VKIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM. 459
Philosophie von Werth und verdiente gedruckt zu werden, nurhat eine kritische Ausgabe grosse Schwierigkeiten 1 ). Was aber 415den inneren unabhängigen Werth betrifft, so muss ich meinemfrüheren Urtheile treu bleiben: Thomasin ist ein verständiger,wohlmeinender, praktischer Mann, der nur einmal bei dem un-barmherzigen Spott über die grausamen Strafen der Ketzerstrauchelt, sonst überall eine ehrenwerthe menschliche Gesinnungzeigt: aber ich kann bei ihm weder besondere Tiefe der Be-trachtung noch Originalität der Gedanken oder frische und be-lebte Rede finden. Spräche ein genialer Geist zu uns, irgend-wo müsste er durchbrechen, wenn ich auch zugebe, dass man,von dem Gitterwerk eines Systems befangen oder von dem Ge-wicht sittlicher Ideen bewegt, wenig um den Ausdruck sich be-kümmert. Mich weht Stubenluft aus dem Gedichte an: wo esetwas lebendiger wird, hat es sicher volksmässige Grundlage.Die Gedanken wollen nicht fortschreiten: Thomasin hat eineeigene Liebhaberei an der Wiederholung und kann, was er ein-mal gefasst hat, nicht wieder los werden, z. B. den sehr massigenWitz über den halben Adler Ottos (das Schildzeichen dersächsischen Herzöge), welcher nicht fliegen könne, holt er, nach-dem er in aller Breite ist abgehandelt worden, im vorletztenBuche nochmals herbei. Besonders geschickt ist er mit geringer 416Veränderung des Standpunktes, das eben Gesagte noch einmal,ohne uns das Geringste zu schenken, vorüberziehen zu lassen.Er gehört zu den Schriftstellern, die sich in einem Auszuge,der das Beste auswählt und zusammendrängt, viel erträglicherausnehmen als in dem Original. Wie ganz anders weiss Ber-
J ) Es ist nur eine Handschrift aus dem 13. Jahrhundert bekannt, diepfälzische No. 389; sie ist alt und deshalb der Berücksichtigung -werth, aberman kann sie durchaus nicht eine gute nennen. Die Sprachformen sind durchEinführung einer Mundart entstellt, und die häufige Verwilderung des Metrumserweckt geringes Vertrauen. Ich besitze ein Blatt aus einer etwas jüngerenHandschrift, die häufig und fast immer, wo sie abweicht, bessere Lesartenzeigt. Die pfälzische ist ausserdem unvollständig, es fehlen mehrmals kleinereund grössere Stellen von 50—80 Zeilen. Wie weit man mit den nicht seltenenPapierhandschriften kommt, weiss jeder; die, welche unsere Bibliothek besitzt,enthält einen schon überarbeiteten Text; brauchbarer ist eine zu Dresden ausGottscheds Nachlass, die ich verglichen habe.