Tafel 2 giebt den Blick in den vierten Kuppelraum (von Westen), an densich der Chor anreiht. Dieser ist im Grundriss als stark gestelzter Halbkreisangelegt, wird überdeckt von einer Halbkuppel, die sich tonnenartig nach
Westen verlängert. DreiSeitenabsiden umgeben denChor. Weiter blickt manauf Tafel 2 in den nördlichenQuerschiffflügel, den, gleichdem südlichen, wieder eineKuppel bedeckt. Die Formender Kapitale sind hier andere,wie im Mittelschiff. DasFigürliche tritt entschiedenin den Vordergrund.
Tafel 2 giebt die nörd-
iche Seitenansicht und das
nördliche Querschiff. Die
Kuppel über der Vierung
wurde 1634 und dann wieder
durch Abadie verändert, der
mehr Fenster in die Trommel
brach, um der Kirche mehr
Licht zuzuführen. Dagegen
ist der Turm zwar sorgfältig
erneuert, doch in allen Teilen
der alte. Er ist der einzige
von den vier Türmen der
Kirche, der die Zerstörungen
in den Religionskriegen i 5Ö2
und 1568 überdauerte. Die
grossartige Schlichtheit
seines Aufbaues in sechs Geschossen über dem Hauptgesimse der Schiffe, die
Ruhe und Kraft der Massen macht ihn zu einem Hauptwerk der romanischen
Kunst in Frankreich.
Die kostbar reiche Schauseite der Kirche wetteifert mit jener von Poi-tiers in der Fülle von Schmuck.
wie jene zu Angouleme, je die Form eines Gewölbfeldes und dazu wieder jeneflache Cstnische haben. Unsre Tafel giebt den Anblick beim Fintritt durchdas nördliche Seitenthor, also zunächst in das Joch, an das diese Seiten-kapellen anstossen. Dies Joch ist auch durch die Höherführung des Gewölbesausgezeichnet, indem die Eckdinste über die sonstige Kämpferhöhe empor-ragen. Das ist eine Andeutung der Vierung, die freilich nicht zu klarerWirkung kommt. Nur der aufmerksame Fachmann wird sie bemerken.
Die Kirche wurde 1052 begonnen, aber so. wie sie heute steht, wohlerst seit 11 60 aufgeführt. Dafür spricht die Kraft, aber auch schon dieKühnheit der Konstruktion, das völlige Vertrauen auf die Wirkung derRaumschönheit. Schmuck ist fast ganz vermieden. Nur die Blendarkadenunter den Fenstern der Seitenwände sind von dekorativem Wert, wenngleichauch sie sich auf streng architektonische Formen beschränken.
Der Vergleich mit Saint-Radegonde ist sehr lehrreich. Es würde derEinblick in ein Seitenschiff von Saint-Pierre keine wesentlich andern Gestaltungendarbieten, wie auf Tafel 101 sichtbar. Dieselbe Behandlung der Wand, derGewölbe, der Belichtung. Saint-Pierre ist eben nur eine Verdreifachung desSystems der alten Saalkirchen. Aber gerade in der Schlichtheit der Lösungliegt ihr Reiz und die Grösse des hier sich aussprechenden schöpferischenGedankens.
Die Gotik führte diesen in Frankreich nicht weiter. Die Halle fand zunächstin den Küstenländern der Nord- und Ostsee ihre reichste Fortentwicklung.
Von hohem künstlerischen Wert und besonderem Ernst in der Durchbildungsind die normannischen Kirchen. In ihnen spricht sich von vornherein einstarker Sinn für die Höhenentfaltung" aus, ganz im Gegensatz zum Süden. DieNormandie und die anstossenden Lande sind daher in Frankreich die eigent-liche Heimat der Türme. Docli äussert sich der gleiche Gedanke auch imübrigen Bauwesen.
Tafel 79 und 176. Caen, Sainte-Trinite (Abbaye-aux-Dames).
Tafel 101. Poitiers, Sainte-Radegonde.
Die heilige Radegunde, Gemahlin Lothars I., baute die erste Kirche 580;diese wurde jedoch 1083 durch Brand zerstört und wie es scheint erst währenddes 12. Jahrhunderts wieder aufgebaut.
Es zeigt sich das Querschiff als eine bemerkenswerte Fortentwicklungjenes der Kathedrale zu Angouleme. Die Formen sind leichter, zierlichergeworden, der Aufbau ist schlanker, die Kuppelgewölbe ersetzen achtteiligeRippengewölbe von sorgfältiger Ausbildung.
