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2 (1882)
Seite
457
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VRIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM. 457

schöpferische Kraft man dem Dichter in diesem Verhältnissebeilegen will, lasse ich dahingestellt sein.

Was Hr. Gervinus. dem Freidank abspricht, Geist und Ori-ginalität, das ertheilt er mit vollen Händen einem anderen, etwasfrüheren Dichter, dem Thomasin aus Friaul, der ein ähnliches,,nur viel grösseres Werk schrieb. Sein welscher Gast ist einervon den vorragenden Lichtpunkten, an welchen Hr. Gervinus dieGeschichte der deutschen Poesie entwickelt. Da ich in derEinleitung zu Freidank CXVII ein abstechendes, meinem Gegnersehr missfälliges Urtheil über Thomasin geäussert habe, so willich mich zur Begründung desselben über diesen noch weniggekannten Dichter hier etwas ausführlicher äussern. Thomasinist ein unterrichteter, für seine Zeit sogar gelehrter Mann, deran der Betrachtung der Vergangenheit und Gegenwart Gefallenfindet. Ihm ist die griechische und römische, überhaupt diealte Geschichte nicht fremd: er weiss nicht bloss von Plato,Aristoteles und Socrates, er nennt auch andere griechische Phi-losophen (Bl. 100, ich citiere nach der pfälz. Pergamenthand-schrift No. 389, von der ich eine Abschrift genommen habe),ja er liefert ein Register von den griechischen Schriftstellern(Bl. 139), die sich in den bekannten sieben Künsten ausgezeichnethaben. Vielleicht hat er ausserdem juristische Kenntnisse be-sessen, denn er sagt (Bl. 142 a ): daz wir decret und leges hören,kumt dick da von daz wir die tören mugen effen deste baz. 413:Kenntnisse sich zu erwerben sieht er bei Männern für ebensonothwendig an, als bei Frauen feine Sitten (13 b . 14"). Alexanderhat seine Erfolge bloss dem Unterricht des Aristoteles zu danken(101 a ), er was der schrift gelert, wie Julius Caesar, der dasrömische Reich sich unterwarf (143). Deshalb sieht auch Tho-masin auf die Ungelehrten herab: gern möchte er ihnen dasVerhältnis der Wissenschaften auseinandersetzen (143 a ), ez möhtave niht gezemen, den diez niht kunnen vernemen; tset ichzmin rede wa?r unwert, die der buoche sint ungelert. Seinoberistez guot (89 b ) ist eine Übersetzung von summum bonum:ein Deutscher würde, glaube ich, hcehstez guot gesagt haben;die vier Kräfte, welchen alle Weisheit und Tugend dient, habennoch ihre lateinische Benennung beibehalten, imaginatio, ratio,