486 T HE RUNES OF ANGLO-SAXONS EY JOHN M. KEMBLE.
Runen für das Einritzen in Stein und Holz viel bequemer war,daneben gebrauchen können? Dann aber, wie will man denUmstand erklären, dass alle Runen, die wir besitzen, in Scan-dinavien wie in Deutschland und England, unbezweifelt auschristlicher Zeit herrühren? Konnte man Runen und lateinischeSchrift auf einern und demselben Denkmale anwenden? Durfteman, was ganz christlichen Inhalt hatte, mit Runen schreiben?
1133 Kemble, dem diese Einwürfe nicht alle entgehen konnten, ant-wortet, man müsse annehmen, die am frühesten zum Christen-thum Bekehrten seien gerade Priester, mithin im Stande ge-wesen, die eigentliche Natur der heidnischen Zeichen zu be-urtheilen: diese hätten kein Bedenken getragen, sich der Runenallein oder in Verbindung mit lateinischer Schrift zu bedienen.Ich will das gern eine scharfsinnige Vermuthung nennen, aberwie ist sie zu beweisen? Diese Priester schrieben nicht für sichallein die Runen nieder, mussten sie nicht bei allen, die nicht,wie sie, Neubekehrte waren, damit Anstoss erregen? Kann manin den Jahrhunderten, in welchen Runen eingegraben und ge-schrieben wurden, jedes Mal neubekehrte Priester voraussetzen?Dazu kommt, dass kein einziges altes Zeugnis von dem Wider-willen der christlichen Zeit gegen die runischen Buchstabenanzuführen ist. Was der Bischof Brynolf, der nach der Re-formationszeit lebte, sagt, ist nichts als eine spätere Vermuthung,auf die ich kein Gewicht legen kann. Das Natürlichste istdoch, anzunehmen, dass man gegen die Runen als blosse Buch-staben nicht das Geringste einzuwenden hatte, sondern dassman sie aus keinem anderen Grunde zurücksetzte, als weilmit dem Christenthume zugleich Kenntnis der lateinischenSprache und Schrift eindrang. Diese, wie vorhin bemerkt, be-quemere Schrift breitete sich aus und wurde auch bei der ein-heimischen Sprache neben den alten Runen angewendet. Dieangelsächsischen Runeninschriften gehören, wie K. bemerkt, fastalle nach Northumberland (das Wort in der angelsächsischenBedeutung genommen), weil dort vor Ende des 8. Jahrhundertsdie Bildung weiter als in irgend einem Theile von Germanienvorgerückt war.
1134 Die Untersuchung gelangt jetzt zu den mit angelsächsischen