Tafel 113. Caen, Vieux Saint-Etienne.
Der Bau ist ein merkwürdiges Beispiel der Stilmischung und der Rück-sichtslosigkeit, mit der die verschiedenen Zeiten sich und ihren Geschmackzur Geltung brachten.
Der Kernbau gehört dem 14. Jahrhundert an, das 15. Jahrhundert gabdie Wölbung des Langhauses, während der schöne Vierungsturm der erstenBauzeit angehört. Die Seitenkapellen, die der vorbeiführenden Strasse zuliebeverschoben sind, zeigen die Formen feinster Hochgotik. Aber über sie hin-weg brückt sich ein System von Strebebogen, die in edlen Renaissanceformengebildet sind. Eine romanische Reiterstatue steht an der Strassenfront. Leiderwird die Kirche zu profanen Zwecken benutzt und ist daher im übelstenZustande. Zahlreiche Kugelspuren an der (nicht dargestellten) Ostseite zeigen,wie die Skulpturen während der Revolution das Ziel für die Schiessübungen abgaben.
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Das eigentliche Mutterland der Gotik ist das mittlere Frankreich,
die Umgebung von Paris, die Champagne und Burgund. Die Entwicklung
des baulichen Systems sei an einigen Beispielen dargelegt.
Tafel 57 und 29 b. Sens, Cathedrale Saint-Etienne.
Das Langhaus der Kathedrale ist zweifellos eines der glänzendsten Werkeder eben mit sich selbst ins Klare gekommenen Gotik in Frankreich. Dievolle Kraft der Frühzeit vereint sich mit unbedingter Beherrschung der Aufgabe,mit vollendeter technischer Sicherheit. Der Bau wurde 1168 begonnen und raschdurchgeführt, sodass er im wesentlichen ein Ganzes darstellt. Der MeisterGuillaume de Sens, der 1180 starb, erweist sich als ein Künstler vonhöchster Bedeutung.
Die kleinen an die Seitenschiffe sich anschliessenden Kapellen, die unsereTafel zeigt, sind Werke der seit 1868 vollzogenen Restaurierung, die spät-gotische und spätere Anbauten grösstenteils entfernte und nur die prächtigeSchauseite an dem erst im 15. Jahrhundert eingefügten Querschiff schonte.
»Le public s'etonnait de voiralors tant demolir et si peurecontruire«, sagte ein Geist-licher, indem er auf die Kapellen»en forme de caveaux fune-raires« hinwies.
Mir will scheinen, als habeder Architekt so unrecht nichtgehabt, indem er ein kleinesMotiv für den Zugang zu denKapellen wählte. Es giebt einenguten Massstab für die Grössedes Ganzen. Das Langhausteilt sich in 8 Hauptjoche mitBündelpfeilern. In diese sindSäulenpaare eingestellt. DieGewölbe sind sechsteilig, dasChorhaupt aus dem Zwölfeck,die Umfassungsmauer noch alsHalbkreis gebildet. Nur eineKapelle: in der Achse derKirche.
Die Schönheit der Kathe-drale beruht in den Massver-hältnissen. Noch fehlt der Kirchedas »Himmelanstrebende«. DieHauptsysteme, d. h. die Flächezwischen den Säulenbündelnder Hauptpfeiler bis zum Ge-wölbscheitel sind fast genau imVerhältnis von 1:2; die lichtenÖffnungen zwischen Bündel-pfeiler und Säulen bis zum Ar-kadenscheitel in dem von 2:5.^ Man hatdabeinoch zu bedenken,dassdieObergadenfensterim 14.Jahrhundert höher gerückt unddass dadurch die Gewölbbusenverändert wurden: früher sassein Rundbogen als Wandblende über den kleinen Säulen und Kapitalen nebenden Obergadenfenstern, wo jetzt der hochgestelzte Spitzbogen aufsitzt.
Der Querschnitt ist aus unsrer Tafel klar erkennbar. Die Triforienbeleben die Wandfläche, hinter der sich das Dach für das breite Seitenschiffbefindet. Das grossartige Emporenmotiv ist zu einer im Grunde ganz ent-
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behrlichen Schmuckform, doch zu einer solchen von hohem Reiz geworden.Eine der köstlichsten Schmuckanlagen des edelsten Übergangsstils istdie Treppe, die innen an der Südfront der Kirche zur Sakristei emporführt(Tafel 29 b ), die sog. escalier du tresor. Die ausserordentliche Bildsamkeit des Stileserweist sich schlagend an diesem Zierstück einfacher Art, aber reichster Wirkung.
Tafel 158. Chartres, Saint-Pierre.
Hier, wie in Saint-Remy zu Reims, habe ich die Stelle im Langhaus zurAufnahme gewählt, wo zwei verschiedenartige Systeme aneinanderstossen.
Saint-Pierre wurde im II. Jahrhundert begonnen, aber nur schrittweiseausgebaut. Der Chor zeigt noch schwere Säulen, die wohl dem 11. Jahr-hundert angehören, das unmittelbar an den Chor an-stossende Langhaus hat auf der Nordseite des Haupt-schiffes rechteckige Pfeiler mit an den Ecken ein-gekerbten und an den Achsen vorgelegten Säulen,während an der Südseite vier Säulen sich vor denrunden Kern legen.
