464 VEIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM.
Endlich gibt Freidank Hrn. Gervinus Veranlassung zu all-gemeinen Bemerkungen über das deutsche Sprichwort. Er stelltes dem griechischen gegenüber, als dessen Grundzug er Selbst-erkenntnis, Mass und Besonnenheit im Wandel bezeichnet,während der Deutsche, der sich bloss durch die Menschendurchschlagen wolle, nur daran denke, in dem SprichwortLebensklugheit zu lehren. Ein solcher Gegensatz, der mit derNadelspitze den Punkt bezeichnet, aus welchem sich das Ver-ständnis eröffnet, ist freilich willkommen, weil man damit soleicht die Masse bewältigt. Könnte ich nur mehr als einen422 blossen Einfall darin sehen. Lebensklugheit wird freilich auchin deutschen Sprichwörtern gelehrt, wiewohl bei allen Völkern,die Griechen nicht ausgeschlossen, aber es ist in keiner "Weisedas Eigenthümliche derselben, ja sie scheint mir insofern garnicht im deutschen Charakter- zu liegen, als man Behendigkeitden Augenblick zu benutzen darunter versteht: eher dürfte mansie in französischen Sprichwörtern erwarten. Sollte der Deutschedie ihm eigene Beschaulichkeit, den Trieb zur Erkenntnis, dieNeigung, die Tiefe der Seele zu erforschen, gerade hier, wo.sich die angeborene Natur am unbefangensten äussert, verleugnen?Die ■ lebensfrohe Heiterkeit der Griechen scheint sogar nochweniger dahin zu neigen. Freidanks Werk widerlegt nicht blossdurch den deutlich ausgesprochenen Zweck, sondern auch imEinzelnen, wo man es aufschlägt, jene Behauptung, ja derDichter spricht ausdrücklich den Wunsch aus, dass Gott ihmSelbsterkenntnis verleihen möge. Hier ist nicht einmal einGrund vorhanden, die Griechen auf Kosten der Deutschen zuerheben. Eine geistige Verwandtschaft scheint mir sogar indieser Hinsicht unverkennbar: ich habe dies schon in der Ein-leitung bemerkt und will hier nur hinzufügen, dass auch histo-rische Beziehungen im deutschen Sprichwort nicht ganz unbekanntsind, wenn auch aus begreiflichen Ursachen nicht so häufigals bei einem kleinen Volke; ich erinnere an Karies 16t undkeiser Otte, der den widerslac nicht verbieten kann.
Die Natur des Sprichworts verlangt Stätigkeit der Form,ohne welche es sich selbst aufgeben würde. Herr Dr Gervinus.aber sagt: „das Sprichwort ist bei uns im Ganzen nicht zu einer