Druckschrift 
2 (1882)
Seite
463
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VRIDANKES BESCHEIDENHEIT TON WILHELM GRIMM. 4ßg

beitreten. Er findet bei ihnen das eben auftauchende bürger-liche Element. Indessen besorge ich, muss er sich dabei blossauf die Notwendigkeit stützen, die aus seiner Ansicht hervor-geht; die Denkmäler selbst fügen sich dieser Annahme nicht.Dass moralische Gedichte schon dem 12. Jahrhundert nichtfremd waren, beweist ein Bruchstück, welches Docen in Mass-manns Denkmälern bekannt gemacht hat, ferner das noch un-gedruckte (nach 1173 verfasste) Gedicht von der heiligen Veronica,das meist aus sittlichen Betrachtungen besteht. Da ich dieStellen, worin Freidank sich zu Gunsten des Adels äussert, inder Einleitung zusammengestellt habe und, wenn er Waltherist, gar über seinen Stand kein Zweifel sein kann, so habe ichnur zu zeigen, dass auch Thomasin kein Gegner des Adelswar. Es ist nicht zu erwarten, da er selbst dazu gehörte. Be-sässen wir sein welsches Buch über höfisches Leben und höfischeSitten, so würden wir wohl aus den Belehrungen, die es ent-hielt, seine Anhänglichkeit an das Ritterthum abnehmen können.Allein sie spricht sich schon hinlänglich im welschen Gasteaus.Wenn die unadelichen Jünglinge (die unedelen kint), sagter (Bl. 6 b ), auch an Höfe kommen, so lernen sie doch nichtfeine Sitten: sie achten nur auf das Böse, nicht auf das Gute",und das bekräftigt er mit einem sehr deutschen Sprichwort: 421ich wil iu sagen daz der ber wirt niemer guot singer. Weitersagt, er: ich wil ouch daz miniu kint, diu von adel komen sint,handeln ir gesellen wol. ein ieglich edel kint sol mit werkenunt mit muote sime gesellen tuon ze guote. Anderwärts beklagter sich über einen Ritter (173), irn sult hern Keii volgen niht,von dem mir vil unwirde geschiht, der tuot mir allenthalbennot. ja ist Keii noh niht tot, und hat darzuo erben vil. Aufdie Ansicht und das Sprichwort, dass der Adel in der Tüchtig-keit bestehe, bei Thomasin wie bei Freidank, sollte mein Gegnerkein Gewicht legen, dem geringsten unbefangenen Nachdenkenkann diese Betrachtung nicht entgehen; sie findet sich schonbei Juvenal, aber auch bei dem ganz ritterlichen Winsbeke undanderen Dichtern des 13. Jahrhunderts (vgl. Einl. z. FreidankXCII. XCIII. CVI) und erlaubt durchaus keinen Schluss aufeine besondere Stimmung oder irgend einen Gegensatz.