460 VKIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM.
thold in seinen Predigten, wenn er Tugenden und Lasterschildert, mit feuriger Rede die Zuhörer zu ergreifen und zubewegen.
Das Ganze besteht aus zehn Büchern. Das erste enthältgleichsam als Einleitung allerlei riegeln für das gesellige Leben,wie man zu Pferde sitzen soll, bei Tische sich betragen, handeltdann von der Minne und gibt- sehr vernünftige Lehren, wo-durch wir manche willkommene Aufklärung über die Sitten derZeit gewinnen. Buch 9 und 10 enthalten ähnlicherweise nachBeendigung des Hauptwerks einen Anhang; in dem 9. Buchewird zumeist über das Richteramt, weltliches und geistlichesGericht, geredet. Ich will hier, wo Thomasin gewiss eigene Be-trachtungen anstellt, ein kurzes Beispiel seiner Art und Weisezu philosophieren geben. Indem er einen Herrn belehren will,wie man guten Rath beachte, empfiehlt er ihm dreierlei zurBerücksichtigung und führt aus erstlich, dass er vernehme, wasman ihm rathe; zweitens, dass er beurtheile, wer ihm am bestengerathen habe; drittens, dass er schnell einen Entschluss fasse,was er nun thun wolle. Zu diesen sehr gewöhnlichen Gedankenfügt er ein ungewöhnliches, aber nicht glückliches Gleichnis.Auf diese Weise nämlich solle der Herr den Löwen nachahmen,der nach seiner Geburt drei Tage schlafe, am dritten aber er-417 wache. Das letzte Buch enthält in ähnlichem breitem Stil wohl-gemeinte Lehren über Freigebigkeit und Geiz (das heisst näm-lich milde und erge, nicht Milde und Argheit, wie Hr. Gervinusübersetzt), obgleich dieser Gegenstand schon früher zur Genügeerörtert war. Das eigentliche System, wenn man es so nennenwill, erfüllt Buch 2—8. Es ist bekanntlich kein grosses Kunst-stück, aus einer Tugend alle übrigen abzuleiten, aber den Ge-danken, die Beharrlichkeit (statte, stsetekeit) oben hinzustellen. und die UnVeränderlichkeit in dem Leben der Thiere undPflanzen und den Bewegungen der Planeten der sündhaftenVeränderlichkeit des menschlichen Geistes entgegenzusetzen, wieThomasin thut, kann man weder glücklich noch tiefsinnig nennen.Ich lasse unerörtert, ob das eigene Erfindung von ihm ist oderer dieses höchste Princip von anderen angenommen hat. Adamfiel durch unstsetekeit (40 b ), und so ist es weiter nicht schwer,