Druckschrift 
2 (1882)
Seite
476
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476 LA CHANSON DE ROLAND PAR FRANCISQUE MICHEL.

Sage, unter welchen der Abdruck eines lateinischen Gedichtsaus einer Cotton. Handschrift und ein Auszug aus einem alt-englischen Gedichte als bisher unbekannt die wichtigsten sind.Fleiss und Thätigkeit des Hrn. Michel verdienen rühmlicheAnerkennung.

Der Text dieser Oxforder Handschrift entfernt sich vondem der anderen vielfach und in verschiedenen Abstufungen.Im Ganzen ist er älter, einfacher und kürzer. Zuweilen stimmt494 er mit den übrigen wörtlich, öfter dem Sinne nach, nicht seltenweicht er ab, indem jene nicht bloss ausführlicher und umständ-licher erzählen, sondern den Inhalt der Sage selbst erweitern,sei es durch Fortbildung des Einzelnen, oder durch ganz neueZusätze. Ein ziemlich ähnliches Verhältnis gewähren auchGedichte der deutschen Heldensage, aber eine ganz eigenthüm-liche Erscheinung, und zwar, so weit sich urtheilen lässt, allerälteren Handschriften ist hier, dass bedeutende, vorragendeStellen nicht bloss in einer, sondern manchmal in mehrfachabweichender Erzählung vorkommen und diese verschiedenenAuffassungen ohne Verbindung hinter einander folgen.

Diese innere Beschaffenheit der verschiedenen Texte ansich, wie die bemerkte Übereinstimmung im Grossen, neben derauffallendsten Verschiedenheit im Einzelnen, machen es unmöglich,das Rolandslied als das Werk eines und desselben Dichtersanzusehen. In dem Oxforder Codex wird zwar am Schlüsseein Turold genannt, und die hist. litt, de France trägt keinBedenken, ihn als den Dichter aufzuführen, allein die undeut-lichen Worte berechtigen an sich noch nicht zu einer solchenAnnahme; welchen Antheil aber auch dieser Turold an derAuffassung des Gedichtes mag gehabt haben (vielleicht war ersehr gering und unbedeutend), in keinem Falle darf er als derUrheber der in sich so verschiedenen Darstellungen betrachtetwerden. Zudem beruft sich das Gedicht selbst nicht bloss aufdie Sage (co dist la geste), sondern auch schon auf eine schrift-liche Quelle (il est escrit en l'ancienne geste 272, 19). Wirkönnen also hier nichts Anderes annehmen, als was wir bei demVolksepos schon so oft bemerkt haben, ein Urheber ist nichtbekannt, es lebt nur in der Überlieferung der Sänger.