454 VRIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM.
zusammengesetzt ist. Dergleichen könnte auch in FreidanksZeit geschehen sein, müsste aber doch erst nachgewiesen werden.Unverschämt war eigentlich erst hundert Jahre später Boner,der, ohne seine Quelle zu nennen, eine gute Anzahl Sprücheaus Freidank in seine Fabeln einfügte. Mehr Gewicht legtaber Hr. Dr Gervinus wohl selbst auf die Behauptung, dass
408 gerade Walther von allen nachfolgenden Dichtern sei ausge-schrieben und benutzt worden. Was Wunder, wenn Freidankes nicht besser machte als die anderen alle! Wie ungeschickt,daraus für einen Einzelnen etwas zu folgern! Allein was sodeutlich am Tage liegen soll, ich kann es nicht entdecken.Wer hat Walther (ich will das in jedem Falle hier unpassendeWort beibehalten) ausgeschrieben? Etwa Neidhart, BruderWernher, der Marner, Rumland, Boppo oder späterhin Konradvon Würzburg, die fürstlichen Dichter oder endlich Hadloub?Ich finde es nicht. Hr. Gervinus nennt in dem Buche selbstden Reinmar von Zweter, aber ich behaupte, mit Unrecht;Reinmar hat in seinem Urtheile und in seinen Ansichten überdie Zeit Übereinstimmung mit Walther, wie ich selbst bemerkthabe, aber als Dichter eine ganz andere Farbe. Er neigt sichschon herab zu dem trockenen und bloss verständigen Ausdruckder späteren Zeit, steht aber sonst auf eigenen Füssen und hatnichts aus Walther ausgeschrieben: er soll die Bitterkeit gegenden Papst jenem abgelernt haben, als wenn wir sie nicht auchbei anderen Dichtern, noch heftiger bei den Troubadours,überhaupt bei der gibellinischen Partei fänden. Die Anklagebleibt also bloss auf Singenberg, dem Truchsess von St. Gallen,den Hr. Gervinus nicht nennt, haften: von ihm ist es bekannt,dass er Walther nachahmte (Uhland 60. 111. 155, Lachmann108. 149, Wackernagel zu Simrock 1, 181. 2, 156. 198), aber,wie es einem Schüler, der seinen Meister anerkennt, wohlerlaubt ist, mit Geschick, keineswegs unverschämt ausschreibend.Was soll dies eine Beispiel, oder, wenn Hr. Gervinus bei seinerAnsicht von Reinmar beharren will, was sollen zwei für seineBehauptung beweisen?
409 Weiter erklärt sich mein Gegner die grossen und kleinenÄhnlichkeiten zwischen Walther und Freidank durch ihre