneuert und^ 1233^vollendet.
Die Choranlage ist nocheine verhältnismässig schlichte.An das Chorhaupt legt sichder kreisförmige Umgang; andiesen reihen sich drei Kapellen,deren zwei im Halbkreis ge-bildet sind, während die dritte,in der Achse gelegene, der Mittedes 13 Jahrhunderts angehörige,weiter ausgebaut wurde.
Das Innere des Chores istvon gewaltiger Wirkung. DieArkaden des Hauptschiffes ruhenauf mächtigen Säulen von un-gemein glücklicher und kraft-voller Bildung. Am Chorhaupttreten je zwei sqhlanke Säulenhintereinander an Stelle derbreiten der übrigen Joche. Sieentsprechen der schlankerenEntwicklung der Systeme andiesem Bauteil. Die Emporeist zum schmalen Umgang ge-worden, ohne jedoch an Höheund Wirkung der Öffnungennach dem Hauptschiff einzu-büssen. So bietet sich an derAussenansicht geräumiger Platzzur Entwicklung des Dachesüber Umgang und Kapellen.Freilich drückt dieses Dachauch die Verhältnisse herab.Die Kirche erscheint von aussenminder hoch, als sie thatsäch-lich ist. Daher auch die weitgespannten grossartigen Strebe-pfeiler, die bei der Restaurationfreilich wieder etwas sperrigausgebildet wurden. Ich vermag nicht zu sagen, inwieweit die Details altsind. Das Bezeichnende für die alten Teile hier ist der Mangel fast an allemausladenden Schmuck, während im innern dieser mit vornehmer Zurück-haltung verwendet wurde.
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