Tafel 28 und 82. Poitiers, Cathedrale Saint-Pierre.
Unter den Eindrücken, die ich von Innenräumen in Frankreich erhielt,ist jener, den unsre Tafel darstellt, wohl einer der gewaltigsten gewesen:Die riesige dreischiffige Halle ist von unvergleichlicher Raumschönheit.
Der Grundrissist der denkbareinfachste. DreiSchiffe zu je achtJochen. DieSeitenschiffehaben durchwegetwa 8 3 /4—9 3 A mSpannweite, dasMittelschiff amWestende 12 m,am Ostende iOffl.Es verjüngt sich
also perspekti-visch nach Osten,
während dieSeitenschiffe sichin der Mitte umfast 1 m ver-breitern. Dielichte Weite desBaues misst imWesten 3 1 , in derMitte 32,5 undam Ostende etwa29,3 m. Statteines
Chores findensich in der West-wand nur dreiFlachnischen, die
im 18. Jahr-hundert architek-tonisch aus-gestattet wurden.Ein eigentlichesQuerschiff fehlt,doch setzen sich an das vierte Joch, von Osten gezählt, je zwei Kapellen an, die,
Die Abbaye-aux-Dames, wie die Kirche im Volksmund lieisst, hatnoch strenge romanische Formen. Tafel 176 stellt die Anordnung desLanghauses dar. Umgestaltungen haben hier zu verschiedenen Zeitenstattgefunden,
Der Querschnitt der Kirche ist beachtenswert. Die Pfeiler des Lang-hauses sind gleichwertig. Es legt sich eine Halbsäule innen gegen das 1 Iaupt-schiff an diese, auf der die Gurtrippe des Gewölbes aufruht. Unverkennbarwar das Seitenschiff von Haus aus fürWölbung angelegt. Diese ist noch rippcnlosim Kreuzgewölbe ausgeführt. Das Dach derSeitenschiffe ist, wie Tafel 79 ausweist,ziemlich flach. Nach innen macht es sichdurch eine Reihe Blendbogen bemerkbar. DerUmgang aber, der in späteren Bauten sichhinter diesen Blenden hinzieht, ist hier in dieObergaden verlegt. Es wurden kurze Säulenaufgestellt und über diesen den Fensterndurch gestelzte Bogen Raum geschaffen.
Hier findet sich unverkennbar ein Zwiespalt.Nach dem Querschnitt der Pfeiler unten, nachder Anlage der Seitenansicht von aussen er-wartet man eine ruhige Folge gleicher Joche.Der Obergaden hat je ein System von dreiFenstern. Jener gestelzte Bogen deckt diebeiden äusseren zu; sie mussten vermauertwerden. Der Vorgang ist also wohl zweifel-los so zu erklären, dass ursprünglich dasMittelschiff flach gedeckt werden sollte, unddass erst nach Aufführung der Obergaden-mauer der Plan der Einwölbung im sechs-teiligen Rippengewölbe zur Reife und zurDurchführung kam. Es ist dies ein Vorgang,der in der Normandie und in England inder 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts vielfachbeobachtet werden kann. Hier lässt er sichzeitlich etwas näher feststellen. Die Kirche wurde 1062 gegründet. Die Stifterinist Mathilde von Flandern. Das Vorbild ist dort zu suchen, woher diese Fürstinkam: an der Kathedrale von Doornijk. Der Meister in Caen verzichtete aufdie in Doornijk noch vorhandene nutzlose Empore. Er strich einfach dasganze Untergeschoss weg und begnügte sich mit dem Oberteil der Kirche.
Der Bau wurde seit 1854 von V. Ruprich-Robert erneuert.
Tafel 156. Caen, Saint-Etienne (Abbaye-aux-Hommes).
Zwei Jahre nach der Gründung von Saint-Trinite 1064 erfolgte die vonSaint Etienne, der Abbaye-aux-hommes. Der Mut war gewachsen. Man nahmden Querschnitt von Doornijk in vollem Umfange auf. Die Emporen erscheinenin starker Entwicklung, der Obergaden ist ungefähr der gleiche, auch hiererfolgte erst nachträglich die Einwölbung.
Das einmal gewählte System behielt auch der Architekt bei, der im13. Jahrhundert den Chor ausführte. Tafel 156 giebt den Hinblick in densüdlichen Umgang und den Kapellenkranz und Durchblicke in das Chorhaupt.Man erkennt in letzterem noch die Empore, die über dem Umgang sich
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