THE RUNES OF ANGLO-SAXONS BY JOHN M. KEMBLE. 485
liehe und daher gewiss uralte Überlieferung, die nur ausdrückenwill, dass die Erfindung des Alphabets menschliche Kräfte zuübersteigen scheine. Es ist überhaupt bei dem hohen Alterdes Alphabets schwer, eine Zeit ausfindig zu machen, in welcheman mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Erfindung setzen könnte,die mit der inneren Natur und dem Organismus der Sprach-laute nothwendig schon musste bekannt gewesen sein, ehe sieauf den Gedanken kommen konnte, diesen Organismus durchZeichen darzustellen. Etwas wesentlich Verschiedenes sindZeichen für Begriffe, selbst Silbenschrift ist gar nicht damit zuvergleichen und fordert eben keine grosse Anstrengung desGeistes.
Lässt sich nicht bezweifeln, dass Runen in heidnischer Zeitvorhanden waren, so wurden sie doch wahrscheinlich nur seltenin Anwendung gebracht und immer nur von einzelnen, welcheKenntnis davon besassen. Allgemein verbreitet war die Schrift 1132in jener Zeit gewiss nicht. Heidnische Inschriften auf Steinensind noch nicht gefunden, man darf zweifeln, ob sie überhauptjemals dagewesen sind. Die Holztafeln, auf welche man dieRunen einschnitt, haben sich nicht erhalten können, allein auchsie gestatteten ihrer Natur nach nur einen eingeschränkten Ge-brauch. Dass man den Runen übernatürliche Kräfte beilegteund Zaubereien damit vollbrachte, ist an sich schon glaublichgenug, aber Kemble bringt auch willkommene Zeugnisse ausBeda und Beowulf bei. Wenn er ferner meint, das Christen-thum habe sich feindselig gegen die Runen verhalten, so ver-steht sich das von selbst, insofern man sie bei heidnischen Ge-bräuchen in Anwendung brachte und man dadurch übernatür-liche Dinge bewirken zu können glaubte, aber den äusserenZeichen, den Buchstaben selbst teuflischen Ursprung beizulegen,so weit ist schwerlich der Widerwillen gegangen; man durftees schon deshalb nicht, weil bei aller Verschiedenheit die Runenimmer noch Ähnlichkeiten genug mit dem lateinischen Alphabetehatten und man dieses zugleich mit würde verdächtigt haben.Wie hätte man das runische FIASTBR verdammen und, daslateinische, das die Züge abrundete, weil man sie mit der Feder-auf Pergament leicht hinschrieb, während die eckige Form der-