VEIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM. 461
alle übrigen Untugenden davon ausgehen zu lassen und andiesen Faden jeden Einfall und jede moralische Bemerkung zuknüpfen; umgekehrt ist dann (68) die statte aller tilgende rät-gebinne, aller güete ervollunge. Hr. Gervinus sieht freilich indieser Anmahnung zur Beharrlichkeit einen nothwendig durchdie Zeit hervorgerufenen Gegensatz zu der Zerfahrenheit in derLebensansicht, welche in den Gedichten der höfischen Dichtersich darthut. Ich kann aber nirgends eine nähere Beziehungdarauf entdecken: Thomasin handelt die abstracten Tugendenund Laster ab, die in jedem Compendium der Moral ihrenPlatz haben, und nimmt die Beispiele zu letzteren nicht ausjenen Gedichten, wohl aber öfter aus der alten Geschichte undaus dem Leben aller Stände, der Fürsten, Geistlichen, Ritter,418Handwerksleute, Bauern, an welche insgesammt seine löblichenErmahnungen auch gerichtet sind; zudem glaube ich, dass diePhilosophie, welche die höfischen Dichter entwickeln, zumal beider grossen Verschiedenheit unter sich, nicht als etwas Gemein-gültiges oder nur einigermassen in der Nation Verbreitetes kannbetrachtet werden: ist doch das volksmässige Epos, selbst inseinen in der Mitte des 13. Jahrhunderts erst entstandenen Bil-dungen, niemals davon berührt worden. Hr. Gervinus möchtedem Thomasin deshalb auch gerne einige Abneigung gegenihre Werke beilegen, allein wir finden bei ihm nur die zu allenZeiten und gewiss auch damals nicht seltene, blosser Ver-ständigkeit so natürliche Ansicht, wonach die Poesie nichts alseine herausgeputzte Lüge ist. Er ertheilt daher den gutenRath, wenn man zu Verstand gekommen sei, sich nicht weitermit den Abenteuern der Dichter zu befassen, welche durch ihreEinkleidung der Wahrheit in Lüge nur dienlich seien, den Geistvorzubereiten, und bloss ein Abbild des Menschen, nicht denMenschen selbst darstellten. Ich glaube, diese nüchterne An-sicht hat der gute Thomasin nicht bloss von den höfischenDichtern seiner Zeit, sondern von allen epischen Dichtern über-haupt gehegt, deren Werke er etwa nicht für historische Wahr-heit nahm. Ihr eigentlicher Gegner aus einem tieferen Grundeist er nicht, so wenig als Freidank ein Gegner von MaroltsParodie der Salomonischen Weisheit, dessen Worte Hr. Gervinus