Hier entwickelt sich das Aufrisssystem in schönen,klaren Formen. Das Trifolium mit seinen Dreipass-bogen, die grossen Obergadenfenster sind schlicht undgross entwickelt. Der ganze Aufbau kann sich ankünstlerischem Wert sehr wohl mit jenem der Kathedralemessen. Das andre System, das über den älteren Chor-arkaden in der Mitte des 13. Jahrhunderts angeordnetwurde, ist wesentlich kompilierter. Dem Architektenkam es darauf an, mehr Licht in die Kirche zu bringen.Fr durchbrach also die Aussenwand des Trifoliums,indem er dem Umgange ein Satteldach gab, eine An-ordnung, die erst an späteren Bauten öfter beobachtetwerden kann.
Tafel 83. Provins, Saint-Quiriace.
Die Kirche bekrönt den Hügel, auf dem die alte Stadt, die ville haute, liegt.1662 zerstörte sie ein Feuer. Damals entstand die Kuppel, die heute die Vierungüberdeckt. Zu Anfang des 12. Jahrhunderts begonnen, wurde sie unter Heinrichdem Freigiebigen Grafen von Champagne vollendet, der 1152 —1181 regierte.
Das Chorsystem ist eine Umbildung jenes der Kathedrale zu Sens. Eswurden zwei Säulen zwischen den Hauptpfeilern statt der dort angeordneteneinen angewendet. Auch hier wechseln die Bündelpfeiler mit Säulen, die aberstärker gebildet und daher nicht verdoppelt wurden. Unverkennbar ist das Quer-haus jünger als der durch seine schönen Verhältnisse ausgezeichnete Chor.Hier herrscht der Spitzbogen entschiedener. Die Kirche zeigt ja deutlich, dassdie Bogenform nicht geeignet ist, als Merkmal der Bestimmung der Entstehungs-zeit eines Bauteiles zu dienen: Am Chor sind die Spitzbogen der Arkaden sicherälter, als die Rundbogen des Triforiums und der Obergadenfenster, wenigstenshinsichtlich ihrer Ausführung, wenn schon der Entwurf einheitlich entstand.Aber die schlankere, reichere Anordnung des Querschifftriforiums gehörtdoch einer späteren Zeit an. Hier findet sich demnach wieder ein Beweisdafür, dass der Übergang zu den später massgebenden Gestaltungen, nämlichzur Herabminderung der Wirkung dieses Baugliedes, keineswegs in ruhigenFortschritten sich entwickelte.
Das Langhaus der Kirche blieb unentwickelt. An den Umgang umden Chor schliessen sich drei Kapellen an, die einen geradelinigen West-abschluss herbeiführen, wie ein solcher in der Champagne häufig vorkommt.
Tafel 33 und 34. Mantes, Notre-Dame.
Das Innere der Kirche steht dem von Sens nahe in der Behandlungder Einzelheiten. Wieder prachtvolle Säulen abwechselnd mit reichenBündelpfeilern. Die Verhältnisse derwieder des Querschiffes ermangelndenKirche sind von gleicher Schönheit wiedie dortigen, wenn sie gleich bereitsschlanker sind. Der Architekt hat hierauf die Empore nicht verzichten zudürfen geglaubt. Befindet sie sich dochauch in Notre-Dame zu Paris, demVorbilde unserer Kirche. So öffnet erdenn durch Arkaden über feinen Säulenden Blick vom Obergeschoss ins Lang-haus und gestaltet die Kirche dadurchsaalartig aus. Die grossen Masswerk-fenster in den Schildwänden sind spätereEinbauten, während das Gewölbe dasursprüngliche ist. Dafür sprechen dieRippenprofile. Im Chorbau aber wirddie Anordnung gewechselt. Hier werdendie Joche in spitzbogigen Tonnen über-wölbt, die in die Jochachse gerichtet,über gerade Balken sich erheben. JeneSteinbalken werden von feinen Säulengetragen.
Der Standort für die Aufnahmewurde so gewählt, dass beide Wölb-systeme über den Emporen erkenntlich
sind, und dass auch der Einblick in die zierlich durchgebildeten Seiten-kapellen nicht verloren geht.
Tafel 110 und 131. Sens, Saint-Jean.
Saint-Jean gehört nicht zu den grossen gefeierten Kirchen. Es ist jetztdie Kapelle des Stadtkrankenhauses, ursprünglich eines Klosters, das 515 ge-gründet, im erneuert wurde. Der Chor ist ein Meisterwerk des 13. Jahr-hunderts, das Langhaus kam nicht zustande.
Der Chor ist aus dem Zwölfeck geschlossen, ebenso der mit einerBlendarkade umgebene Umgang. Nur in der Achse der Kirche befindetsich an diesem eine Kapelle. Sie ist mit besonderer Feinheit durchgebildet.
Stadtbanamt I
DÜSSELDORF.
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