LA CHANSON DE ROLAXD PAR FRANCISQUE MICHEL. 477
Zeugnisse von dem lebendigen Dasein der Dichtung fangen 495mit dem 12. Jahrhundert an, und schon um 1100 geschieht derLieder der Volkssänger von Roland Erwähnung. Reichlich sinddie Anspielungen darauf bei den Troubadours jener Zeit, undman kann ohne Gefahr eines bedeutenden Irrthums die ältesteerhaltene Darstellung des Gedichts in die Mitte des zwölftenJahrhunderts setzen. Die eigene Erscheinung, dass es nur innordfranzösischer Sprache sich vorfindet, will man dahin er-klären, dass es ursprünglich provenzalisch abgefasst, hernach injene Mundart sei übertragen worden, gewiss unrichtig, wieschon die Mannigfaltigkeit der Auffassungen beweist.
Von dem Ursprünge und der allmählichen Fortbildung derSage habe ich Gelegenheit bei der bevorstehenden Herausgabedes deutschen Rolandsliedes zu reden, das den GeistlichenKonrad zum Verfasser hat, der schon in der zweiten Hälftedes zwölften Jahrhunderts ein französisches Original übersetzteund dessen Arbeit die Grundlage einer späteren Überarbeitungdurch Stricker ward. Dort wird sich auch das Verhältnis derdeutschen Gedichte zu den erhaltenen altfranzösischen darlegenlassen.
Ich habe schon vorhin den poetischen Werth des Liedesgerühmt, man wird ihn am besten erkennen, wenn ich ein fürsich verständliches Bruchstück heraushebe und in einer einfachenund ungekünstelten Übersetzung mittheile. Man wird hierschon die Unschuld und Reinheit der Gedanken, die niemalsvon ihrem Gegenstande abschweifen, wie die einfache Schönheitund Eindringlichkeit des Ausdrucks erkennen. Zur Einleitungdient Folgendes.
Kaiser Karl, im Begriffe nach Frankreich heimzukehren, 496war durch den weittönenden Schall von Rolands Hörn zurück-gerufen. Als er mit seinem Heere in Runzival anlangt, istRoland mit allen Franken todt und das Feld mit den Leichender Christen und Heiden bedeckt. Er ruft seine Helden, diezwölf Pairs, mit Namen, aber keiner antwortet. Gross ist seineTrauer. Herzog Naimes sagt ihm, in einer Entfernung vonzwei Meilen könne man den Staub auf dem Wege der Heidensehen, die bei seiner Ankunft geflohen waren. Karl lässt eine