456 VRIDANK.ES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM.
wie Walther sich in die platte Form von Lehrdistichen habezwängen lassen. Platt ist eine ungewöhnliche und seltsameBezeichnung für die Einfachheit, wie sie Sprüchen angemessen
in und natürlich ist, in welchen gleichwohl grosse Geister sichauszudrücken nicht verschmähten. Bei Walther selbst findetsich ein Spruchgedicht (87. 88), wovon ein Paar Zeilen beiFreidank wieder erscheinen, welches mit einer etwas mühsamenKünstelei auszuzieren der Geist, so feurig er sonst war, geradehier Gefallen trug. Aber auch bei Dichtern, denen man wohleine noch grössere Glut der Phantasie beilegen darf, -begegnetman gnomologischen Stellen, die ohne Abänderung einen Platzin Freidanks Werk einnehmen könnten, z. B. die Lehren, dieParzifal von seiner Mutter (127, 15—128, 2) und Gurnemanz(170, 15 — 173, 6) oder die Tristan von Marke (8400 — 8431Groote) empfängt; auch in der Eneide steht (9711—28) Einigesder Art. Allein, wird Hr. Gervinus erwidern, diese Dichterbrachten gelegentlich bei schicklicher Veranlassung Sprichwörtervor, dagegen ist Freidank nichts als ein Sammler, dessen ganzleidendes Talent aller Productionskraft ermangelt. Dieser Ein-wurf gründet sich auf eine irrige Voraussetzung. Freidank hatnicht daran gedacht, Sprichwörter zu sammeln: das wäre einedürftige Sammlung zu nennen, die bei der geringsten Sorgfaltleicht zehnfach grösser hätte ausfallen können; beträgt doch,was ich bloss bei anderen Dichtern jener Zeit gefunden habeund bei Freidank fehlt, leicht ebenso viel als was in seinemWerke vorkommt; endlich, wie ungeschickt wäre die Ein-mischung religiöser und historischer Betrachtungen, die garnichts mit Sprichwörtern gemein haben, in eine solche Samm-lung gewesen. Seinem Werke lag, ich glaube das bewiesen zuhaben, ein Plan zu Grunde, zu dessen geistreicher Ausführunger die ihm bekannten Sprichwörter verwendete. Er hatte sie
412 gesammelt und erworben, nicht anders als man etwa Rechts-sprüche, Sagen, Volkspoesie, ja den Reichthum der Mutter-sprache überhaupt erwirbt: ich meine, wer dafür empfänglichist, dem fallen diese Dinge im Leben von selbst zu. Er waralso zunächst seine eigene Quelle, und was er vorbringt, darfals sein Eigenthum gelten. Wie viel oder wie wenig selbst-