VRIDANKES BESCHEIDENHEIT VON WILHELM GRIMM. 453
zeichneten Buche, in der Geschichte der poetischen National-litteratur der Deutschen von Dr G. G. Gervinus (Leipzig 1835).Der Verf. erklärt sich sehr entschieden gegen meine Vermuthung;ich will die Stelle aus der Vorrede hierhersetzen, weil es mirangemessen scheint sie näher zu beleuchten. „Der Meinung,dass Walther der Dichter dieser Sprüche sei, hätte ich michnicht angeschlossen. Dieser Dichter ist ein Sammler undborgt; jene Zeit aber fängt gerade jetzt an sehr unverschämtzu borgen; Sprüche dazu und spruchähnliche Ansprüche lassensich nicht so vom Worte trennen, dass ein freieres Borgenleicht möglich sei. Wie sehr aber Walther von allen Dichternbenutzt und ausgeschrieben ward, liegt am Tage: keinem lager aber näher als dem Freidank. Eine allgemeine Ähnlichkeit 407der Beurtheilung setzte auch ich zwischen Freidank und Walthervoraus, man nehme hinzu, dass beide in gleicher Zeit lebtenund gleiche Schicksale theilten, dass der Eine ein ganz pro-ductiver Kopf, der Andere ein ganz leidendes Talent ist, so istdas übergenug, um die grossen und kleinen Ähnlichkeiten zuerklären. Wie könnte sich ein solcher feuriger, nnruhig-thätigerGeist wie Walther, der voll von Bildern einer rastlosen Phan-tasie ist, je in die platte Form solcher Lehrdistichen habenzwängen lassen! Zwischen dem, was ein genialer Dichter inseiner besten Zeit und was er in Alter und Abnahme vorbringt,ist freilich oft ein himmelweiter Unterschied. Allein wir be-sitzen doch unstreitig manches unter Walthers Gedichten, wasaus seinem hohen Alter ist und was immer toto coelo vondiesem Freidank absteht. Auch das Urtheil des Herausgebersüber Thomasin wird niemand theilen mögen, der das Grosseeines schöpferischen Kopfes der bloss passiven Empfänglichkeitvorzuziehen weiss."
Dies alles, befürchte ich, hält nicht Stich. Gleich die ein-leitende Bemerkung, dass man zu Freidanks Zeit angefangenhabe zu borgen und zwar unverschämt zu borgen, ist ohneGrund. Nachgeahmt hat man zu allen Zeiten; Wirnt hattefrüherhin sich den Hartmann von der Aue zum Muster ge-nommen, und unter Wolframs Lieder hat sich eins eingedrängt,das aus lauter von ihm erborgten Gedanken und Redensarten