VKIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM. 455
Gleichzeitigkeit und gleiche Schicksale. Sind es zwei verschie-dene Dichter, so sind sie in dem Verhältnis, von welchem hiernur die Rede sein kann, nicht als gleichzeitige zu betrachten,denn Freidank hat erst gedichtet, als Walther an dem Endeseiner Laufbahn war, oder man müsste dann auch Heinrichvon Veldeke oder gar den Pfaffen Konrad für einen Zeitgenossenvon Walther erklären. Von einem gleichen Schicksal aber weissniemand etwas. Wer sagt uns, dass Freidank wie Walther anden Höfen der Fürsten umhergezogen sei und das Leben eineswandernden Sängers geführt habe, das von so grossem Einfiussauf seine Gedichte sein musste? Das einzige Gemeinschaftliche,die Anwesenheit Walthers bei dem Kreuzzuge, wird von Lach- 410mann sogar bezweifelt. Die Behauptung, dass Freidank derNatur der Sache nach wörtlich habe borgen müssen, beweist,dass Hr. Gervinus die Ähnlichkeit mit Walther selbst nichtnäher berücksichtigt hat. Warum sollte Freidank, der beibiblischen Stellen sogar Zusätze und Änderungen sich erlaubte,bei einem anderen Dichter sich dieses Rechts begeben haben?Gibt es doch eine nicht geringe Anzahl Sprichwörter beianderen, mit welchen Freidank völlig dem Inhalte aber nichtden Worten nach übereinkommt; zudem, und das ist einHauptpunkt, besteht ein grosser Theil der Übereinstimmung mitWalther gar nicht in Sprichwörtern, sondern in zufälligenRedensarten und Ausdrücken, welche ebenso gut durch anderekonnten ersetzt werden. Vor einem blossen Hauche von oben,glaube ich, schmelzen meine Gründe nicht gleich zusammen.Allein Walthers Geist, wie wir ihn aus seinen Liedern kennen,zeigt er sich auch in Freidanks Werk? Ich lasse den Ein-wurf gelten, ich habe mir ihn selbst gemacht, aber durch dieBemerkung beseitigt, dass strophische Gedichte mit reicherBewegung keinen Schluss auf ein Gedicht in kurzen einfachenReimen erlauben. Der Unterschied zwischen Walther undFreidank ist verhältnismässig nicht grösser als zwischen denLiedern von Heinrich von Veldeke, Wolfram, Gotfried vonStrassburg und ihren erzählenden Gedichten; in LichtensteinsFrauendienst ist der Gegensatz sogar noch stärker. MeinGegner hält es für unmöglich, dass ein feurig - thätiger Geist