462 VRIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM.
unrichtig verstanden hat: Freidank sagt nichts Anderes als: Maroltverwandelte (verkerte) die Weisheit Salomons in das Entgegen-gesetzte, d. h. parodierte sie, ohne im Geringsten sein Missfallendarüber zu äussern.
419 Wäre Thomasins welscher Gast ein solches leuchtendes,Epoche machendes Gedicht, wie Hr. Dr Gervinus glaubt, sobleibt es unbegreiflich, wie das 13. Jahrhundert so gleichgültigdaran vorübergehen oder vielmehr gar keine Notiz davon nehmenkonnte. Freidank, der es doch billig hätte kennen sollen, weiss,wie schon gesagt, nichts von ihm, aber ich erinnere mich auchnicht, bei einem einzigen Dichter jenes Zeitraums eine Er-wähnung oder Hindeutung gefunden zu haben. Nicht einmalder belesene Hugo von Trimberg am Ende des Jahrhundertshat es gekannt, wenigstens nicht nach den Handschriften, die icheingesehen habe. Selbst der Mangel an Codd. des welschenGastes aus jener Zeit scheint mir daher nicht zufällig. Wirsollen uns zwar von dem damaligen Urtheile nicht imponieren,es aber auch nicht unbeachtet lassen; nicht leicht hat ein ausder Mitte der Gesinnung eines Volkes hervorgegangenes Werk,wie Hr. Gervinus den welschen Gast charakterisiert, völligeGleichgültigkeit erfahren. Die vorhandenen Papierhandschriftenzeigen, zu welcher Zeit man es hervorgesucht hatte. Püterichalso kennt es und Diebold Louber, der in der Mitte des 15. Jahr-hunderts zu Hagenau Abschriften von Gedichten verfertigte,nennt es unter denen, die käuflich bei ihm zu haben sind („itemdiu himelsträze genant der welsche gast"; dieser Titel ist passend,ich weiss nicht, ob er alt ist). Mit Freidank war es anders,und die Achtung, in welcher er stand und welche durchausnicht von dem Bürgerthum abhieng, beweist auch für jemand,der ihn weniger schätzt, dass es an Sinn für Gedichte dieserArt nicht fehlte. Kann ich also in Hrn. Dr Gervinus Urtheil
420 über beide Dichter nur einen MissgrifF sehen, so fällt mir dochnicht ein, ihm deshalb die Fähigkeit abzusprechen, ein originelles,frisch aus dem Leben geschöpftes Werk von einem durch Studiumund Leetüre erworbenen zu unterscheiden.
Ebenso kann ich einer allgemeinen geschichtlichen Be-merkung, die er in Beziehung auf beide Dichter macht, nicht